Foto: dpa

Ausnahmemannschaft : Trainer Alfred Gislason über die Rekordjagd des THW Kiel in der Handball-Bundesliga.

Kiel - Es sind noch sieben Siege bis zur perfekten Saison mit 68:0 Punkten. Den nächsten peilt der THW Kiel an diesem Mittwoch (20.15 Uhr/Sport 1) bei Frisch Auf Göppingen an. „Die Mannschaft will einfach nicht ihren Schwung verlieren“, sagt Trainer Alfred Gislason vor der Partie in der ausverkauften EWS-Arena.


Herr Gislason, ich freue mich sehr, mit dem Trainer einer unschlagbaren Mannschaft zu sprechen.
(lacht). Na ja, man hat ja zuletzt gesehen, dass zu einer Niederlage nicht viel fehlt und unsere Siege alles andere als Selbstläufer sind. Wir hatten beim TBV Lemgo große Probleme und sind 18:20 zurückgelegen.

Am Ende hat Ihr Team wie immer souverän gewonnen – mit 31:25.
Ja, aber wir müssen in jeder Partie gut spielen, um zu gewinnen. Ganz bestimmt auch am Mittwoch in Göppingen.

Rückstände bringen Ihre Mannschaft jedenfalls nicht aus dem Konzept.
Schnell nervös wird sie nicht, das stimmt.

Kein Wunder, wenn es seit Mai 2011 in 70 Pflichtspielen nur eine Niederlage in der Champions League gegen Montpellier HB gab.
Das Selbstvertrauen ist da, keine Frage. Aber wir sind auch konditionell gut drauf, und die Mannschaft weiß, dass sie jedes auch noch so enge Spiel drehen kann, weil sie immer in der Lage ist, zuzulegen.

Bei einem THW-Sieg in Göppingen und einem Punktverlust von Flensburg in Gummersbach wäre die Meisterschaft aufgrund der unein­holbaren Tordifferenz sogar schon perfekt.
Das wusste ich gar nicht, aber damit beschäftigen wir uns auch nicht.

Wissen Sie denn, ob Sie schon mal ein besseres Team trainiert haben als das aktuelle?
Ja, das weiß ich: Diese Mannschaft ist das Beste, was ich je trainiert habe.

Was ist das Erfolgsgeheimnis?
Im Gegensatz zur vergangenen Saison sind wir diesmal verletzungsfrei durchgekommen. Alle sind fit, alle sind frisch. Wir sind deutlich besser eingespielt, sehr stabil und äußerst schwer auszurechnen.

Kommende Saison bereitet Gislason Kummer


Und am Ende der Saison wollen Sie mit 68:0 Punkten in die Geschichtsbücher eingehen?
Och, das wäre ein nettes Beiprodukt, wir reden jedenfalls nie so richtig darüber, wir genießen den Moment und freuen uns auf das nächste Spiel. Und wissen Sie, was viel wichtiger ist als diese null Minuspunkte?

Sagen Sie es, bitte.
Die Mannschaft will einfach nicht ihren Schwung verlieren . . .

. . . und erst gar keine Fragen und Zweifel aufkommen lassen?
So kann man das sagen, ja.

Viele prognostizieren dem THW eine Ausnahmestellung bis 2015.
Im Sport kann sich alles schnell ändern. Eine Saison wie die laufende wird es nicht mehr geben. Berlin, Flensburg, Hamburg, auch die Rhein-Neckar Löwen werden weiter hart­näckig an uns dranbleiben.

Fürchten Sie sich vor dem Umbruch 2013?
Die Führungsspieler Thierry Omeyer und Marcus Ahlm werden dann zwar gehen und uns natürlich fehlen. Doch solche Wechsel wird es immer mal geben. Viel mehr bereitet mir die kommende Saison Kummer.

Warum?
Viele meiner Spieler kommen am 14. August von den Olympischen Spielen zurück. Am 21. August spielen wir um den Supercup. Und wir haben vier Neuzugänge zu integrieren.

Einer davon ist der Weltstar Gudjon Valur Sigurdsson. Wird er auch Ihr Co-Trainer?
Wir beide kennen uns schon sehr lange. Wir haben ihn als Linksaußen geholt, aber es kann schon sein, dass ich ihn ins Trainerteam einbinde.

Finden Sie es eigentlich schade, dass mit Berlin und Hamburg nur in zwei deutschen Großstädten erstklassiger Handball gespielt wird?
Nein, der Handball lebt doch von Traditionsvereinen wie Frisch Auf Göppingen, VfL Gummersbach oder TV Großwallstadt.

Früher oder später wird die Europa-Liga kommen


Aber marketingwirksam und medial vorangetrieben wird die Sportart bundesweit damit nicht.
Das mag sein. Aber man kann nichts erzwingen. Ich glaube, dass der Trend in die Großstädte, ausgelöst durch einzelne Mäzene oder Großsponsoren, erst mal vorbei ist.

Was halten Sie von der Idee der Einführung einer Europa-Liga?
Schwer zu sagen. Die Idee kommt vor allem aus dem Ausland. Dort herrscht eine weitaus geringere Leistungsdichte in den Ligen. ­Veszprem in Ungarn, Kielce in Polen, Montpellier in Frankreich, Kopenhagen in Dänemark oder Zagreb in Kroatien sind in ihrem Land praktisch konkurrenzlos. Sie brauchen regelmäßige Einnahmen gegen internationale Topteams, um ihre Etats zu decken.

Also wird die Europa-Liga kommen?
Früher oder später ja, mit oder ohne ­Deutschland. Aber ich bin dann nicht mehr Trainer.

Wollen Sie schon in Rente gehen?
Nein, so alt bin ich ja noch nicht. Zunächst läuft mein Vertrag in Kiel bis 2014. Dann sieht man weiter.

Wenn Sie gehen, bricht beim THW vieles zusammen, heißt es.
Warum?

Sie verkörpern die mit Abstand größte Fachkompetenz im Club. Sie haben es geschafft, den THW trotz der Manipulationsaffäre weitgehend aus den Schlagzeilen rauszuhalten.
Ich sehe das nicht so dramatisch. Der THW wird immer ein guter Club sein und einen ­guten Trainer haben.

Sie gelten als Workaholic, der zum Beispiel alle Spiele der Gegner selbst zusammenschneidet. Können Sie auch mal abschalten?
Ja, über Ostern war ich mal wieder in unserem Haus, auf dem Land, in der Nähe von Magdeburg. Da grabe ich den Garten um und fahre den Schubkarren durch die Gegend, das ist wunderbar.

Und wann endet die wunderbare Serie des THW?
Ich hoffe nicht in Göppingen. Mein Kollege Velimir Petkovic leistet dort super Arbeit, und die Mannschaft ist viel stärker als ihr aktueller Punktestand aussagt. Doch irgendwie hat das Team, ähnlich wie der HSV Hamburg, in dieser Saison die Seuche.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: