Zivilschutz, Katastrophenschutz: Die Aufgaben des Technischen Hilfswerks sind seit 76 Jahren dieselben. Doch plötzlich rückt die Unterstützung des Militärs in den Fokus.
Das THW“, sagt Dennis Raible, „ist älter als die Bundeswehr.“ Jahre, bevor die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik duldeten, wurde das Technische Hilfswerk am 22. August 1950 als Zivil- und Katastrophenschutzorganisation des Bundes gegründet.
Raible, der den THW-Ortsverband Hechingen leitet, ist einer von 88.000 ehrenamtlichen Helfern, die Hechingerin Sandra Stopper, die bei der THW-Regionalstelle Tübingen als Sachbearbeiterin für den Bundesfreiwilligendienst fungiert, ist eine von 2200 hauptamtlichen THWlern. Die HZ sprach mit ihnen über aktuelle Herausforderungen.
„Pioniereinheit“ ohne Waffen
Der Altersvergleich mit der Bundeswehr und die von Raible zitierte Definition („Wir sind eine nicht bewaffnete Pioniereinheit“) kommen nicht von ungefähr. Denn mehr und mehr wird den THWlern in diesen Tagen bewusst, dass sie nicht mehr nur bei Erdbeben, Unwettern, Waldbränden und Epidemien gebraucht werden, sondern auch als Teil der Landesverteidigung gelten. Der im vergangenen Jahr von der Bundeswehr aufgelegte „Operationsplan Deutschland“ integriert das THW als Komponente des zivilen Katastrophenschutzes in die Gesamtverteidigung. Im Kriegsfall soll das THW Aufgaben wie die Instandsetzung der Infrastruktur, die Versorgung von Truppen, Logistikunterstützung und Evakuierungen übernehmen.
Änderung im Bewusstsein
Die Kernaufgaben des THW bleiben einstweilen dieselben. „Ob eine Brücke vom Hochwasser weggeschwemmt oder durch einen Raketenangriff zerstört wird, ändert für uns zunächst einmal nichts“, schildert Raible nüchtern. „Die Infrastruktur ist weg, und wir sind mit den gleichen Fähigkeiten gefordert.“ Die erste Veränderung vollzieht sich auf der Ebene des Bewusstseins. „Nach dem Kalten Krieg“, erinnert sich Raible, „haben wir von unserer Friedensdividende gezehrt. In unserer gefühlten Sicherheit war der Verteidigungsfall nicht mehr präsent.“
In den Fokus der gesellschaftlichen Wahrnehmung rückte die „blaue Truppe“ durch Großschadensereignisse wie beim Zugunglück von Eschede 1998, beim Elbe-Hochwasser 2002 oder bei der Ahrtal-Katastrophe 2021. Bei der Ahrtal-Flut leisteten alle THW-Ortsverbände aus ganz Deutschland Katastrophenhilfe. Das THW rettete Menschen, baute Behelfsbrücken, stellte die Strom- und Wasserversorgung wieder her und unterstützte den Rückbau der Infrastruktur. Auch die Hechinger Kameraden um Dennis Raible waren beim größten Einsatz in der THW-Geschichte dabei.
Veränderte Gefahrenlage
Doch in den fünf Jahren, die seither vergangen sind und geopolitisch gewaltige Umwälzungen mit sich brachten, wurde den Helfern in Blau bewusst, dass sie sich nicht länger auf die Hilfe bei Naturkatastrophen konzentrieren können. Nun werden sie plötzlich zu gemeinsamen Übungen mit den Feldjägern aus Stetten am kalten Markt angefragt. Es geht um Szenarien zivil-militärischer Zusammenarbeit beim feindlichen Überfall auf einen Bahnkonvoi, und die Zivilschutzhelfer müssen darüber nachdenken, ab wann sie zum „legitimen Ziel“ für einen Feind werden, wo sie einen gesicherten Bereich finden und wann sie den Rückzug antreten dürfen.
„Über Angriffs- und Fluchtszenarien habe ich in den letzten 25 Jahren nicht nachgedacht“, sagt Dennis Raible. „Das ist neu, und das brauche ich eigentlich nicht.“
Die veränderte Gefahrenlage wird derweil auch optisch wahrnehmbar. Alle THW-Fahrzeuge und die persönliche Ausstattung der Helfer tragen inzwischen wieder das Zivilschutzzeichen: ein blaues Dreieck auf orangefarbenem Grund. Und die Ausrüstung selbst wird ebenfalls auf ein neues Level gehoben. Bundesweit, berichtet Raible, werden 12.000 Strahlenschutzanzüge für die Helferinnen und Helfer angeschafft. Einige davon werden auch bei den Atemschutzträgern des Ortsverbandes Hechingen ankommen. Wenn von biologischen Gefahren die Rede war, dachte man beim THW bislang an Coronaviren, an die Geflügelpest oder die Rinderseuche BSE. „Jetzt“, so Raible, „müssen wir uns mit Kampfstoffen auseinandersetzen, die uns im Verteidigungsfall begegnen könnten“: Radioaktivität, Gas, chemische Kampfstoffe. „Für den Selbstschutz der Einsatzkräfte hat das eine ganz andere Qualität.“
Ehrenamtlichen noch zumutbar?
Die Frage muss sein: Sind solche Herausforderungen ehrenamtlichen Helfern überhaupt noch zumutbar? Vom Hechinger THW-Ortsbeauftragten kommt da ein klares Ja. „Das“, so meint Dennis Raible, „ist der Preis, den jeder dafür zahlen muss, dass er in einer freiheitlichen Gesellschaft leben kann.“
Ehrenamtliche Helfer oder auch die jungen Leute, die im THW-Bundesfreiwilligendienst leisten (siehe Kasten), hätten sich für den Zivilschutz entschieden. „Alle anderen sind im Verteidigungsfall wehrpflichtig. Das“, so Raible, „ist für mich das Gegenteil von Vollkasko-Mentalität.“
Bufdi beim THW: „So viel gelernt wie im ganzen Leben noch nicht“
Beim THW
können junge Leute ein Jahr Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) leisten. Voraussetzung sind die Vollendung des 18. Lebensjahrs und ein Führerschein. Im Bereich der Regionalstelle Tübingen, die für zehn Ortsverbände zuständig ist, leitet Sandra Stopper das Sachgebiet. Die Hechingerin sagt: „Das ist eine wertvolle Aufgabe für junge Leute, die aus der Schule kommen und für ein Jahr weg von den Büchern und etwas Zupackendes machen wollen.“ Aktuell ist sie für 13 Bufdis zuständig, darunter Tobias Hug aus Reutlingen und Lakis Hauke aus Sindelfingen.
Tobias Hug
ist begeistert von seinem THW-Job, für den er monatlich 550 Euro Taschen- und Verpflegungsgeld bekommt: „Ich habe in den ersten Monaten so viel Praktisches gelernt wie in meinem ganzen vorherigen Leben nicht.“ Die Bufdis übernehmen viele handwerkliche Aufgaben, wie abschleifen, lackieren, streichen, bohren und montieren, werden als Fahrer oder Grünpfleger eingesetzt und machen Öffentlichkeitsarbeit auf Messen, wo sie anderen jungen Leuten vom Freiwilligendienst beim THW erzählen. Aber auch Einblicke in die Verwaltungsarbeit können sie auf Wunsch erhalten. „Das ist wie ein halbes Lehrjahr“, sagt Sandra Stopper. „Da wird viel Wissen mitgenommen.“
Große Vorkenntnisse
werden nicht erwartet, aber die Motivation, einen Beitrag zum Zivilschutz zu leisten. „Wir wissen es zu schätzen, dass die jungen Leute freiwillig und für ein Taschengeld ihre Zeit geben“, sagt Sandra Stopper.
Für die nächste
Jahresperiode ab September sind im Regionalbereich Tübingen noch Bufdi-Plätze frei. Bewerben kann man sich online unter der Adresse www.thw-bufdi.de.