Seit Donnerstag ist klar: Am 31. März endet offiziell die Ära Thomas Hitzlsperger beim VfB Stuttgart. Wir ziehen ausführlich Bilanz seiner Amtszeit.
An diesem Samstag verabschiedet er sich von den Fans in der Mercedes-Benz-Arena. In der kommenden Woche tauscht sich Thomas Hitzlsperger noch einmal mit seinem Nachfolger aus – dann ist Schluss. Aus. Vorbei. Dann, und offiziell am 31. März, endet beim VfB Stuttgart die Ära des Ex-Nationalspielers.
Erst war er Profi, WM-Dritter, Vize-Europameister und vor allem Meisterspieler für den VfB. Unvergessen sein Treffer zum 1:1 am letzten Spieltag gegen Energie Cottbus, das dem VfB im Mai 2007 den Weg zum Titel ebnete. Was von seiner zweiten Stuttgarter Zeit bleibt? Wird man sehen – und wohl erst in einigen Jahren abschließend beurteilen können. Ein Blick zurück lohnt sich aber schon jetzt, zum Abschied. Es ist einer auf rund sechs Jahre mit Höhen und Tiefen.
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Top 1 Im Jahr 2016 kehrte Thomas Hitzslperger zum VfB zurück – als Berater irgendwo zwischen Profiteam und Präsidium. Eine unklare Rolle, in der er schwer greifbar war – doch das änderte sich. Der Club ermöglichte dem eloquenten Ex-Nationalspieler einen schnellen Aufstieg. Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, Sportvorstand, Vorstandsvorsitzender. Überall war der Münchner auch Lernender – und das hilft dem VfB nun nachhaltig. Thomas Hitzlsperger hat stets starke Mitstreiter gesucht, geholt und ohne Eitelkeit auch stark werden lassen. Wie Sven Mislintat, den Sportdirektor. Wie Thomas Krücken, den Nachwuchschef. Wie Markus Rüdt, den er intern gefördert hat. Setzen diese Personen ihre Arbeit auch ohne den bisherigen Chef fort, ist der VfB in der sportlichen Führung weiter sehr gut aufgestellt.
Abstieg bei der ersten großen Mission
Flop 1 Es war ein ungewöhnlicher Move im Februar 2019. Nicht der Trainer musste mitten im Kampf gegen den Abstieg gehen, sondern der Sportvorstand. Hitzlsperger beerbte daraufhin Michael Reschke, Chefcoach Markus Weinzierl blieb. Zu lange, wie man später wusste. Der neue Sportchef wollte wohl nicht sofort mit einer Trainerentlassung aufwarten, sportlich verbesserte sich die Lage beim VfB seinerzeit aber nicht. Hitzlsperger zögerte lange – und vollzog erst im April den Wechsel von Weinzierl zu Nico Willig, dem Coach der A-Junioren. Der zarte und späte Aufschwung reichte nicht, um den Abstieg zu verhindern – in der Relegation scheiterte der VfB an Union Berlin. Und Thomas Hitzlsperger damit auf seiner ersten großen Mission.
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Top 2 Der Abstieg 2019 hat Thomas Hitzlsperger zugesetzt – einerseits. Andererseits stärkte er den Glauben an sein Vorhaben, dem VfB ein sportlich neues Gesicht verpassen zu müssen. Gemeinsam mit Sven Mislintat baute der Sportvorstand personelle Altlasten ab, sparte noch Geld ein und bastelte einen Kader, der zuvorderst auf Entwicklungspotenzial und Wertsteigerung setzte. Seinem Sportdirektor ließ er dabei viel Gestaltungsspielraum. Auch wenn es im Zweitligajahr ab und an holperte und sich das Risiko dieses Weges auch in dieser Saison schon gnadenlos gezeigt hat – die Identifikation mit dieser Herangehensweise unter dem Trainer Pellegrino Matarazzo ist groß bei den Fans. Und wenn es dabei bleibt, dass der VfB Jahr für Jahr Transferüberschüsse generieren muss, ist sie nicht nur stilprägend, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll.
Gesellschaftspolitisch anders aufgestellt
Flop 2 Nach dem zu langen Festhalten an Markus Weinzierl im Frühjahr 2019 passte auch Hitzlspergers zweite große Trainerentscheidung, die er im Verbund mit Sven Mislintat traf, nicht. In die Zweitligasaison startete der VfB im Sommer 2019 mit Tim Walter – der von Holstein Kiel kam und den neuen Stil prägen sollte. Doch schnell entpuppte sich der forsche ehemalige Jugendtrainer des Karlsruher SC als großes Missverständnis. Intern noch mehr wie im öffentlichen Bild und in der sportlichen Bilanz. Es passte nicht – und Thomas Hitzlsperger musste nach nur einem halben Jahr seinen Fehler korrigieren. Nach zwei Tagen Beratung erfolgte die Entlassung an einem Montagabend, einen Tag vor Heiligabend.
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Top 3 Der VfB engagierte sich schon lange vor der Zeit Hitzlspergers für soziale Projekte. Wenn es um gesellschaftspolitische Themen ging, duckten sich die Verantwortlichen aber gerne weg und verwiesen auf die politische Neutralität des Clubs. Das änderte sich unter dem Mann, der beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) Botschafter für sexuelle Vielfalt ist und sich 2014 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hatte. Mit deutlichen Statements und Signalen (etwa das Sondertrikot mit dem Brustring in Regenbogenfarben) zeigte der VfB in den vergangenen Jahren mehr denn je Flagge im Kampf gegen Diskriminierung und für Vielfalt. Zuletzt engagierte sich der Verein im Rahmen der Impfkampagne.
Viel Arbeit im wirtschaftlichen Bereich
Flop 3 Der Zeitpunkt des Hitzlsperger-Abschieds ist aufgrund des Starts seines Nachfolgers nicht unlogisch. Aber: Der scheidende Vorstandschef übergibt auch einen Verein in akut gefährdeter Lage. Der Abstieg ist trotz den Aufschwungs der vergangenen zwei, drei Wochen noch ein bedrohliches Thema, übrigens auch in der zweiten Mannschaft, die in der Regionalliga spielt. Ein erneuter Absturz würde Vieles infrage stellen – etwa die Transferpolitik mit extrem vielen externen Talenten – und den VfB wirtschaftlich noch einmal weit zurück werfen. Zwar hat Thomas Hitzlsperger das Konstrukt VfB AG recht solide durch die bisherige Coronapandemie gebracht, die staatlichen Kredite müssen aber in den kommenden Jahren zurückgezahlt werden. Und einen zweiten großen Investor, der dem VfB als passend erscheint, hat Hitzlsperger (auch schon vor der Pandemie) nicht gewinnen können. Der jüngste Deal mit Ausrüster Jako ist gut und richtig, aber eben nicht die große Lösung, die dem Club in diesen Zeiten viel Luft verschafft hätte. Auch die Sponsorenlandschaft gilt es neu zu beackern, allen voran der Hauptsponsor muss im Anschluss an die Ära Hitzlsperger neu überzeugt werden.
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Top 4 Ob der VfB Stuttgart im Nachgang der Ära Hitzlsperger sportlich erfolgreich sein wird, steht in den Sternen. Wofür er stehen möchte, ist in den vergangenen zweieinhalb Jahren aber wieder viel deutlicher herausgearbeitet worden. Jung, talentiert, leistungsorientiert in sportlicher Hinsicht. Weltoffen, tolerant und regional verwurzelt in gesellschaftlicher Hinsicht. Das Image passt – und kann in der Folge zum neuen Markenkern des VfB ausgearbeitet werden.
Flop 4 Womöglich wäre dieser positive Imagetransfer schon viel früher gelungen und hätte wirtschaftlich mehr verfangen. Der quälende Führungsstreit Ende 2020/Anfang 2021 mit all seinen Folgen hat aber Vieles verhindert. Der offene Brief in Richtung Claus Vogt war, ganz unabhängig vom Ursprung des Konflikts, Hitzlspergers größter Fehler – dass er neben der beißenden Kritik als AG-Chef dreisterweise auch noch nach dem Präsidentenamt des Vereins greifen wollte, war ein No-Go und kostete ihn Rückhalt bei vielen bisherigen Unterstützern. Das Hauptproblem: Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der beiden Führungsfiguren konnte es seitdem, trotz gegenteiliger Beteuerungen, nicht mehr geben. Auch Hitzlspergers Entscheidung gegen eine Vertragsverlängerung fußt darauf und lässt seinen eigenen, oft geäußerten Anspruch unerfüllt: den nach personeller Kontinuität an der Spitze. Den VfB hat dieser Streit zeitweise gelähmt, er hat Gräben aufgerissen, hat dafür gesorgt, dass das gedachte Miteinander von e. V. und AG bis heute nicht richtig funktioniert. Und dass nach wie vor viel Argwohn herrscht im weiß-roten Kosmos.
Nun also endet die Ära Thomas Hitzlsperger, die zudem geprägt war von der Aufarbeitung der Datenaffäre, von einer Strukturreform in der AG und von zahlreichen (für namhafte Mitarbeiter auch schmerzhaften) Personalwechseln auf Schlüsselpositionen des Verwaltungsapparats. „Wir haben nichts ausgelassen“, bilanzierte der fast 40-Jährige am Donnerstag auf Twitter und sprach von einer „intensiven“ Zeit. Er wollte den VfB Stuttgart, den er als „besten Club der Welt“ bezeichnet, fit machen für die Zukunft. Ob das gelungen ist, wird sich weisen.