Das Theaterstück Finger Weg!“ sensibilisiert Lehrkräfte für sexualisierte Gewalt – ein Thema, das angesichts der hohen Dunkelziffer in Deutschland besonders relevant ist.
Eindrucksvolle Stille nimmt den voll besetzten Raum des Landratsamts ein. „Dass es am Ende des Stücks so mucksmäuschenstill ist – das ist fast immer so“, sagt Schauspielerin Cleo Lewe. Sie spielt das 13-jährige Mädchen Paula, um das es im Stück geht.
Aufführung ab Klassen 7
Monika Wieder, Sozialpädagogin und Regisseurin des Stücks, leitete die Veranstaltung und stand gemeinsam mit Lewe für Fragen der Gäste zur Verfügung. „Das Theater ist nur ein Anstoß“, stellt Wieder fest. Sie kämen auf Anfrage an Schulen und führten das Stück vor Klassen ab der siebten Stufe auf.
Das Theaterstück behandelt nicht nur einzelne Aspekte von Gewalt. „Da ist so kurz mal alles abgedeckt“, staunt eine Besucherin. Ihre Aussage wird mit lautem Beifall unterstrichen.Direkt nach dem Stück „lassen wir die Schüler erstmal atmen“, bevor Nachbesprechungen im Klassenverband stattfinden, so Lewe. Die Schüler könnten in einem geschützten Raum offener über das Thema sprechen.
Lewe erklärt: „Ich starte gerne gar nicht unbedingt mit dem Thema Sexualität, sondern mit dem Thema, das drüber liegt: ‚Warum ist Sexualität überhaupt ein Thema, über das man sprechen muss?‘ Es gibt eine Art, in der wir alle über Sexualität sprechen, ohne es zu merken – nämlich Schimpfworte.“
Anlaufstellen für Betroffene
Auch das Thema sexuelle Gewalt wird behandelt: „Dazu gehören nicht nur Vergewaltigung. Übergriffe fangen eben schon da an, wenn mich jemand anfasst, wo ich es nicht möchte.“ Es gehe auch um die Verantwortung, Grenzen zu wahren, und Anlaufstellen, an die sich Betroffene wenden können.
Ein weiterer Aspekt, der im Stück aufgegriffen wird, sei „Cyber-Grooming“. Der Begriff beschreibt die gezielte Manipulation von Kindern und Jugendlichen über das Internet. Allem voran dominiert die Frage: „Was ist sexuelle Gewalt, warum entsteht sie und wie kann ich mich schützen?“
Beratungsstelle vor Ort
Die Beratungsstelle OnyX war zur Veranstaltung mit dabei und verteilte Flyer. „Es macht Sinn, die örtliche Beratungsstelle dazu zu holen, damit die Hemmschwelle, sich dort Hilfe zu holen, geringer wird“, so Wieder. Das Stück soll in diesem Jahr noch an etwa 300 Schulen im Landkreis Calw und 1200 Schulen deutschlandweit gezeigt werden. Für Schulen, welche die Kosten nicht übernehmen können, gibt es die Möglichkeit, Zuschüsse zu erhalten – Voraussetzung dafür ist ein langfristiger präventiver Plan. Bei Interesse kann eine Mail an moni.wieder@web.de verschickt werden.
„Wir sind viel, aber wir sind nicht nachhaltig“, sagt Wieder. „Der Mut fehlt oft. Denn seien Sie mal ehrlich: Wie mutig sprechen wir über Sex? Das ist einfach ein heikles Thema.“ Lehrkräfte könnten das nicht alles alleine auffangen. Auf die Frage, was Schauspielerin Cleo Lewe den Schülern mitgeben möchte, sagt sie: „Die Schüler sollen mehr darüber sprechen.“ Wieder ergänzt: „Mut haben.“ Die Sichtungsveranstaltung hinterlässt bei den bewegten Lehrkräften nicht nur Inspiration, sondern regt auch zu konkretem Handeln an – im Unterricht wie im Umgang mit Schülern. Sie macht deutlich, dass das offene Gespräch über Sexualität und Gewalt ein wichtiger Schritt in Prävention und Sensibilisierung ist.
Was ist OnyX?
OnyX?
ist Beratungsstelle für sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen bis 21 Jahren im Landkreis Calw mit Hauptsitz in Nagold. Als Teil der Jugendhilfe bietet die Beratungsstelle Betroffenen, aber auch Eltern und Fachkräften Beratung zu dem Umgang mit diesem Thema. Auch übergriffige Kinder bis 14 Jahre können beraten werden.