Geschlechterkampf mit Plüschteddy: Therese Dörr und Gábor Biedermann in „Offene Zweierbeziehung“ im Schauspielhaus Stuttgart. Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Andreas Kriegenburg bringt den Komödienhit „Offene Zweierbeziehung“ von Dario Fo und Franca Rame auf die Bühne des Schauspielhauses Stuttgart. Lohnt die überdrehte Inszenierung den Besuch im Theater?

Eine Komödie ist eigentlich eine Zumutung. Es soll über Themen gelacht werden, die tragisch sind oder zumindest seltsam. So auch am Samstagabend im Stuttgarter Schauspielhaus bei der Premiere von „Offene Zweierbeziehung“, wo die Schauspielerin Therese Dörr sich ans Publikum wendet und die „Frauen ab 38“ anspricht.

 

Sie führt energisch und feixend vor, wie sie beim Einkaufen im Supermarkt die „gute alte deutsche Kniebeuge“ in ihren Alltag integriert bekommt, um Beine und Hängepo zu trainieren. Wie sie einen sexy Hüftschwung übt, hungert und täglich „jog-gen“ (überdeutlich und mit j ausgesprochen) soll, „schoppen“ geht und grellpinkfarbene Leggings anzieht, um dann, ja – was? Um am Ende Chancen bei 80-Jährigen zu haben.

Gábor Biedermann spielt Vater und Sohn

Auf diese Ideen kommt sie nicht mal selbst, sondern wird durch ihren Teeniesohn dazu angeleitet, einen herrlich nölenden, angehenden Macho. Ganz der Vater. Daher spielt Gábor Biedermann in fliegendem, Haare verwuschelndem und wieder glättendem Wechsel gleich beide Rollen.

Man lacht, dabei ist das doch traurig und merkwürdig aus der Zeit gefallen. Dario Fos und Franca Rames Stück von 1983 handelt aber eben davon. Von einer Ehe, die – nach Ansicht des Mannes – ins Kriseln geraten ist und mit erlaubten Seitensprüngen aufgefrischt werden soll, aber auch davon, dass so eine offene Beziehung keine Lösung ist. Denn, so Dörr mit süffisantem Lächeln, „die offene Zweierbeziehung hat ihre Nachteile, und die Hauptregel heißt: Soll die offene Zweierbeziehung funktionieren, dann darf sie nur nach einer Seite geöffnet sein – nach der Seite des Mannes! Denn falls die Beziehung nach beiden Seiten geöffnet wird, entsteht Durchzug.“

Die überdrehte Komödie – Franca Rame war seit den 60er Jahren eine Kämpferin für die Selbstbestimmung der Frau – ist vor allem ein Emanzipationsstück alter Schule. Ohne zu viel zu verraten, wird die Frau sich nicht mit Stretching-Übungen begnügen, um sich aus der emotionalen und finanziellen Abhängigkeit von diesem bei Stress angst-furzenden Buchhalterehemann zu befreien und ein selbstbestimmtes Leben zu führen – mit oder ohne nobelpreiswürdigen, kernigen Atomphysiker mit Schlagerschmelzstimme als neuen Liebhaber.

Hohes Tempo, Slapstick, Wortwitz

Andreas Kriegenburg (59), ein vielfach ausgezeichneter und zum Berliner Theatertreffen eingeladener Bühnenbildner und Regisseur, siedelt das Stück in einem heutig wirkenden, cleanen Loft an, mit Deckenbalken, an denen die Schauspieler immer wieder mal baumeln können. Und er geht komödiantisch in die Vollen, setzt auf hohes Tempo, Slapstick, Wortwitz. Therese Dörr und ihr Kollege Gábor Biedermann stürzen sich dankbar auf jede Pointe, kosten jede Absurdität aus. Es wird geschwitzt, gejammert und gekeift, Münder stehen offen, Augenbrauen schnellen in die Höhe.

Ein riesig großer Plüschteddy dient wahlweise, um die vereitelten Suizidversuche der Frau nachzustellen, mal eine ältere Geliebte oder eine jugendliche Freundin des Mannes auftreten zu lassen, mit denen die Frau zum Frauenarzt gehen soll, damit er ihr zwecks Verhütung eine Spirale einsetzt, worauf sie ihm droht: „Ich sag dir, mein Lieber, vorher verpasse ich dir eine Spirale . . . und zwar durchs Präputium! Dann machst du wie eine Windmühle Pipi!“

Atemlos geht es fort und fort, damit einem ja nicht der naheliegende Gedanke kommt, dass das heute vor allem auf Boulevardbühnen noch gespielte Werk Staub angesetzt hat. Heute diskutiert man andere amouröse Lebensformen, fragt sich, wie eindeutig Geschlechterrollen überhaupt noch sind; andere Kampfzonen des Beziehungslebens haben sich aufgetan.

Trotzdem ist es lustig zuzuschauen, wie sich Mann und Frau das Leben schwermachen, immer wieder aus der Rolle fallen, das Publikum als Kampfrichter ihres Geschlechterkampfs entweder mit Eis oder mit Sekt bestechen wollen. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, auch wenn dem Abend zwischendurch gern einmal eine stille Sekunde gutgetan hätte.

Großartige Schauspieler

Dörr und Biedermann harmonieren prächtig, wie sie sich umtänzeln, aufeinander sitzen, aufeinander schießen, zwischen die Beine treten, feixen, wenn der andere leidet, Krokodilstränen weinen. Schier vergisst man die etwas papiertigerhaft anmutende Versuchsanordnung, dass die Frau dauernd droht, sich umbringen zu wollen, weil der Mann nicht mehr mit ihr schlafen will, und der Mann mit Goldkette um den Hals jubelt, weil er ohne Gewissensbisse fremdgehen kann. Und der aber ebenfalls sofort mit Suizid droht, als sie ihm von ihrem neuen Freund berichtet, einem Gitarre spielenden, Schlagerhits schreibenden, selbstredend jüngeren superschlauen Atomphysiker (der dennoch gegen Atomkraftwerke ist).

Der neunzigminütige Abend hat etwas von einem Komödienklassiker mit Rock Hudson und Doris Day. Es ist das große Verdienst von Regie und Ensemble, dass jede Pointe funktioniert, jeder verbale und körperliche Treffer sitzt – großartiges Theater, wenn man mal weniger zum Denken aufgelegt ist und einfach nur Spaß haben will.

Info

„Offene Zweierbeziehung“
  ist wieder am 3., 6., 19. und 28. November und am 2., 22. und 28. Dezember zu sehen.

„Zeit wie im Fieber – Büchner Schrapnell“
 heißt die nächste Premiere. Die Uraufführung von Björn SC Deigners Text findet am 11. November im Kammertheater statt.

„Ronja Räubertochter“
 von Astrid Lindgren kommt auf Bühne des Schauspielhauses. Premiere ist am 12. November.