In den bissigen Chansons von Annett Louisan kommen Männer nicht immer gut weg. Foto: LICHTGUT/Zophia Ewska

Die Chansonsängerin Annett Louisan verbindet den Sound der 1960er und 1970er Jahre mit bissigen und gesellschaftskritischen Texten. Das Publikum zeigte sich von ihrem Auftritt in Stuttgart begeistert.

Es ist ein schillernder Auftritt, den Annett Louisan am Samstagabend im Stuttgarter Theaterhaus hinlegt. 20 Jahre ist es her, dass sie sich mit ihrem ersten Hit „Das Spiel“ in die Herzen vieler Deutscher sang, die ihr bis heute treu geblieben sind. Mit ihrer zarten Stimme, ihrem feenhaften Auftritt und ihren poetischen Texten verzaubert die inzwischen in der Mitte des Lebens angekommene Sängerin ihr Publikum, das sich gerne auf eine musikalische Reise ins Ungewisse mitnehmen lässt, die sowohl von bissiger Heiterkeit als auch von Melancholie geprägt ist.

 

Louisan präsentiert ihr 2023 erschienenes Album „Babyblue“ über den Blues in der Mitte des Lebens, mit dem sie nach einer neuen Rolle für sich sucht. Schon während des Openers „Die mittleren Jahre“ wird deutlich, dass sie diese auch gefunden hat: Mit ihren selbstironischen Chansons vermag es die Sängerin, ihr Publikum davon zu überzeugen, dass Älterwerden nichts Schlechtes sein muss. Sicher, mit Mitte 40 sei die Euphorie der Jugend verflogen, so Louisan. Und dennoch will die „hoffnungslose Romantikerin“ nicht wieder 20 sein.

In der ersten Konzerthälfte dominieren die melancholischen Momente

Die zierliche Frau im glitzernd-engen Kleid scheint fast zu schweben, während sie den Song „Klein“ singt, in dem es heißt: „Trüg’ ich mein Herz auf endlosen Beinen, könnt’s auch nicht größer sein.“ Mit Mitte 40 nimmt man die Dinge gelassener, was nicht heißt, dass es nichts mehr zum Träumen gebe. Vor allem Männer kommen an diesem Abend in Liedern wie „Arsch“, „Two Shades of Torsten“ und „Das Universum schlägt zurück“ nicht besonders gut weg.

Gekonnt nimmt die Sängerin einen durch wirre Verschwörungstheorien („Große Hände“), Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit („Babyblue“) geprägten Zeitgeist aufs Korn. In der ersten Konzerthälfte dominieren jedoch die melancholischen Momente, in denen die Sängerin über die Vergänglichkeit des Lebens und wahre Liebe sinniert („Wenn ich einmal sterben sollte“, „Was haben wir gesucht“).

Ausgelassene Stimmung nach der Pause

In einem langen, ausgeschnittenen zweiten Outfit kehrt Louisan nach der Pause unter anerkennendem Raunen des Publikums auf die Bühne zurück und entzückt die Zuhörer mit bekannten Liedern wie „Das Gefühl“ oder „Die Katze“. Mal verführerisch, mal verschmitzt wendet sich die charismatische Sängerin an ihr Publikum, das textsicher bei den Refrains mit einstimmt oder im Takt schnipst. Bei dem heiter-mitreißenden Song „Das alles wäre nie passiert“ springen einige Fans prompt von ihren Sesseln auf und lassen sich zu einer spontanen Tanzeinlage vor der Bühne hinreißen. Auch nach zwei Jahrzehnten und mehr als 200 Titeln wirkt Louisan, die wohl zu den bekanntesten Chansonsängerinnen in Deutschland gehört, alles andere als müde. Sie nimmt ihr Publikum mit auf der Suche nach neuen Ufern, ohne ihre Anfänge zu verleugnen. Als sie als dritte Zugabe „Das Spiel“ anstimmt, klingt ihre Stimme so unschuldig, sanft und unverwechselbar wie zur Zeit ihres Debütalbums „Bohème“. Das Publikum lässt sie an diesem Abend mit dem Gefühl zurück, dass die Zeit weitergeht, aber doch am Ende alles gut ausgeht. Dafür dankt es ihr mit lang anhaltendem Applaus und Standing Ovations.