Meist mit Dämpfer: Sven Regener Foto: Kai Bliesener

Bei den Jazztagen im Theaterhaus hat das Trio um den Trompeter und Element of Crime-Frontmann Sven Regener dem Publikum die Essenz des Jazz nahegebracht.

Superlative sind ja selten angemessen, hier wäre mal einer möglich: Was der Trompeter Sven Regener, der Schlagzeuger Richard Pappig und der Pianist Ekki Busch am Gründonnerstag im ausverkauften Saal T2 des Theaterhauses darbieten, ist der vielleicht reduzierteste Jazz der Welt.

 

Das Trio stellt die wunderbaren Hauptmotive großer Jazz-Standards ausgiebig ins Schaufenster und zelebriert sie auf intensive Weise. Das hört man selten, es ist fast schon ein Gegenentwurf; traditionell neigen Jazzcombos ja eher dazu, die Themen nur kurz anspielen und solistische Passagen zu betonen.

Regener umkreist die großen Melodien

Miles Davis’ Cool-Cat-Nummer »Freddy Freeloader« gibt es da zu hören, das fröhliche »Turnaround« von Ornette Coleman, die herzzerreißende Ballade »All Alone« von Billie Holiday und Charles Mingus’ elegant hingeworfene »Nostalgia in Times Square«. Außerdem eine bemerkenswert dichte Version von Thelonius Monks oft gespieltem Evergreen »Round Midnight« und Horace Silvers famosen »Song for my Father«.

Regener spielt gerne mit Dämpfer, variiert hier und da und schwingt sich gelegentlich zu kurzen solistische Passagen auf; vor allem jedoch umkreist er mit Verve die großen Melodien. Die tragen tatsächlich derart gut, dass man sie sehr oft hintereinander hören kann – das ist die steile Lernkurve des Abends.

Ab und zu verrutscht mal ein Ton, aber so ist eben die Lebensachterbahn: eine selten geradlinige Abfolge von Gemütszuständen. Davon kündet der gebürtige Bremer mit der Trompete genauso poetisch und einfühlsam, wie er es als Vorsteher der Berliner Band Element of Crime mit Worten tut. Regener gehört zu den großen zeitgenössischen Geschichtenerzählern, nicht zufällig ist er auch ein erfolgreicher Romancier: Niemand hat das Dasein der in den Tag hineinlebenden Abenteurer, Rebellen und Wehrflüchtigen in der ummauerten Dornröschen-Oase Westberlin treffender auf den Punkt gebracht als Regener in „Herr Lehmann“.

Das Trio zelebriert Hauptmotive großer Jazz-Standards Foto: Kai Bliesener

Daran erinnert ein wenig nachdenklich »Chamisso Square«, eine Eigenkomposition des Jazz-Trios zum Bergmannkiez. In Momenten atmet das selbst verfasste Repertoire von Regener, Pappig und Busch auch den Geist eines anderen Berlins, in dem Menschen vor 100 Jahren erstmals eine turbulente, leider kurze Episode kreativer Freiheit feierten.

Das Trio hat seine eigene Mission

Pappig rührt solide mit den Besen und zeigt, dass sich mit wesentlichen Schlagwerks-Techniken viel anstellen lässt. Ekki Busch am Piano lässt sich in seinem kurzen Soli gerne melodisch treiben. Und beide haben ihre Momente, in denen sie glänzen. Dafür gibt es den im Jazz üblichen Szenenapplaus.

Regener, Pappig und Busch sind unprätentiöse Stilisten, ihre Mission ist eine andere als die der großen Virtuosen: Sie bringen die Essenz des Jazz auf den Punkt. Und erreichen damit auch ein Publikum, das diese Musik sonst nicht zu verstehen glaubt oder für anstrengend hält. Im Theaterhaus bekommt es dafür tosende Ovationen.