Eines ist sicher: ohne Werner Schretzmeier wäre das Stuttgarter Kulturleben ärmer. Und nicht nur das. Foto: Annette Cardinale/Theaterhaus

Leidenschaftlich streitet Werner Schretzmeier mit künstlerischen Mitteln für eine offene Gesellschaft. Am Sonntag wird der Theaterhaus-Lenker 80 Jahre.

Eine der schönsten Aufführungen im Theaterhaus Stuttgart ist jener Moment, wenn eine sonore Stimme das „hochverehrte Publikum“ begrüßt. Überaus höflich, aber von eigener Bestimmtheit in der Bitte, die jeweils richtige Halle anzusteuern. Werner Schretzmeiers Theaterstimme schafft Vertrauen, bestätigt den Aufenthalt in einer Sphäre des denkbar anderen. Legt Schretzmeier das Mikrofon zur Seite, verändert sich der Ton. Betonte Sachlichkeit lässt Distanz entstehen. Vielleicht, weil Schretzmeier, der am Sonntag 80 Jahre alt wird, sehr genau weiß, dass man in seiner Position eines nie sein kann: sicher.

 

Seit 39 Jahren steht Schretzmeier an der Spitze des Theaterhauses Stuttgart. Und immer noch blickt er vor allem nach vorne. Auch und gerade jetzt, da herannahende Wahltermine dämmern lassen, dass die Idee eines demokratischen und offenen Landes nicht die Idee aller bleiben muss. „Grundlage für unsere kulturelle Arbeit ist Toleranz und Respekt füreinander, miteinander“, sagt Schretzmeier – „es geht darum, zu verbinden und nicht zu spalten. Das alles mit klarer demokratischer Haltung gegen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus“.

Keine Zeit für Worthülsen

„Für Worthülsen“, sagt Schretzmeier weiter, „haben wir keine Zeit mehr. Wir schauen nicht nur zu, wir mischen uns ein.“ Etwa mit den hauseigenen Schauspielproduktionen. „‚Wer lange wartet, stirbt‘, thematisiert den Klimawandel“, sagt Schretzmeier, „,and now Hanau’ die rassistischen Morde in Hanau. ,Saliha und Die deutsche Ayse’ würdigt die erste Generation von Gastarbeiterinnen. Und mit ,Ich werde nicht hassen’ versuchen wir, eine Antwort auf den Dauerkonflikt Israel Palästina zu finden.“

Hier wird deutlich, was Schretzmeier meint, wenn er sagt: „Man muss überzeugt sein, man muss eine Leidenschaft haben.“ Leidenschaft – Schretzmeier spricht dieses Wort aus wie eine Verpflichtung. So bekommen seine Sätze etwas Unbedingtes – nicht ohne die Bereitschaft zur Kurskorrektur. Eines aber verteidigt Schretzmeier bis heute: die Vielstimmigkeit im Theaterhaus – von Comedy und Konzerten über Showblöcke und bitterernstes Schauspiel bis hin zu den Glanzlichtern von Eric Gauthier und seiner Gauthier Dance Company. „Ich gehe immer noch davon aus“, sagt Schretzmeier, „was wir – Gudrun Schretzmeier, Peter Grohmann und ich – uns 1985 geschworen haben: In dem Moment, wo das Theaterhaus ein Gemeindehaus wird, hören wir auf. Man darf nicht als ,closed society’ agieren. Schon in der Manufaktur ging es darum, dass etwas geöffnet wird, und dieses Öffnen hat sich über die Jahre qualifiziert und differenziert.“

Schretzmeiers Selbstbeschreibung ist zugleich eine Antwort darauf, was jene mitbringen müssen, die das Theaterhaus Stuttgart in fernerer Zukunft lenken: „Ich stehe jetzt seit der Eröffnung der Manufaktur am 10. Februar 1968 im Wind. Und ich war immer bereit, höchstes Risiko zu übernehmen.“ Und: „Man muss vorher wissen, was man anstiftet, darf niemals mit der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern spielen.“