Mit „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ zeigt das Theater Rampe eine kurzweilige Performance-Lesung, bei der zwischen Utopie und Dystopie Fragen an die Gegenwart gestellt und Erinnerungen an Ostdeutschland erzählt werden.
Es wird getrunken, gelacht und gerungen, und das in schwarzen Overalls und mit Bowle. Humorvoll soll es sein, und das mit Schuss. Ein bisschen wehtun darf es auch. In ihrem Buch „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ erinnern Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann an das Ostdeutschland, das sie kannten. Sie sind die Jahrgänge 64, 76 und 78 und ihnen geht es um Erinnerungsfetzen und Widersprüche, um die Vielschichtigkeit von Prägungen und um mit den Jahren fremd gewordene Ideale.
Wer war eigentlich diese Ostfrau? Und was wäre ein idealer Staat? Wie war das noch bei Platon, Adorno, Marx und Christa Wolf? Zwischen Utopie und Dystopie analysieren und diskutieren die Autorin, die Dramaturgin und die Soziologin zur Ost-Westdeutschen Geschichte, um das Bewusstsein dafür zu behalten und mit gewitztem Clou auf die Gegenwart zu referieren. Wer behauptete noch, dies sei nur eine Fußnote der Geschichte gewesen? Weniger Stereotype und mehr Freiheit, so fordern sie und Fußnoten, die gibt es in ihrem Buch recht viele.
Humorvoller Abend im Theater Rampe
Unweigerlich wird oft gelacht am Freitagabend im gut besuchten Theater Rampe, das in Kooperation mit dem Literaturhaus die szenische Performance-Lesung ausgerichtet hat. Im Schlagabtausch besprechen die drei, heute in Berlin lebenden, Freundinnen beinah alle Klischees, die es zur ostdeutschen Frau wohl geben mag. Die sogenannte werktätige Frau war unprätentiös, im besten Falle war sie eine ikonische Figur, die Gabelstapler fuhr. Und Gendern war normal.
Sieben Nächte, sieben Kapitel, nehmen sie sich Zeit. Und wer sich noch nie das Prinzip der Dialektik anhand des Kinderspiels Gummitwist hat erklären lassen, der kann das hier nachholen: These-Antithese-Synthese, darauf ein Wiederspruch, und noch einmal von vorn. Seite-Seite-Mitte-Seite-raus. An ihren Küchentisch mitgebracht haben sie Wodka, Perlzwiebelchen und Buletten. Was machte der Neoliberalismus mit ihrem und dem Leben ihrer Eltern? Und wer sich nicht wehrt, der verliere die Demokratie, so sagen sie. Warum wählt man in den Dörfern AfD? Was wurde aus dem ostdeutschen Bergarbeiter? Wie viele Klischees können wir ertragen?
Ostalgie, ja - und sehr viel Aufklärung. Und in der siebten Nacht, da war es dann vollbracht? Nicht ganz. Der Geruch eines ostdeutschen Deodorants weht fahl-süß durch den Raum. Das muss man schon ertragen. Und wer brauche Bananen, so fragen sie, wenn es Bowle mit Dosenmandarinen gibt.
Annett Gröschner, Peggy Mädler, Wenke Seemann: Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat. Hanser Verlag. 320 Seiten. 22 Euro