Schauplatz Schwabenbräu-Passage: Das Theater Lokstoff hat ukrainischen Künstlerinnen und Filmemachern eine Bühne bereitet für Videoarbeiten aus und über den Krieg.
Was für eine Fülle. So viele Platten und Schüsseln stehen auf dem Tisch, ein Festmahl. Am Tisch versammelt sich die Familie zum Essen. Und dann wird es auf einen Schlag stockdunkel im Zimmer, die grellen Lichter, die am nächtlichen Himmel zu sehen sind, verheißen nichts Gutes. Weihnachten in der Ukraine. Das Video gehört zu den kürzeren, die bei „At the Table“ in der Cannstatter Schwabenbräu-Passage zu sehen sind. Der Tisch als zentraler Ort, das ist das Leitmotiv, das die vier Videoarbeiten ukrainischer Filmemacherinnen, Theaterleute und Künstler in dieser Produktion des Theaters Lokstoff verbindet.
Am Tisch wird auch gebastelt: eine Kerze aus Pappstreifen und Paraffin in einer Blechdose für die Soldaten im Graben. „Ukrainisches Hygge“ ist dieser Kurzfilm in der Art eines Youtube-Tutorials mit feiner Ironie betitelt. Und während die Bastelanleiterin die Dose mit gerollten Pappstreifen füllt, kommt sie auf gedankliche Nebenwege und fragt sich, wo dieses eine Foto abgeblieben ist, das ihr so wichtig ist. Mehr müssen wir gar nicht wissen, um zu merken, dass der Bastlerin die Gemütlichkeit komplett abhandengekommen ist. Von wegen hygge.
Die Passage funktioniert als Spielstätte
„At the Table“ ist aber glücklicherweise mehr als ein Kinoabend in kurzen Sequenzen. Das fängt schon damit an, dass die Videos nicht an die Wand projiziert werden, sondern auf Campingtische. Die Lokstoff-Macher wissen, wie man mit kleinen Interventionen den öffentlichen Raum zur Bühne macht. Hier sind es Tische, Fotos und Koffer, die im Treppenhaus der dem Abriss geweihten Schwabenbräu-Passage in der Bahnhofstraße platziert sind. Ein Ort, der einen in seiner Hässlichkeit schier überwältigt: Taubenabwehrstacheln, weiße Kacheln und Rauputz an der Wand und eine groteske Ansammlung von spitzen, sinnbefreiten Torbögen. Aber er funktioniert als Spielstätte.
„Danke, dass ihr uns zugehört habt“
Am Anfang und am Ende des Abends stehen keine Filme, sondern Szenen: Da ist die junge Frau, die auf der Terrasse der früheren Hausmeisterwohnung einer Freundin über die kurze Liaison mit einem Belarussen berichtet. Bis es Alarm gibt und sie panisch Tape ans Fenster klebt. Zum Schluss dürfen alle um einen sehr großen Tisch sitzen: Mariia Hryshchenko berichtet warmherzig von österlichen und weihnachtlichen Essensritualen, lässt die Zuschauer Eier ditschen und füllt den Raum mit ihrer schönen Stimme und einem gesungenen Ave Maria. „Danke, dass ihr uns zugehört habt“, sagt sie am Ende. Es war uns, nein, kein Vergnügen, aber eine Bereicherung.
At the Table: 29., 30. April, 19 Uhr. Schwabenbräu-Passage. Die Videos werden auch präsentiert auf https://atthetable.art/.