Das Spielzeitteam von Tempus fugit bringt Brechts „Leben des Galilei“ als dichtes Kammerspiel ins Kesselhaus in Weil am Rhein.
Was ist die Wahrheit und wer definiert sie? Diese Frage stand am Mittwochabend wie ein unsichtbares Fragezeichen über der Bühne im Kesselhaus in Weil am Rhein, wo Bertolt Brechts Klassiker „Leben des Galilei“ Premiere feierte.
Hohen Anspruch gesetzt
Im veranstaltungsreichen Jahr des Theaters Tempus fugit markiert die Aufführung des Spielzeitensembles einen Höhepunkt. Hier agieren keine Laien im herkömmlichen Sinne, sondern zwölf junge Erwachsene, die bei Fugit eine einjährige Grundausbildung durchlaufen. Neben Theaterpädagogik und Kulturmanagement gehört das Schauspiel zur Ausbildung. Entsprechend hoch ist der Anspruch, mit dem sich die Gruppe unter der Regie von Vaclav Spirit dem Stoff nähert.
Drei Fassungen hinterließ Brecht: das Original aus dem dänischen Exil (1938/39), entstanden unter dem Eindruck der Atomspaltung durch Otto Hahn; die amerikanische Version (1945–47), bei der sich die „Biografie des Begründers der neuen Physik“ nach den Bomben auf Hiroshima laut Brecht „von heut auf morgen anders las“; und schließlich die Berliner Fassung kurz vor seinem Tod. Allen gemein ist der Konflikt zwischen wissenschaftlicher Beweisbarkeit und dogmatischer Ideologie.
Die Proben begannen vor Weihnachten. Regisseur Spirit und Regieassistentin Angelika Ebert wählten für die Inszenierung einen radikalen Zugriff und reduzierten das Werk auf 45 Minuten, die durch das Leben des italienischen Astronomen führen – bis zu jenen letzten Jahren, die Galilei als „Gefangener der Kirche“ verbringt. In Weil endet das Stück mit dem Satz, der längst in den allgemeinen Zitatenschatz gewandert ist: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat“ – „Nein, unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“
Zuschauer in der Arena
Die Bühne wurde in die Mitte des Saals verlegt, flankiert von je vier Reihen Zuschauerrängen, was das Publikum in eine Arena-Situation verfrachtet. Das Konzept bricht die vierte Wand: Einige Plätze waren als „reserviert“ ausgewiesen – unter anderem für den Papst, toll gespielt von Casiopeia Vaca Maldonado, die keinen Zweifel an dessen Unfehlbarkeit lässt und wie andere Mitwirkende mitten unter den Zuschauern das Geschehen kommentiert.
Im Zentrum der hell geschminkten Gesichter des Ensembles steht indes Alexandre Glanz als Galilei. In der schwarzen Robe des Gelehrten bringt er Galileis Erwägungen mit fast hemdsärmeliger Nonchalance über die Rampe. Sein berühmtes „Ich habe widerrufen, weil ich den Schmerz fürchtete“ wirkt umso nachvollziehbarer.
Unvermindert aktuell
Ihm gegenüber stehen starke Widerparts, die den für das Stück typischen Disput mit Leben füllen – allen voran in der Szene, in der sich die Akteure in einem Feuerwerk aus Sprüchen Salomos übertrumpfen. So überzeugen Paul Holler als charakterstarker Kurator, Lilo Schlitt als Andrea und Johanna Kübler als Sagredo ebenso wie Hannah Feistkorn als Prälat. Die Inquisition erhält durch Jeremiah Heiler und Keana Müller ein Gesicht, während Carina Seifert als Philosoph und Audrey Oddlokken als Astronom die akademische Seite der Debatte schärfen, komplettiert durch Milo Zauritz und Emma Hobrecker als Mönche.
Leichtfüßig dank gesanglicher Ebene
Die Leichtfüßigkeit der Aufführung ist auch der gesanglichen Ebene zu verdanken. Anne Ehmke komponierte die Musik, darunter einen Rap. Das Ensemble, das im Rahmen des Praktikums auch vier Wochen Gesangsunterricht bei Ehmke erhält, begleitete sich zudem mit Bratsche, Akkordeon und Tamburin.
So wie Brecht die historische Figur nutzte, um die Gegenwart zu spiegeln, funktioniert das Stück auch heute. Vaclav Spirit verzichtete auf plakative Aktualisierungen: Die Parallelen zu Wissenschaftsskepsis und „alternativen Fakten“ liegen auf der Hand. Das sah auch die Weiler Oberbürgermeisterin Diana Stöcker so, die direkt von der Kreistagssitzung in Lörrach zur Premiere in Weil eilte: „Das Stück ist auf vielerlei Arten bis heute aktuell.“
Weitere Aufführungen
Weitere Aufführungen gibt es im Theater Tempus fugit in Lörrach. Diese sind am Donnerstag, 19. März, 10 Uhr, am Freitag, 20. März, 10 und 19.30 Uhr, sowie am Samstag, 21. März, 19.30 Uhr. Im Bürgersaal Rheinfelden wird das Stück am Dienstag, 12. Mai, 10 und 19.30 Uhr, sowie am Mittwoch, 13. Mai, ab 10 Uhr aufgeführt.