Hamlet (Franz Pätzold) im Schauspielhaus Stuttgart – total genervt von seiner Mutter (Katharina Hauter) und Onkel Claudius (Felix Strobel), der nun sein Stiefvater ist. Foto: T+T Fotografie / Toni Suter + T

Burkhard C. Kosminski inszeniert Shakespeares „Hamlet“ in Stuttgart, lädt einen Theaterberserker ein und hat eine interessante Inszenierungsidee. Warum funktioniert sie nur bedingt?

Ist er ein Vaterrächer? Ist er ein enttäuschtes Mamakind? Ist er politisch? Ist er intellektuell? Ist er feige? Weder noch oder alles ein bisschen. Vor allem ist er eines: Dagegen. Hamlet entzieht sich allen Zuschreibungen. Er ist eine Leerstelle, aber mit Charisma. Darauf setzt Intendant und Regisseur Burkhard C. Kosminski in seiner Inszenierung der Shakespearetragödie am Samstag im Schauspielhaus Stuttgart. Er engagiert für den vielleicht coolsten Loser der Theaterliteratur Franz Pätzold. Theaterreisende haben ihn im Nibelungendrama in Worms bestaunt oder in einem Abend von Frank Castorf: dem siebenstündigen Büchner-Marathon in Dresden oder im „Don Juan“ in München.

 

Der Stuttgarter Hamlet posiert in James-Dean-Haltung

In trotziger James-Dean-Haltung am Bühnenrand lümmelnd, ätzt Hamlet über die statuenhaft schöne Mutter Gertrud (Katharina Hauter), die, frisch verwitwet, schon wieder einen neuen Typen hat – ausgerechnet Onkel Claudius. Der ist mit einem Charismatiker aus dem Ensemble besetzt: Felix Strobel. Ein vier Jahre jüngerer Schauspieler als der Hamletdarsteller spielt dessen Onkel und Stiefvater. Und wie. Der Abend ginge auch unter dem Titel „Hamlet und Claudius“ durch.

Der existenzialistisch schwarz gewandete Pätzold nölt mit aufgerauter Stimme, posiert fotogen für Großaufnahmen, fühlt sich wohl in der Rolle des Unverstandenen , des großen Einsamen und passt stilistisch in die in den 1920ern und 1930ern spielende „Babylon Berlin“-Fernsehserie. Strobel feixt und keckert, säuselt, bleckt die Zähne, leckt sich die Lippen, gibt den unbekümmert zynischen Tyrannen mit Lametta am Uniform-Revers, als würde er sich für eine Trump-Verfilmung im Stil einer Peter-Sellers-Komödie bewerben. Großes Vergnügen macht es, den starken Künstlern bei ihren Spielduellen zuzuschauen.

Theater im Theater

Felix Strobel als Claudius und Katharina Hauter als Gertrud betrachten das von Hamlet inszenierte Stück, gespielt als Solo von Rainer Galke – es wird ihnen nicht gefallen. Foto: T+T Fotografie / Toni Suter + T

Eine Besetzung, die sich nicht um das wirkliche Alter der Figuren schert, ergibt Sinn, schließlich ist „Hamlet“ eines der berühmtesten Stücke auch übers Spielen, übers sich Verstellen, über Schein und Sein. Dazu passt, dass der einzige Moment, in dem Hamlet gute Laune hat, der ist, wenn ein Schauspieler an den Hof kommt. Dann wird er munter, ruft fröhlich „der Rainer kommt!“ Rainer Galke mit weißem Schal über der schwarzen Glitzerjacke sagt mit sonorem Bass und bedeutungsschwer in die Runde schauend „Hallo“.

Und er lässt sich von dem jetzt sehr geschäftig wirkenden Hamlet noch ein paar selbst geschriebene Szenen zustecken. In der – in sämtlichen Uni-Hauptseminaren untersuchten – „Mausefalle“-Szene wird die Ermordung eines Königs durch dessen Bruder nachgespielt. Und zwar genau in der Weise, wie Hamlets toter Vater es ihm berichtet hatte. Passend zur Betonung des Spiels im Spiel wird der Geist in Ritterrüstung ebenfalls von Rainer Galke verkörpert. Dazu verwendet die Regie Videoprojektionen, die Figuren sitzen im Theatersaal, ihre Mimik sieht man nur auf der Leinwand. Fokus auf Claudius’ Gesicht: die Mundwinkel zittern nervös, die Lider flattern, Hamlet springt auf und schaut ihm aus nächster Nähe ins Gesicht. Erwischt. Claudius stürmt davon.

Misstrauen in die eigene Regieidee in der Stuttgarter Inszenierung

Weil Kosminski Hamlet aber offenbar nicht zu deutlich auch als Zögerer darstellen will, streicht er Bedeutendes. Hamlet weiß ja nun, dass Claudius wirklich seinen Vater ermordet hat und beobachtet ihn, wie er in seiner Kammer vergebens zum Gebet ansetzt, weil er natürlich nicht wirklich bereut, was er getan hat. Jetzt könnte Hamlet den Mörder ermorden. Doch die Szene findet bei Kosminski ohne Hamlet statt. Wie er auch später Hamlets Text streicht, in dem er über Soldaten spricht, die ohne Zögern ihr Leben für einen fast schon sinnlosen Feldzug geben, während er mit seinem Auftrag, den Vater zu rächen, nicht wirklich vorankommt.

Pauline Großmann als die von Hamlet geliebte Ophelia, die auf Geheiß ihres Vater den Prinzen von sich gestoßen hat. Heimlich beobachtet wird sie von ihrem Vater (Anke Schubert, li.) und König Claudius (Felix Strobel). Foto: T+T Fotografie / Toni Suter + T

Die Regieidee, Hamlet als reine Projektionsfläche für eine verlorene Jugend zu inszenieren, zeigt da empfindliche Schwächen. Mehr noch wiegt aber das Misstrauen in die eigene Regieidee. Denn: Politisch und heutig will der Abend irgendwie auch sein. Also spielt Anke Schubert – dies allerdings sehr witzig – den devoten Diener Polonius als geschwätzigen alten weißen Mann, der mit seiner Missinterpretation von Hamlets vermeintlichem Wahn seine eigene Tochter Ophelia opfert.

Gezeigt werden muss auch: die Welt ist heute ebenso in Kriegsgefahr wie vor 400 Jahren im Stück. Also spricht Klaus Rodewald als Totengräber (Europas?) zu Beginn vor dem Eisernen Vorhang stehend von Kriegsvorbereitungen „Warum wird Tag für Tag Geschütz gegossen Und noch im Ausland Kriegsgerät gekauft“, bevor sich die bis auf Verhandlungstisch und Stühle leere dunkle Bühne (Florian Etti) auftut. Auf der Videoleinwand flimmern Aufnahmen, Drohnenflüge über Städte, Ruinenbilder. Die Kostümierung (Ute Lindenberg) ist ein Mix aus Gothic-Elementen, „Game of Thones“-Anleihen und martialischem Faschismus-Ornat aus den 1930ern. Dazwischen AC/DC-Songs, Simon and Garfunkel. In der Szene, in der Ophelia (Pauline Großmann) ihren großen wahnhaften Auftritt hat, wird der Text von bedrohlichem Wummern überspielt. Zu schweigen von alten Regieschnurren wie das Figuren-im-Kreis-rennen-Lassen, wenn sie emotional überfordert sind.

Katharina Hauter (li) als Gertrud – sie interpretiert die Figur als eine Frau, die nach und nach erkennt, dass ihr neuer Gatte ein Schurke ist – und wird eine folgenschwere Entscheidung treffen. Pauline Großmanns Ophelia ist tough, sie zerbricht aber an den Ränkespielen der Alten. Foto: T+T Fotografie / Toni Suter + T

Weniger wäre an dem gut dreistündigen Abend mehr gewesen, die Schauspieler hätten es ohne die bemüht wirkenden Aktualisierungsversuche geschafft, klar zu machen, warum dieser Hamlet vielleicht nicht zu fassen, aber immer noch einer der spannendsten Helden der Theatergeschichte ist.

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Stuttgart
Vorstellungen von Burkhard C. Kosminskis „Hamlet“-Inszenierung in Stuttgart sind für Dezember bereits ausverkauft, es gibt noch Termine am 11., 20., 25. ,26. Januar, am 11., 17. Februar, 1., 14., 22 März und 1. und 25. April. Tickets und Infos gibt es hier.

Auswärts
Aktuell ist William Shakespeares Tragödie auch am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg in Frank Castorfs sechsstündiger Inszenierung zu sehen und in Basel (Regie: Antú Romero Nunes).