Turbulent ging es zu auf der Bühne des Kurtheaters, wo die Münchener Theaterlust-Truppe ein Stück aus dem Lehrerkosmos aufführte. Foto: Gerhard Keck

Im Kurtheater genoss das Publikum das Stück „Eingeschlossene Gesellschaft“. Die siebenköpfige Theaterlust-Truppe aus München wurde für ihr elanvolles Spiel mit viel Beifall belohnt.

Ein langer Theaterabend ergab sich aus der Textvorlage des Autors Jan Weiler. Aber das Ensemble sorgte mit Verve und Witz dafür, dass die Inszenierung unter der Regie von Thomas Luft über zweieinhalb Stunden hinweg nicht langatmig wurde.

 

Ein Sprecher teilte vor Beginn mit, dass ein Todesfall vor Tagen im Ensemble die Überlegung hervorgerufen hatte, den Auftritt ausfallen zu lassen. Schließlich einigte man sich darauf, im Gedenken an den Verstorbenen zu spielen. Der eingesprungene Akteur war gezwungen, das Textheft zu Hilfe zu nehmen, aber diese Einschränkung tat dem Gesamteindruck keinen Abbruch.

Lebens- und Berufsplanung

Die „Eingeschlossene Gesellschaft“, als Hörspiel und Filmadaption schon vor ein paar Jahren wirksam unters Publikum gebracht, gilt als Komödie. Das Werk weist zwar die Ingredienzien dieser literarischen Form auf, ist aber nur der Deckmantel für ein gesellschaftspolitisches Problem, das ganzen Heerscharen von Eltern, Pädagogen und Schülern ans Nervenkostüm rührt. Geht es doch um nichts weniger als Schulerfolg und daraus folgend Lebens- und Berufsplanung.

Der verzweifelte Vater eines Schülers will unter Waffengewalt einen Teil des Kollegiums an einem Gymnasium zwingen, seinem Sohn den noch ausstehenden Punkt für die Zulassung zum Abitur zuzuerkennen. Er schließt die Pädagogen im Lehrerzimmer ein und zwingt sie, zu einem positiven Ergebnis innerhalb einer Stunde zu kommen. Es ist Freitagnachmittag und die in Geiselhaft Genommenen hätten allesamt anderes zu tun.

Akademische Arroganz

Die Abstimmung führt zum Patt: Pädagogische Grundüberzeugungen mit einem Schuss Sturheit treffen auf liberalere Auslegungen. Besonders der Lateinlehrer als Auslöser des Dramas um den fraglichen Punkt aus einer Hausarbeit erweist sich als Prinzipienreiter: „Wir sind nicht Partner der Schüler, wir haben eine Aufgabe zu erfüllen.“

Der Fortgang der Auseinandersetzungen legt offen, wie es um die Integrität der Lehrer bestellt ist. Unter der Oberfläche akademischer Arroganz tun sich Abgründe auf, die von den Betroffenen sorgsam unter den Teppich gekehrt worden sind. Gegenseitige Vorwürfe und Einträge in Personalakten, die sich der Vater besorgt hat und die er genussvoll vorträgt, liefern ein anderes Bild, als es fürsorglichen Erziehern angemessen wäre.

Sexuelle Übergriffe und Beleidigung

Tatsächlich haben sich die Pädagogen gleich einer Reihe von Verfehlungen, zum Teil mit krimineller Energie, zuschulden kommen lassen: Nötigung von Schülern, sexuelle Übergriffe, Beleidigung, Veruntreuung, Vorteilsnahme – ein Arsenal an strafrechtlich relevanten Tatbeständen. Was ist dagegen ein fehlender Punkt bei der Bewertung einer schulischen Aufgabe, begründet mit einer um zwei Minuten verspäteten Abgabe beim Lehrer! Dieses Missverhältnis müssen die ertappten Sünder selbst einräumen.

Was auf der Bühne sprich im Lehrerzimmer abgeht, bringt das Ensemble mit Benjamin Hirt, Andreas Hertel, Anja Klawuhn, Oliver Mirwaldt, Frank Oskar Schindler, Marget Flach und Johannes Schön mit Professionalität auf die Bretter. Dass am Ende die Aufregung durch den Sohn beziehungsweise Schüler selbst ad absurdum geführt wird, lässt die Diskussion um Schülerleistungen und Bewertung neu aufleben.

Jan Weiler führt mit seinem Werk vor, dass menschliche Schwächen und Niedertracht auch vor gebildeten Kreisen nicht Halt machen.