Nadine Schori und Oliver Mommsen bieten im Kurtheater mit dem Stück „Die Tanzstunde“ zwei Stunden lang eindrucksvolle Bühnenpräsenz. Das Publikum dankt am Ende mit stehendem Applaus.
Nein, es war keine Anleitung für jüngere oder ältere Paare unter den mehr als 400 Besuchern im Kurtheater, die ihre Tanzstunden-Kenntnisse wiederbeleben wollten. Das Tanzen spielt in der Inszenierung der Komödie am Kurfürstendamm allenfalls eine untergeordnete Rolle. Das Kammerspiel stammt aus der Feder des amerikanischen Bühnen- und Filmautors Mark St. Germain.
Die Tanzstunde dient als Anlass für eine zweckgebundene Begegnung zweier einsamer Menschen in einem Wohnhaus. Die Tänzerin Senga Quinn, aus der beruflichen Bahn geworfen wegen einer Beinverletzung, hadert mit ihrem Schicksal.
Eine Form des Autismus
Ihr Nachbar Ever Montgomery, Professor für Geowissenschaften, hat gleichfalls ein Päckchen zu tragen, denn er leidet unter dem Aspergersyndrom, einer besonderen Form des Autismus. Nun soll er, der auf Kontakte und Berührungen panisch reagiert, auf einer Preisverleihung das Tanzbein schwingen. Wie soll das zu bewerkstelligen sein?
Ever bietet in seiner Not Senga einen übermäßig hohen Stundenlohn für die Tanzstunde an. Die Tänzerin zögert, lässt sich jedoch endlich auf das Abenteuer ein. Dass sie mit ihrem lädierten geschienten Bein und er, stets auf Distanz bedacht, zunächst einen wahren Eiertanz aufführen, liegt auf der Hand. Allein das Händeschütteln erweist sich als ein Akt besonderer Anstrengung.
Ungleiches Paar
Aber die anfänglichen zögerlichen Annäherungen führen letztendlich zu handfesten Kontakten. Nadine Schori und Oliver Mommsen wird in unweigerlich auftretenden absurden Situationen eine Menge Körperbeherrschung abverlangt, kleinere Slapstick-Einlagen inklusive. Das ungleiche Paar kommt sich in teilweise gepfefferten Dialogen näher, als dies anfangs beabsichtigt gewesen ist. Der Austausch von Kindheitserfahrungen weckt das gegenseitige Verständnis, und schließlich finden sich die beiden durchaus attraktiv.
Dennoch ist der erste Austausch eines an sich harmlosen Kusses eine nahezu unüberwindliche Angelegenheit: Man probiert es zunächst mit einem „Luftkuss“. Es ist schon ein enormer Akt der assistierten Selbstüberwindung, dass es sogar zu einem Beischlaf von Ever und Senga kommt und dabei selbst das Wort Erektion nichts Peinliches an sich hat.
Verständnis für Besonderes
Was in dem Stück komödiantisch aufbereitet ist, erweist sich im Alltag für Autisten vielfach als nahezu unüberwindbares Hindernis. Das Publikum soll sich aber nicht auf Kosten von Betroffenen über seltsame Verhaltensweisen amüsieren. Vielmehr soll mit einem Augenzwinkern um Verständnis für das Besondere, das Autisten an den Tag legen, geworben werden.
Oliver Mommsen bereitete sich für seine Rolle in besonderer Weise vor und gewann damit Einsichten in die Welt von „Asperger und Autismus“.
Beratung durch den Verein Autismus Rhein-Wupper
Das Stück in der deutschen Fassung von John Birke und unter der Regie von Martin Woelffer steht für beste Unterhaltung, freilich mit ein paar Längen in der Handlung. Julia Hattstein zeichnet für das plastische Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich, und Annette Reckendorf besorgt die Choreographie. Die musikalische Untermalung bot allen Nostalgikern noch ein besonderes Bonbon in Form des Schmusesongs „If you could read my mind“ von Gordon Lightfoot. Dorothee und Karl Daun vom Verein Autismus Rhein-Wupper waren beratend tätig.