Die Themen in Martin McDonaghs Tragikomödie „Der einsame Westen“ sind saftig. Am Theater der Altstadt liefert Uwe Hoppe eine zupackende Inszenierung.
Von wegen „wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“. Der endlose Zwist der Brüder Coleman und Valene bringt Pater Welsh an den Rand des Wahnsinns. Seine Verzweiflung ertränkt er immer öfter in billigem Schnaps, den er bei Valene schnorrt. Der wiederum bezieht den Stoff von Girleen, die heimlich in den Pater verknallt ist, ihm aber mit ihrer schnodderigen Ausdrucksweise und ruppigem Verhalten eher gegenteilige Signale gibt. Coleman pfeift auf alle, es gibt sogar Gerüchte, er habe den Vater der beiden Brüder getötet, weil der sich über Colemans Frisur lustig gemacht hatte. Nach der Beerdingung des Alten hocken Coleman und Valene im Wohnzimmer des gemeinsam von Ihnen bewohnten Elternhauses und geraten wieder einmal in wilden Zoff.
Wer Feingeister sehen will, ist hier falsch
Die Ausgangssituation in Martin McDonaghs schwarz-humoriger, von Uwe Hoppe am Theater der Altstadt inszenierter Tragikömodie „Der einsame Westen“ ist nicht weiter kompliziert, aber wirkungsvoll. Einem breiteren Publikum ist der Ire McDonagh hier vielleicht eher als Regisseur und Autor der Filme „Brügge sehen . . . und sterben?“ (2008), „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ (2017) und „The Banshees of Inisherin“ (2022) bekannt. Alle drei Filme begeisterten mit ihrer düsteren Komik und intensiven Traurigkeit. McDonagh hat ein Faible für knurrige, verdorrte Anti-Helden, Männer wie Frauen. Wer zivilisierte Feingeister sehen will, ist bei McDonagh an der falschen Adresse.
Das ist auch in Uwe Hoppes gelungener Inszenierung nicht anders. Von Minute eins an fliegen die Fetzen zwischen den Brüdern Coleman (Lou Bertalan) und Valene (Jens Woggon), sowohl verbal als auch körperlich. McDonagh beschreibt in seinem Drama eine emotional verwahrloste Dorfgesellschaft mit den vier Bühnenpersonen als deren typische Vertreter. Das Drama selbst ist vergleichsweise handlungsarm. Wie schlimm es um die Dorfgemeinschaft auch jenseits der vier Wände von Coleman und Valene steht, erfährt man aus den mit wüsten Schimpfwörtern gespickten Dialogen.
Suff, Selbstmord, Mord, Mobbing, Armut und Wut: Das Dorf Leenane wirkt wie der Vorhof zur Hölle, in den es Pater Welsh (Ambrogio Vinella) zur Glaubensprüfung verschlagen hat. Uwe Hoppe gestaltet diesen Unort als altmodisch karges Wohnzimmer mit großem Kruzifix und Flinte an der Wand, darunter ein Regalbrett voller religiösem Nippes. Die Rückwand ist in staubigem Gelb getüncht, nach der Pause verwandelt sich die Wand durch den Einsatz von Licht in einen nächtlichen Strand mit weiß schimmernder Gischt. Zwischen den Szenen verbreitet typisch irische Musik einen Anflug folkloristischer Sentimentalität, was der Bärbeißigkeit des Textes zuwider läuft und verharmlosend wirkt. Das zupackende, klare und authentische Spiel des Ensembles (mit Bernadette Hug als Girleen) macht das wieder wett.
Während die erste Hälfte fast ausgelassen lustig ist, geht es im zweiten Teil ans Eingemachte, um Schuld und Sühne, Leben und Tod. Bei der Premiere sorgte das bei manchen für Irritation – trotz Happy End.
Nächste Vorstellungen 12. bis 15. 10., 18., 20. bis 22.10. Info: https://theater-der-altstadt.de/der-einsame-westen/