Seit einem Jahr leitet Christof Küster das Theater der Altstadt. Zeit für eine erste Bilanz, neue Pläne – aber auch altbekannte Sorgen. Zumindest, wenn es ums Geld geht.
Silbrig glänzt die überlebensgroße Büste Arthur Schopenhauers über dem Eingang des Theaters der Altstadt. Im Lauf der Zeit ist der kantige Kopf des Philosophen mehrfach umgestrichen worden, nun solle er erst einmal so bleiben, schmunzelt Christof Küster, seit einem Jahr neuer Intendant des kleinen renommierten Hauses am Feuersee im Stuttgarter Westen.
Küsters erste Saison ist abgeschlossen. Gerade gastierten noch die Sommerzeltspiele in Kooperation mit dem Ensemble Materialtheater auf dem Parkplatz vor der Probebühne in der Rotebühlstraße 115, nun ist – abgesehen von Vorproben für die kommende Spielzeit – erst einmal große Pause. „Ich bin auf jeden Fall sehr gut am Haus angekommen“, lässt Küster die vergangenen Monate Revue passieren, „ich genieße es, zu gestalten und auch im anderen Sinne verantwortlich zu sein.“ Am alten Haus, dem Studio Theater, war Christof Küster Künstlerischer Leiter, als Intendant des Theaters der Altstadt kümmert er sich auch um wirtschaftliche Belange. „Bestimmt gibt es Leute, die sagen, ‚früher war alles besser‘, aber die meisten unserer Gäste haben mir ihr Vertrauen geschenkt und finden schön, was hier läuft“. Auch, wenn nicht alle Stücke gleichermaßen angenommen wurden, wie etwa das Live-Hörspiel „Erste Hilfe“, „da hatte ich mehr erwartet“, gesteht Küster ein.
Gastspiele außerhalb Stuttgarts
Den Auftakt seiner Intendanz hatte er erfolgreich mit Anton Tschechows berühmtem Gesellschaftsdrama „Die Möwe“ gefeiert. Und neben dem Klassiker eigens am Theater der Altstadt entwickelte Produktionen wie die musikalische Revue „Der Nowak, die Torte und der Vorderzahn“ über das Wiener Kabarett-Duo Cissy Kraner und Hugo Wiener und das auf historischem Quellenmaterial fußende Drama „Ach, Gussie!“ über die während der Nazidiktatur tragisch geendete Ehe Auguste und Konrad Adenauers auf den Spielplan gesetzt. Die bescherte ihm den stärksten Publikumszuspruch. „Das freut mich besonders, weil dieses Stück auch die größte Herausforderung war, ich habe es nach Originaldokumenten selbst geschrieben.“
„Ach, Gussie!“ wird in der kommenden Spielzeit weiter laufen und ist im Gespräch für zwei Gastspiele außerhalb Stuttgarts: in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Brauweiler nahe Köln, wo das Ehepaar Adenauer von den Nazis Ende 1944 inhaftiert worden war, sowie möglicherweise in Berlin. „Das Stück zieht also weitere Kreise“, freut sich Christof Küster, der schon mit Studio-Theater-Produktionen wie „Die Schlichtung“ (2011) über den Daueraufreger Stuttgart 21 überregionale Aufmerksamkeit erregt hat.
Dass die Bühnenadaption von Ernst Lubitschs Kino-Satire „Sein oder Nicht sein“ aus dem Jahr 1942 über eine Schauspieltruppe im Widerstand gegen deutsche Faschisten besonders bei Schulklassen für Lacher sorgte, beim älteren Publikum hingegen weniger nachgefragt war, wundert ihn. „Das ältere Publikum hat vielleicht mehr Skrupel, über Nazis zu lachen“, vermutet er. Jüngere Theatergänger zogen auch kleinere Formate wie die Vortragsreihe „Bestohlene Frauen“ über weibliche Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur an, die in der offiziellen Geschichtsschreibung höchstens als Ehefrau oder Muse eines berühmten Mannes erwähnt werden.
Jüngeres Publikum soll begeistert werden
In der neuen Spielzeit will der Theatermacher weiterhin jüngeren Publikumsnachwuchs für sein Haus begeistern, setzt etwa die Bühnenadaption von Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ an; in diesem Jahr Abiturthema im Fach Deutsch. Dass am Theater der Altstadt wie auch an vielen anderen deutschen Schauspielbühnen zunehmend Film- und Romanadaptionen die Spielpläne prägen, sieht Christof Küster nicht als Absage an die Dramatik. „Ich will die Unterscheidung gar nicht so trennscharf ziehen.“ Oft wirkten äußere Faktoren wie Rechtefragen oder die Anzahl der Rollen auf die Gestaltung des Spielplans ein; einen Shakespeare mit erhöhtem Personalaufwand auf kleinere Bühnen mit beschränktem Etat zu wuchten, das stellt einfach eine besondere Herausforderung dar.
Ohnehin stehen den Privattheatern in Stuttgart schwierige Zeiten bevor, Christof Küster sorgt sich um Kürzungen der Fördermittel und will sowohl seinem technischen als auch dem künstlerischen Personal gute Löhne zahlen können. Wichtig sind Küster auch Neuerungen an seinem Haus, die inklusiv wirken. Eine Rampe für Rollstuhlfahrer hatte die Stadt Stuttgart anlässlich des Gastspiel-Stückes „#unnützeEsser“ über die Euthanasie-Morde der Nazis finanziert, eine Toilette für Gäste mit Behinderung gibt es jedoch nur gegenüber, im Lokal Rote Kapelle. Mit der inklusiven Theatergruppe BHZ aus Stuttgart will er die Kooperation ausbauen, auch das Thema Audiodeskription für Sehbehinderte beschäftigt Küster. „Ob die Finanzierung der kulturellen Etats für die kleineren gesichert bleibt, müssen wir jetzt bangend abwarten“, sagt er. „Es ist toll, dass es die ‚Solidargemeinschaft Stuttgarter Theater‘ gibt, die während der Pandemie richtig zusammengewachsen ist.“ Mit den politischen Entscheidern sei man im Gespräch.
Heimweh nach seiner alten Wirkungsstätte verspürt Christof Küster nach diesem ersten Jahr übrigens kaum. „Ich gehe aber auch immer wieder hin und sehe, dass es gut läuft, ich fehle da nicht. Die Kolleginnen machen tolle Sachen“, freut er sich.