Die Inszenierung des Einakters „Der Riss durch die Welt“ im Theater der Altstadt in Stuttgart erzählt von bedrohlicher Gegenwart.
Eigentlich könnte das ein behagliches Kammerspiel werden. Wird es aber nicht. Auf der Bühne stehen drei schick reduzierte Kuben zum Sitzen und ein Servierwagen. Zwei Paare treten auf, das Arrangement hat etwas Boulevardstückhaftes. Tom, um die 60, in lässigem Pulli und mit schwerer Hornbrille, ist ein schwerreicher Unternehmer aus der Satellitenbranche, seine Frau Sue (herrlich nüchtern: Sorina Kiefer) dezent-konventionell gewandet (Bühne und sorgfältige Kostüme: Hannes Hartmann und Leonie Mohr).
Ort der Handlung ist eine stattliche Villa mit gigantischen Glasfenstern, Bildern Mark Rothko und Büchern von Kant und Büchner (Letzteres passt nicht so recht). Ein Paar kommt zu Besuch, die einunddreißigjährige kesse Künstlerin Sophia mit Schlangenmuster-Stiefelchen und ihr Liebhaber Jared (rotzig-provokant: Ruben Dietze), der angeblich mal Türsteher und Drogenhändler war.
Tom hat Geld, Sophia und Jared wollen etwas davon, um ein Kunstprojekt zu finanzieren. Es soll ein Fluss voller Blut, Öl, Quecksilber und toten Tieren werden, als Riss durch die Welt und gewaltige Metapher für die Untaten der modernen Zivilisation. Klingt interessant. Sophia (mit kühler Schärfe: Hannah Jesna Hess) liefert dazu eine archaisch tönende Begründung, die auf abenteuerliche Weise mit klassischem Marxismus vermengt wird. Sie und Jared seien Lohnsklaven der herrschenden Klasse, die natürlich keine Veränderung wolle. Dazu müsse sie durch göttliche Bestrafung gezwungen werden, in Gestalt der biblischen Plagen. Für sie steht symbolisch der blutrote Fluss. „Die einzige Sklavin hier bin ich“, erklärt dagegen die Häppchen reichende Hausangestellte Maria, die das Geschwätz der wohlhabenden Herrschaft wunderbar trocken kommentiert. Das Reichenvolk spreche doch bloß über Geld und das Weltall.
Zwei Milieus und zwei Weltsichten konfrontiert der Einakter von Roland Schimmelpfennig, 2019 uraufgeführt und jetzt im Theater der Altstadt zu sehen, miteinander. Ein schön verdichteter Satz bringt es auf den Punkt: „Der Blick von oben ist immer anders als der Blick von unten“, meint Tom, den Ralph Hönicke einleuchtend als selbstgewissen Zyniker spielt, der gleichwohl später selber in einen Abgrund blickt, allerdings nur im Kopf. Und damit wird das 90-Minuten-Stück interessant.
Ein Stück über Sprache
Der Untergang der Zivilisation ist das Thema, doch es geht nie um konkrete Aktion oder Politik. Schimmelpfennig hat ein Stück über Sprache und ein Sprechen geschrieben, das angesichts drohender Katastrophen hilflos herumzappelt. Man redet und redet, man beharkt sich verbal, man plustert sich mit Worten auf. Ganz wunderbar, dass die vier Akteure manchmal mit einer leichten Distanz zum Text sprechen, das verleiht dem Sprechen in dieser Inszenierung einen ironisch-klugen Beiklang. Eine Besonderheit ist, dass die Protagonisten immer wieder das Geschehen beschreiben und kommentieren, und so entsteht eine weitere, erhellende Dimension des Stücks.
Stimmige Inszenierung
Ein wenig zäh ist es, hat Längen, Wiederholungen. Doch mit seiner formalen Raffinesse thematisiert es die Hilflosigkeit seiner Protagonisten angesichts eines verrückten Weltzustands. Tom, der selbstgefällige Reiche, schwadroniert politikerhaft davon, dass „wir einen neuen Gesellschaftsentwurf brauchen“. Später hat er eine bewegende Vision seiner eigenen ekelhaften Verwesung. Sue durchlebt in Gedanken eine Vorstellung von Glück, doch am Ende „war da niemand“.
Benjamin Hille hat das alles stimmig inszeniert. Den fünf Akteuren gelingt es redend nicht, ihre Situation in ihrem gesellschaftlichen Hier und Jetzt zu bewältigen, und so ist Schimmelpfennigs Stück über das misslingende Gespräch nah dran an unserer zerrissenen und beängstigenden Gegenwart.
Der Riss durch die Welt. Theater der Altstadt. Nächste Aufführungen: 17. und 20. bis 24. November.