In Christoph Marthalers neuem Stück am Schauspielhaus Basel wird auch mal kräftig in die Tuba geblasen. Foto: Ingo Hoehn

In der Marthaler-Produktion „Gesellschaft mit besonderer Hingabe - GmbH“ begegnen sich die Schauspieler vom Theater Basel und dem Theater Hora auf Augenhöhe.

Auf diesen Anruf musste Christoph Marthaler lange warten. 33 Jahre hat es gedauert, bis der Zürcher Theatermacher und Regisseur und das inklusive Zürcher Theater Hora als künstlerische Partner zusammenkamen.

 

Jetzt kreuzen sich erstmals ihre Wege bei dieser lang ersehnten Koproduktion am Theater Basel. Nach zweijährigem Vorlauf, wo sie das gemeinsame Projekt ins Rollen gebracht haben, gründeten Marthaler und Hora nun eine „Bühnenfirma“, eine GmbH, die mit typisch Marthalerschem Hintersinn „Gesellschaft mit besonderer Hingabe“ heißt. Die Gesellschafter sind Hora-Schauspieler und solche vom Theater Basel.

Komisch-ulkig

Bei der „Geschäftsgründung“ dieser beiden Theaterlegenden muss es im Schauspielhaus ja komisch-ulkig zugehen, wenn diese Gesellschaft der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Schließlich kennt man Marthalers neuartige, subversive und randständige Theatersprache.

„Genieße Absurdität“ – „Verliere nie den Humor!“ – „Habe den Mut, anders zu sein in deiner Weltsicht, deiner Kunst, deinen Ideen“. Diese Ziele und Grundsätze aus dem Hora-Manifest passen daher perfekt zum Marthaler-Theater.

Spontane Textcollagen

Ebenso der „Textgulasch“, die spontanen Textcollagen der Mitspieler. Dabei kann sich Marthaler wieder richtig in Musik und Bildern austoben. Auch das Motto von Hora kommt ihm entgegen: „Je langsamer, desto schneller.“ Ein Spruch, der auch von ihm selber stammen könnte. Erklärtermaßen liebt die Regie-Ikone die Langsamkeit und das Stilmittel der Wiederholung, das in dieser GmbH ausgiebig mit viel Lust an Slapstick, Unmittelbarkeit, anarchischem Witz und skurrilen szenischen Momenten bedient wird.

Die Bühnenausstattung ist typisch für Marthaler-Aufführungen: karg, kalt, Tische, Stühle, Kleiderspinde, Kantinenatmosphäre, ein Labor-, Pausen- und Raucherraum, Warnlichter, Türsummer, Türen, durch die alle rein- und rausgehen (Ausstattung: Lex Hymer), so als hätte Marthalers langjährige Bühnenbildnerin Anna Viebrock diesen Raum gebaut. Das Bühneninterieur schafft die geeignete Reibungsfläche für Marthalers Abhandlungen und absurden Regiekniffe. Die GmbH ist auf der Suche nach Testsiegern, ähnlich wie die Stiftung Warentest, nur dass sie die Gegenwart testen will.

Poetische Verwandlung

Vieles ist poetische Verwandlung, wie der Wäscheständer, der zur Schmetterlingsform wird, oder die getesteten Kissenfüllungen, die auf Bauschkraft, Anpassungsfähigkeit, Volumenverlust und Klümpchenbildung nach Waschgang geprüft werden. Oder der Ventilator, für den ewig lang eine Steckdose gesucht wird, wobei die Akteure wie bei einem Kreistanz mit Kabelträgerschlange umherirren, und schließlich ein Stromausfall ausgelöst wird. Karl-Heinz Schnitzler (Martin Hug) ist der Chef vom Test und schleppt die Pakete vom Warenaufzug. Auch hier wieder die gedehnte Zeit, wie sie so schön bei Marthaler und Hora zusammenpasst. Oft bleibt die Zeit geradezu stehen. Wenn Luisa Häberli, die Kaffeetante (Fabienne Villiger), mehrfach als beste Mitarbeiterin der Woche mit Pokal und Blumenstrauß ausgezeichnet wird, ist das ein echter Running gag in typisch Marthalerscher Wiederholungsschleife.

Eigenwillige Regiesprache

Wie so oft bei dem genialen Stückentwickler sind die musikalischen Szenen einprägsam und humorvoll. Vom leisen Pfeifkonzert am Kantinentisch über die Atemgeräusche beim Blockflötenspiel von Frau Helene Krausmann, der Chefin vom Geld (Marie Löcker) und Frau Tiger (Tiziana Pagliaro), die das Dolce Vita und Sonnenbaden liebt und zaghaft in die Tuba bläst, bis hin zur Geräuschsession mit Bass und Drum und dem kleinen Monsterkonzert, bei dem die ganze Firma zusammenspielt, zeigt sich Marthalers eigenwillige Regiesprache.

Einen Tusch auch auf das Orakel, das per Video spricht (Hora-Hausphilosoph Robin Gilly). Wenn sich beim großen Finale alle falsche Bärte ankleben und die Test-Staubsauger hingebungsvoll röhren, dann wird an diesem Abend auch mal eines produziert: viel heiße Luft.

Vorstellungen im Schauspielhaus Basel: 23./30. Mai, 4./7./10. und 12. Juni.