„The Seven Sins“ ist die bislang ambitionierteste Produktion von Gauthier Dance. Sie bringt Uraufführungen von sieben angesagte Choreografen ins Theaterhaus.
Die Menschheit hat gerade ziemlich viel zu tun mit ihren Lastern. Klimakrise? Die ungleiche Verteilung von Vermögen? Sexistische Übergriffe? Der Einmarsch in ein Nachbarland? Die Wut Andersdenkender? Die Ausbeutung unserer Umwelt? Die Zunahme von Übergewichtigen? Aktuelle Nachrichten den sieben Todsünden zuzuordnen, ist kinderleicht. Schwerer wird es, wenn es darum geht, Lösungen mitzudenken. Ob die Kunst da helfen kann? Mit alten Mustern zu brechen und Neues zu wagen, ist schließlich ihr Ding.
Der Kino-Thriller „Seven“ inspirierte das Projekt
Die Erwartungen sind also groß, wenn ein Tanzabend mit dem Titel „The Seven Sins“ ansteht – vor allem, wenn sich wie am Samstag im Theaterhaus bei Gauthier Dance eine Top Seven der angesagten Choreografen ans Werk macht. So viel Tanzprominenz unter einen Hut zu bringen, ist auch für einen Macher wie Eric Gauthier keine Selbstverständlichkeit. Entsprechend glücklich ist der kreative Kopf der Theaterhaus-Kompanie, dass sein schon vor Corona initiiertes und vom Kino-Thriller „Seven“ inspiriertes Projekt nun endlich Realität wird und sich seine Tänzer in einem dramaturgisch dichten, ohne Pause durchgetanzten Programm in sieben Stilen bewähren können.
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Wer einen Überblick über aktuelle Tanztendenzen sucht, ist mit „Seven Sins“ bestens bedient. Möglich macht das ein bestens aufgestelltes Ensemble, das zwei Stunden lang die unterschiedlichen Herausforderungen annimmt. Wer solch intensiven Tanz mit ebenso intensiver Musik in Verbindung bringen will, der wird von „Seven Sins“ enttäuscht. Rauschen, Trommeln, elektronische Beats, Schreie füllen den Raum mit einer Energie, die knistert und oft am Bersten ist – aber selten schön anzuhören. Auf die Spitze treibt das Sasha Waltz in ihrem „Ira“-Duett, in dem zwei Männer in einer comicähnlichen Abfolge von Szenen außer aggressivem Gebrüll sich nichts zu sagen haben – und kaum etwas zu tanzen. Der Zorn, das wird klar, ist die überflüssigste der sieben Sünden.
Wie der Neid uns manipuliert
Erst ganz zum Schluss erklingt ein Cello, wenn Sharon Eyal drei Tänzerinnen mit tippelnden Minischritten Ballerinenposen zu einer Erzählung über den Neid addieren lässt. „Point“, getanzt wird auf halber Spitze, ist ein Sünden-Höhepunkt, weil Sharon Eyal pulsierende, aber auch lyrische Tanzmomente gelingen – und grundlegende Aussagen über menschliche Beziehungen. Der Tanz ist dabei nicht nur Abbild einer sich bis zur Erschöpfung treibenden Gesellschaft, sondern auch Motor der Emotionen. In Blickachsen und wechselnden Bündnissen wird das Thema Neid zum Mittel, das Bewegungen und Beziehungen manipuliert.
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Eine solche Interaktion ist selten, Sünde macht einsam. Münzen klimpern, Dollarnoten sind zur Ziellinie drapiert, als zum Auftakt Sidi Larbi Cherkaoui in „Corrupt“ neun Tänzer die Habgier verhandeln lässt. Wer aus der Gruppe Richtung Geld ausbrechen will, wird zurückgezerrt. Während eine Stimme aus dem Off die bizarren Bedürfnisse der Überflussgesellschaft schildert, gelingen dynamische Tanzszenen. Doch über die pure Illustration eines zum Kult verklärten Reichtums, der sich mit Dollarschals schmückt, kommt „Corrupt“ nicht hinaus, auch wenn der Titel mehr verspricht.
Mit Härte zeigt Marcos Morau den Hochmut
Einfacher haben es da Andrew Cummings und Mark Sampson, die in „Human undoing“ von Aszure Barton wie Tiere im Energiesparmodus agieren. Mit Schlägen auf den Körper pushen sie sich, um sich dann doch wieder vom Boden anziehen zu lassen. Wie die Aktivität des einen dem anderen einen Spiegel vorhält, ist fein beobachtet. Die eigene Balance trotz Destabilisierung von außen zu finden: dafür findet die kanadische Choreografin stimmige Bewegungsmotive.
Überraschend schön ist die Härte, mit der Marcos Morau uns den Hochmut vorführt. Fünf Tänzerinnen kommen durch den hellen Saal auf die Bühne, ganz klar: Der Stolz funktioniert nur mit Publikum. Im Sitzen entwickeln die „Hermanas“ einen Tanz, der blasse Gliedmaßen vor blauen Kleidern zu verführerisch schönen Mustern flicht. Aggressiv sind die Gesten, eiskalt der Blick dieser gestürzten Engel, an denen man sich kaum sattsehen kann.
Als Drogenexzesse dazu gehörten
Mit einem Song von The Velvet Underground erinnert Marco Goecke an die Zeit, als Drogenexzesse zur Musikszene gehörten. Sehr abstrakt deutet sein Solo „Yesterday’s Scars“ die Wunden an, die diese Völlerei hinterlässt. Luca Pannacci macht Bauch und Augen groß, umarmt die Welt in einem Traum, um sich dann im typisch vibrierenden Goecke-Modus in sich selbst zu verkrampfen.
Der Wollust zieht Hofesh Shechter den Stecker, indem er seine neun Tänzer, keusch in weiße Anzüge gekleidet, in Zeitlupe und jeden für sich agieren lässt. Für einen Moment bringt fiebrige Erregung die Truppe bis in die Fingerspitzen vibrierend zum Tanzen, doch dann wird aussortiert, wer sich nicht unter Kontrolle hat. Kann diese Sünde nicht weg, fragt Shechters „Luxury Guilt“ und zeigt eine Distanz, die man sich bei mehr Todsünden-Tänze gewünscht hätte. So ist der Reigen vor allem choreografisch spannend, inhaltlich kommt er nicht immer über die illustrative Haltung eines Bilderzyklus hinaus.
Info
Termine
Weitere Vorstellungen gibt es am Sonntag, 8. Mai, um 14 und 20 Uhr sowie vom 6. bis 8. Juni und am 24. und 25. Juni im Theaterhaus.