Notwist – hier live in Kopenhagen, Oktober 2024 Foto: Imago//P. Troest

Die bayerische Band The Notwist gilt als eine der feinsten Combos der Republik. In der Schorndorfer Manufaktur haben die Musiker am Freitagabend gezeigt, warum das so ist.

Sie seien „die bedeutendste Indieband Deutschlands“, sagen die einen, so jedenfalls hieß es in der Besprechung des letzten Konzerts des oberbayrischen Musikerkollektivs in dieser Zeitung im April 2022 im Stuttgarter Wizemann. Sie seien gar die viertbeste Band Deutschlands, sagen die anderen und führen dabei Kraftwerk, die Einstürzenden Neubauten und Tocotronic als einzige Combos aus deutschen Landen auf, welchen The Notwist dann vielleicht doch noch nicht ganz das Wasser reichen können. Was immer man über die Güte der Band denken mag, man ist damit jedenfalls nicht alleine: gerammelt ausverkauft ist die Schorndorfer Manufaktur am Freitagabend, auf der Bühne präsentiert sich das Trio in seiner verstärkten Livebesetzung als Septett. Dabei sind etwa der norwegische Jazzvibrafonist Karl Ivar Refseth wie auch die bayerische Bassklarinettistin und Harmoniumspielerin Theresa Loibl, was schon einen kleinen Fingerzeig darauf gibt, dass hier mehr als „nur normale“ Indie- oder Alternativemusik zu erwarten ist.

 

Alle Parameter werden genutzt

Und so ist es ja auch. Die Band schöpft die klassischen Parameter der Musik – also Melodie, Harmonie, Metrum, Rhythmus und Tempo – bis zur Neige aus und variiert sie bis zu den Extremen, teils nicht nur in einem Song, sondern gleich mehrfach in ihm. Und so hört man mal nur sanfte Gitarrenakkorde ihres Vorstehers Markus Acher mit seinem stets etwas entrückt wirkenden Gesang, mal gepfefferten Noiserock des gesamten Kollektivs, mal den marschierend grundierenden Indiebass des zweiten verbliebenen Gründungsmitglieds Micha Acher, mal die buchstäblich nur hingetupften Klänge auf dem Vibrafon, welche die andächtige Stille durchschneiden.

Der Eindruck einer Überinstrumentierung, der sich zu Beginn des Konzerts bei sieben teils in Doppelbesetzungen an Gitarren und Tasten agierenden Musikern hätte einschleichen können, verfliegt rasch. Denn dieser Ensembleklang mit seinen klug eingesetzten Klangfarben, das virtuose Spiel mit den Geschwindigkeiten und Intensitäten, der nie bemüht wirkende Spagat zwischen Elektronik und Analogklang, die nie willkürlich ausgeführten Grenzgänge zwischen den Unterspielarten ihres Genres sowie die große Kunst, Zwischentöne nicht nur beiläufig einzuflechten, sondern durch sie die Musik erst leben zu lassen: das alles macht The Notwist zu einer Band, die durch wirkliche Einmaligkeit und sprühenden Einfallsreichtum besticht.

Wie doch die Zeit vergeht

36 Jahre, die Zeit rast, existiert die Band bereits, diverse künstlerische Häutungen hat sie auf dem Weg von Punk über Indierock und Electronica hinter sich, und das lässt sich jederzeit heraushören. Jägern und Sammlern gleich haben sie sich die schönsten Fundstücke aus diesen Welten rausgepickt, sie zu einem Ganzen gefügt, das nur auf dem Papier disparat wirkt, sondern vielmehr eine gewollte unterschwellige Harmonie ausstrahlt. Und vor allem eine Eindringlichkeit, die wirklich selten so prägnant zu hören ist.

Seit die Band 1995 zum ersten Mal in der Röhre spielte, war sie schon oft zu Gast in der Region, allein in der Manufaktur spielten sie nun schon zum vierten Mal; den vorerst letzten Adelsschlag empfingen sie im Oktober mit einem Auftritt in der Elbphilharmonie. Nicht zuletzt dieser stete Weg spricht für The Notwist. Ganz egal also, ob sie nun die besten in dieser oder die viertbesten in jener Disziplin sein mögen: auf das nächste Wiedersehen hat man sich schon auf dem Heimweg von diesem wirklich feinen Konzert gefreut.

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