Blick in die Ausstellung „The Culture“ in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt Foto: © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2024 /Emily Piwowar/NÓI Crew

Die Ausstellung „The Culture“ in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt will zeigen, wie sehr die Hip-Hop-Kultur auch die zeitgenössische Kunst beeinflusst.

Mal glaubt man, sich in ein exklusiv-überteuertes Modegeschäft verirrt zu haben, das sich auf extravagante Trainingsanzüge, knallige Sneaker und unpraktische Taschen spezialisiert hat. Mal scheint man, vor dem Schaufenster eines schrillen Juweliers zu stehen, der nur protzig-fette Klunker im Angebot hat. Mal verschlägt es einen in einen verrückten Perückenladen, der eine Vorliebe für Kopfschmuck in lila und türkis hat. Doch immer dann, wenn man glaubt, statt in den Ausstellungsräumen der Schirn in einer Shopping Mall gelandet zu sein, gibt es an irgendeiner Wand dann doch noch Kunst zu sehen.

 

„The Culture – Hip-Hop und zeitgenössische Kunst im 21. Jahrhundert“ nennt sich die Ausstellung, die noch bis zum 26. Mai in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt zu sehen ist – eine grellbunte Pop-Art-Schau, die versucht zu zeigen, wie sehr die afroamerikanisch geprägte Hip-Hop-Kultur die aktuelle Kunst prägt.

Traum vom Luxusleben

„Get Rich or Die Tryin’“ (Werde reich oder stirb beim Versuch) – der Titel des Debütalbums des US-Rappers 50 Cent aus dem Jahr 2003 – könnte als das heimliche Motto der Ausstellung gelten. Immer wieder trifft in den Ausstellungsstücken der Traum von einem Leben in Luxus voller Bling-Bling, dekadenter Verschwendungssucht und exzentrisch-protziger Selbstinszenierungen auf den Flirt mit der Todessehnsucht. Die Hip-Hop-Superstars werden zu Werbeträgern einer Ideologie des Survival of the Fittest, aber auch zu Reklametafeln für eine breite Produktpalette, die in alle Lebensbereiche führt. Mit ihrem Verständnis von Körperlichkeit, mit ihrer Gier nach Geld und Anerkennung, mit ihrem eigenwilligen Modegeschmack ist die Hip-Hop-Unterhaltungsindustrie heute einer der prägendsten Einflüsse auf die US-Kultur geworden.

Die vom Hip-Hop inspirierte zeitgenössische Kunst verarbeitet sowohl die Ästhetik als auch die Botschaften dieser kulturelle Aneignungen liebenden Musikkultur. Monica Ikegwus zweiteiliges Gemälde „Open/Closed“ (2021), das eine ganz in rot gekleidete Frau, die mal mit offenem mal mit geschlossenen Anorak in einer Posse der anmutig-entspannten Selbstsicherheit zeigt, zitiert zum einen die Bildsprache der Werbeplakate, zum anderen steht sie für das Self Empowerment der afroamerikanischen Kultur durch die Mittel des Hip-Hop. Diese Botschaft verbirgt sich auch in Hank Willis Thomas’ Fotografie „Black Power“ (2003): Diese zeigt den Mund eines Mannes, dessen Vorderzähne durch Goldenkronen ersetzt wurden, auf denen silbern glitzernd die Worte „Black Power“ zu lesen sind.

Arbeit mit vorgefundenem Material

Der Keramikkünstler Roberto Lugo hat dagegen eine Urne für den Rapper The Notorious B.I.G. getöpfert, der im Jahr 1997 ermordet wurde, und einer der vielen Hip-Hop-Stars ist, die gewaltsam ums Leben kamen. Mit „Street Shrine 1: A Notorious Story (Biggie)“ aus dem Jahr 2019 überhöht Lugo, der sich selbst als „Gettotöpfer“ bezeichnet, den Toten zu einem Märtyrer der afroamerikanischen Kultur.

Obwohl Hip-Hop spätestens im 21. Jahrhundert zu einem globalen Phänomen wurde, kommt man sich beim Gang durch die „The Culture“-Schau wie bei einer ethnologischen Ausstellung vor, wie bei einem Ausflug in eine in ihrer grellen Farbigkeit doch sehr fremde, exotische Welt.

Was die in Frankfurt gezeigte Kunst neben der Ästhetik und der Themenauswahl mit dem Hip-Hop verbindet, ist die Vorliebe für die Arbeit mit vorgefundenem Material – zum Beispiel in Form der Collage oder Pastiche. Denn schon zu seiner Geburtsstunde vor etwas mehr als fünfzig Jahren war Hip-Hop nicht einfach nur ein neues Musikgenre, sondern er führte eine neue Kulturtechnik in die Popmusik ein: das Erschaffen von etwas Neuem aus vorgefundenem Material.

Als Erfinder des Hip-Hop gilt Kool Herc, der erstmals im August 1973 in der New Yorker Bronx Platten bei einer Party auflegte und als Instrumente nicht mehr brauchte, als zwei Plattenspieler und ein Mikrofon. Es dauerte nicht lange bis sich der Hip-Hop von einem Phänomen der afroamerikanischen Subkultur zum Mainstream-Trend verwandelte, bis das „CNN der schwarzen Bevölkerung“, als das Chuck D von Public Enemy den Hip-Hop Ende der 1980er Jahre bezeichnete, zur Geldmaschine wurde. In einer der Videoprojektionen in der „The Culture“-Ausstellung darf man darum auch dem Milliardärspaar Beyoncé und Jay Z beim Singen und Tanzen zusehen. Die beiden verkörpern am anschaulichsten die Hip-Hop-Variante des amerikanischen Traums.

„The Culture: Hip-Hop und zeitgenössische Kunst im 21. Jahrhundert“ in Frankfurt

Geschichte
 Am 11. August 1973 erfindet ein Teenager, der sich Kool Herc nennt, in der New Yorker Bronx den Hip-Hop. Diese Musik, die nicht mehr braucht als zwei Plattenspieler und ein Mikrofon, bringt zahllose Millionäre hervor, DJ Kool Herc aber wird zum Sozialfall.

Ausstellung
 Aus Anlass des 50. Hip-Hop-Geburtstags zeigt die Kunsthalle Schirn in Frankfurt bis zum 26. Mai die interdisziplinäre Schau „The Culture“, die vom Baltimore Museum of Art und dem Saint Louis Art Museum zusammen mit der Schirn entwickelt wurde.