Kurz bevor auch die Rolling Stones ein neues Album veröffentlichen, vertont der Ex-Beatle Paul McCartney Kindheits- und Jugenderinnerungen. Wie gut ist „The Boys of Dungeon Lane“?
Auf einmal ist Paul McCartney wieder ein kleiner Junge. Der 83-Jährige, der einst in dieser einen Musikgruppe spielte, die irgendwann in den 1960er Jahren so populär war, dass sich ein Bandkollege zu dem Satz „Wir sind berühmter als Jesus“ hinreißen ließ, blickt zurück ins Liverpool der 40er und 50er Jahre, als er mit anderen Jungs, die John Lennon oder George Harrison heißen, durch die Gassen streunte, während seine Eltern damit beschäftigt waren, in kargen Zeiten mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen.
„My father was a salesman, my mother was a saint / Working every God given minute to make enough to pay the rent“, singt Paul McCartney in dem Schrammelgitarren-Walzer „Salesman Saint“, der das Finale seines 18. Soloalbums eröffnet. Er erzählt von seinem Vater, der Verkäufer (aber auch Trompeter) war, und seiner Mutter, die er zur Heiligen stilisiert, und davon, wie sie sich, als der Krieg noch nicht zu Ende ist, abrackert.
„The Boys of Dungeon Lane“ ist das vielleicht persönlichste Album McCartneys
Der Song ist eine Durchhaltehymne über die Zeiten, als die einzige Unterhaltung, die man sich leisten konnte, ein Klavier oder ein Radiogerät waren. Und nach und nach wird „Salesman Saint“ zu einer Popsuite, der mal eine Mariachi-Trompete und mal ein Swing-Bläsersatz kunstvoll eine nostalgische Einfärbung verpassen. Und irgendwann ist es nicht mehr ein Lied über McCartneys Eltern, sondern eine Ode auf die verlorene Kriegsgeneration.
„The Boys of Dungeon Lane“ ist vielleicht das persönlichste Album Paul McCartneys. Er erzählt Popgeschichten in der Vergangenheitsform. Die meisten spielen in einer Zeit, in der es weder die Beatles noch die Beatlemania gab. Und am ergreifendsten gelingt das McCartney in den beiden letzten Songs des Albums – nach „Salesman Saint“ folgt noch die zartbittere Erinnerungsballade „Momma Gets By“, ein orchestral inszeniertes Denkmal für seine Mutter Mary McCartney, die im Jahr 1956 starb, als Paul gerade erst 14 Jahre alt war.
In „Home To Us“ singt McCartney zusammen mit Beatles-Drummer Ringo Starr
Der melancholisch-sentimentale Ton prägt dieses Album, das musikalisch mal an McCartneys Beatles-Zeiten („Mountain Top“), häufiger aber auch an seine andere Band, The Wings, erinnert („As You Lie There“). In „Days We Left Behind“ stellt er zwar traurig fest, dass nichts bleibt, wie es einmal war, dass die Erinnerungen einem aber niemand nehmen kann. Manchmal hat der Blick zurück aber auch etwas Verklärendes wie in der Popnummer „Home To Us“, in der er zusammen mit Ringo Starr die Anfangsjahre in Liverpool Revue passieren lässt.
Zwischen die oft mit brüchiger Kopfstimme vorgetragenen Reminiszenzen schmuggelt Paul McCartney allerdings dann auch das Riffmonster „Come Inside“, das auch ziemlich gut ins Repertoire der Black Keys passen würde, den knuffigen Boogie „Lost Horizon“ und Lovesongs wie „Ripples In The Pond“, „We Two“ oder „Never Know“.
Wieder mal treten die Beatles gegen die Rolling Stones an
Zum Blick zurück in die Vergangenheit passt, dass „The Boys of Dungeon Lane“ nebenbei eine alte Rivalität aus dem letzten Jahrtausend wiederbelebt: die zwischen den Beatles und den Rolling Stones. Diese war vor drei Jahren schon einmal plötzlich wieder Thema. Kaum hatten die Stones 2023 das Album „Hackney Diamonds“ veröffentlicht, erschien mit „Now and Then“ eine Single, die als der allerletzte Beatles-Song vermarktet wurde (in Wirklichkeit aber ein von der KI aufgepimpter Demotrack John Lennons war). Im Jahr 2026 kommt es erneut zum Showdown. An diesem Freitag erscheint Paul McCartneys „The Boys of Dungeon Lane“. Am 10. Juli folgt das neue Album der Rolling Stones. Es trägt den Titel „Foreign Tongues“.
Doch obwohl sich McCartney auf dem Album auf das Vergangene konzentriert, ist er dennoch ein Künstler des Hier und Jetzt. Wer das nicht glaubt, muss sich nur einmal den Auftritt anschauen, den er gerade eben bei der allerletzten Show des US-Talkmasters Stephen Colbert abgeliefert hat.
„Hello Goodbye“: Ein Protest, der ganz frei von Hass ist
Zwar hat McCartney da – begleitet zum Beispiel von Elvis Costello und Colbert selbst – eigentlich nur die alte Beatles-Nummer „Hello Goodbye“ gespielt. Aber weil Colberts Show, wie die meisten Medienexperten vermuten, vom Sender CBS nur deshalb abgesetzt wurde, um Donald Trump, der immer wieder Zielscheibe von Colberts Spott war, einen Gefallen zu tun, war der Auftritt zugleich eine Protestaktion gegen den US-Präsidenten: ein Protest, der vor allem dadurch beeindruckte, dass er komplett frei von Hass war und stattdessen vom Aufbruch in bessere Zeiten träumte. Und wenn dem Album „The Boys of Dungeon Lane“ etwas fehlt, dann ist es vielleicht genau diese kindliche Leichtigkeit, die bei „Hello Goodbye“ aus jeder Zeile tönt.
Paul McCartney: The Boys of Dungeon Lane. Capitol/Universal.