Teresa Präauer erzählt in ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Kochen im falschen Jahrhundert“ die Kulturgeschichte der Gegenwart aus der Herd-Perspektive.
Man futtert sich so durchs Leben, wenn man nicht gerade zu denen zählt, die hungern. Die, die in Teresa Präauers Roman „Kochen im falschen Jahrhundert“ in einer Wiener Altbauwohnung zu einem Abendessen zusammenkommen, gehören eindeutig zu dem begünstigteren Teil. Akademisch gebildet, wenn nicht sogar beschäftigt, verfügen sie nicht nur über einen guten Geschmacksinn, sondern ein empfindliches Sensorium für die Ungerechtigkeiten der Welt, zumindest soweit sie als Konversationsstoff für einen gepflegten Abend taugen.
Die Frau eines eingeladenen Paars kombiniert ihr sehr knappes Kleid mit einer Vivienne Westwood-Tasche: Immerhin habe die Mode-Designerin auf Instagram für den Klimawandel den Kapitalismus verantwortlich gemacht, die weltweite Korruption und die nationalen Regierungen, die den armen Leuten Geld wegnehmen würden, um es den Reichen zu geben.
Die Gastgeberin liebäugelt mit einem Kochbuch-Bestseller israelischer und palästinensischer Gerichte, zu schön, wenn der Frieden im Kochtopf anfangen würde. Weil die Zutatenrecherche ihres vom Smartphone aus die Welt ergoogelnden Partners zu nah an weitere aktuelle Krisenherde heranführt, entscheidet sie sich schließlich für eine Quiche, auch wenn unklar bleibt, welche Art von Frieden man damit symbolisieren könnte.
Konstellationen wie die, die den Ausgangspunkt dieses belletristischen Gastmahls bilden, tendieren dazu, sich in fulminanten sozialen Tischfeuerwerken zu entladen. Doch hier ist kein Gott des Gemetzels Chef de cuisine. Statt auf eine eskalative Speisenfolge setzt die österreichische Autorin eher auf literatursoziologische Molekularküche. Mit durchaus wissenschaftlichem Scharfsinn analysiert sie die vielfältigen Prozesse, die mitspielen, wenn sich jemand in den Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts Freunde zum Essen einlädt, jemand wie die Gastgeberin, die mittlerweile schöner wohnt, eine Hälfte ihres Lebens hinter sich gebracht hat, während sich die andere Hälfte noch in Form unausgepackter Bananenkisten in der neuen Wohnung stapelt.
Auch die sozialen Medien sitzen mit am Tisch
Dabei geht es beileibe nicht nur um Fragen der Getränke, der Crémants aus allen Regionen Frankreichs, ohne die gar nichts mehr geht, um Speisen, Geschirr, Schürzen, Küchen- und Kochbuch-Trends, sondern um Geschmack im umfassenden Sinn, Leinenhosen, Geschlechterrollen, Verhaltensweisen – all das, was Bourdieu-Leser den Habitus nennen. Außer den Genannten stößt noch ein Schweizer Professor dazu, aus dem der gerade gültige Stand des Diskurses mit all seinen heiteren Widersprüchen tönt, immerhin ist er der einzige, der noch raucht. Oder war er der erste, und die anderen genehmigten sich eine akademische Verspätung? Oder kamen alle zu spät, weil man sich heute alles offenhalten will. Alle Versionen werden durchgespielt. An dem dänischen Designer-Tisch haben auch die Sozialen Medien Platz genommen, weit ragt die Tafel hinein in den virtuellen Raum, in dem eine weitere Hälfte des zeitgenössischen Lebens stattfindet, mindestens. „Im Essen steckte immer schon die Geschichte eines Landes, und seine Gegenwart.“
Und natürlich dreht sich in einer Stadt, in der man nicht Sahne, sondern Schlagobers sagt, alles um die Sprache: Wieso sagten die Menschen in letzter Zeit so gern „alles gut“? Oder „kein Problem“? Sagte man noch Macho? Sagte man noch Mann? Dem feinen Gehör derjenigen, die hier erzählt, entgeht keine Nuance. Auch der Jazz ist eine Sprache – männlich oder weiblich? Eine Playlist von Ella Fitzgerald bis George Benson souffliert, wo die Konversation versagt.
Den möglichen Verläufen des Abends sind gleichsam als Zwischengang Zwiegespräche mit sich selbst eingeschaltet: Meditationen über die Vergänglichkeit von Geschmackserlebnissen. Wie kunstvoll arrangierte Stillleben markieren Speisenfolgen den unaufhaltsamen Gang der Dinge. Distinktionsgewinn als Verlusterfahrung. Vielleicht ist das ja überhaupt das eigentliche Thema dieser Kulturgeschichte der Jetztzeit aus der Küchenperspektive: Die leise Trauer über die verstreichende Zeit, in der sich die köstlichsten Erlebnisse auflösen, wie ein Stück Butter in heißer Soße.
Aus all dem etwas zu bereiten, das weder schwer im Magen liegt, noch mit gefälliger Windbeutelei kokettiert, ist eine fortgeschrittene Kunst. „Im Alter von vierzig Jahren war ihr bereits einiges gelungen“, heißt es von der Gastgeberin. „Sie hatte Schönes und Trauriges erlebt. Sie übernahm die Verantwortung, die ein Mensch in der Hälfte des Lebens zu tragen hatte. Sie lud Freunde zu sich ein, kochte Abendessen, schenkte Wein aus.“ Auch Teresa Präauer ist bereits einiges gelungen. Hier zeigt sie sich auf der Höhe ihres Könnens – man könnte auch sagen: als vollendete Gastgeberin.
Teresa Präauer: Kochen im falschen Jahrhundert. Roman. Wallstein. 128 Seiten, 22 Euro.