Simona Halep aus Rumänien führt die Rangliste der Spielerinnen aus Osteuropa an – auch beim Turnier in Stuttgart. Foto: imago//Rob Prange

Elf der 20 Topspielerinnen des Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart kommen aus Osteuropa, auch die Weltrangliste prägen sie. Was ist das Geheimnis von Simona Halep und Co.?

Stuttgart - Nur fünf Prozent der Landesfläche von Kasachstan befinden sich in Europa. Nimmt man diese hier und da strittige Sichtweise zur Grundlage, ist Elena Rybakina tatsächlich die elfte Osteuropäerin unter den 20 besten Teilnehmerinnen beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart. Es ist keine neue Erkenntnis, dass aus dem Osten des alten Kontinents zahlreiche Topstars kommen. Doch angesichts der ehemaligen Tennismacht USA – nur Sofia Kenin und Jennifer Brady befinden sich unter den Top 20 von Stuttgart – ist ein Blick auf die Liste der Spielerinnen auch 2021 spannend und abwechslungsreich zugleich.

 

Die Top-20-Rangliste von Stuttgart wird angeführt von der Australierin Ashleigh Barty. Aus Osteuropa sind neben Kasachstan die Länder Rumänien (Simona Halep), Ukraine (Elina Svitolina), Belarus (Aryna Sabalenka), Estland (Anett Kontaveit), Russland (Ekaterina Alexandrova) und Lettland (Jelena Ostapenko) vertreten. Und dann gibt es da noch das starke tschechische Quartett, das aus Karolina Pliskova, Petra Kvitova, Marketa Vondrousova und Karolina Muchova besteht. Warum ist das so? Gute Frage.

Mit viel Ehrgeiz

Ob es ein Trend ist, dass Spielerinnen aus Osteuropa auf Dauer besser sind als andere, ist schwer zu sagen. Doch dass ein gewisser Ehrgeiz besteht, weil der Tennissport den Aufstieg ermöglichen kann, ist unstrittig. „Schon von Kindheit an gehen sie offenbar den harten Weg und werden dafür irgendwann belohnt, nicht alle, aber viele“, sagt Thomas Bürkle, der Clubmanager des TEC Waldau ist und beim Porsche Grand Prix in Stuttgart im Organisationsteam arbeitet. Und: „Es zeichnet viele Spielerinnen aus Osteuropa aus, dass sie kämpfen, viele kleine Turniere spielen und sich dann hocharbeiten“, sagt der Manager, der sich in der Frauenszene des Tennissports bestens auskennt.

Thomas Bürkle verfolgt den Aufstieg osteuropäischer Spielerinnen seit Jahren aus nächster Nähe. Als Organisationschef der Ladies Open in Hechingen weiß er nur zu gut, wie alles anfängt. Zwei Tschechinnen stehen beim TEC Waldau für Spiele in der Tennis-Bundesliga unter Vertrag. Ein Mosaikstein auf dem Weg nach oben war für sie das Turnier in Hechingen, wo während des Spiels ein herrlicher Blick auf die Burg Hohenzollern inklusive ist.

„Sie haben in Hechingen angefangen und sich über die kleinen Dinge des Lebens gefreut“, erinnert sich Bürkle an die Anfänge von Barbora Krejcikova und Katerina Siniakova, die nun auf der Waldau spielen und in der Weltrangliste auf den Plätzen 42 und 69 rangieren. Beide gehören zu den besten Doppelspielerinnen der Welt, zwei Grand-Slam-Turniere haben sie gemeinsam gewonnen. In Hechingen waren sie bei ihren Anfängen ganz im Glück darüber, dass sie privat untergebracht, dabei herzlich aufgenommen wurden und dadurch auch ein bisschen Geld sparen konnten. So fing alles an.

Die Väter sind oft dabei

Oft sind es die Väter, die mit ihren Töchtern auf die Tennis-Tingeltour gehen. 1000 Euro Preisgeld können da schon die Reisekosten ersetzen – und ein bisschen Ausrüstung gibt es obendrein. Schläger, Schuhe, Bälle – alles, was man so braucht. „Am Anfang wurden diese Spielerinnen vielleicht nicht so verwöhnt“, vermutet Bürkle im Hinblick auf osteuropäische Talente, die auch stilistisch ganz anders groß geworden sind. Auf dem Platz gelten sie als harte Arbeiterinnen. Dementsprechend hauen sich viele von ihnen im Training und im Turnier die Bälle humorlos um die Ohren. Das schöne Spiel kreieren sie eher nicht.

Die vier Tschechinnen in Stuttgart haben sich zwar auch hochgearbeitet, doch anders als etwa ihre Kolleginnen aus Russland oder der Ukraine sind ihre Möglichkeiten denen im Westen noch am ähnlichsten. In der Tradition der Legenden Martina Navratilova und Ivan Lendl spielt Tennis in Prag eine ganz andere Rolle als in Kiew oder Moskau. In Tschechien gibt es mehr Tennisschulen und Trainingscamps, in denen die Talente betreut und aufgebaut werden für eine Karriere.

Und warum sind so wenig deutsche Spielerinnen unter den besten 20 von Stuttgart? „Wir haben jetzt so eine kleine Phase, in der wir etwas Geduld haben müssen“, sagt Thomas Bürkle, aber das werde sich womöglich wieder ändern. Im Prinzip aber ist es ja völlig einerlei, wer aus welcher Nation auf dem Platz steht. Hauptsache, das Spiel fasziniert – nur darum geht es.