Beim Mercedes-Cup sind in diesem Jahr nur wenige Zuschauer erlaubt – das gibt dem Turnier einen gewissen Charme.
Stuttgart - Am Eingang zur Tennisanlage des TC Weissenhof grüßen von einem Plakat herunter die alten Helden. Björn Borg ist dabei, genauso wie Ivan Lendl, Andre Agassi oder Goran Ivanisevic. Die noch aktiven Turniersieger auf dem Plakat sind Rafael Nadal und Roger Federer. Kaum zu glauben, welche Heroen des Tennissports schon in dem kleinen, aber feinen Club am Killesberg den Siegerscheck abgeräumt haben.
So ein richtiger Superstar, der fehlt in diesem Jahr. Weil das um eine Woche nach hinten verschobene Grand-Slam-Turnier in Paris zeitgleich stattfindet, ist das wohl so. Bestplatzierter Weltranglistenspieler ist der Kanadier Denis Shapovalov, die Nummer 14 der Welt. Dennoch sind die Turnierveranstalter ganz zufrieden mit den Spielern, die überwiegend in den Top 60 rangieren. „Wir haben ein interessantes Feld. Wenn man hier als vermeintlicher Favorit nur 95 Prozent gibt, verliert man – die Weltranglistenplatzierung ist da nur eine Nummer“, sagt Karlheinz Wieser vom Organisationsteam des Mercedes-Cups über den Umstand, dass auf diesem Niveau jeder jeden schlagen kann.
Die Gäste verteilen sich
Diesmal ist eben alles ein bisschen anders. Paris hat Auswirkungen, aber vor allem auch Corona. Nur 500 Zuschauer dürfen auf die Anlage. Das klingt nach gar nicht so wenig, bedenkt man, dass im Fußball monatelang vor leeren Rängen gespielt wurde. Und doch ist es ein Klacks, weil sich die 500 Gäste auf der Weissenhof-Anlage sauber verteilen. Die einen essen im Cateringbereich, die andern suchen ein bisschen Schatten, um nach Hause zu telefonieren. So schauen sich am schwülen und diesigen Mittwochmittag gerade mal 40 Leute auf dem Centre-Court die Partie zwischen Jeremy Chardy und Yannick Hanfmann an.
Mercedes-Cup-Light – so muss man dieses Turnier coronabedingt nennen. Der VIP-Bereich, in dem zum Mittagstisch gebeten wird, ist kaum ausgelastet – man könnte auch von einer himmlischen Ruhe sprechen. Beim Blick von der Terrasse auf den bewaldeten Killesberg mag durchaus Urlaubsstimmung aufkommen, ein bisschen Süden, ein bisschen Toskana. Nur gibt es Kartoffelgratin mit Kalbsbraten und keine Pasta. Dafür aber geht es mit einem klaren Regelwerk zu Tisch: Masken dürfen nur am Sitzplatz abgelegt werden, an einem Tisch sollen möglichst nur Menschen aus demselben Umfeld sitzen, und am Buffet ist der Mindestabstand unbedingt einzuhalten.
Auch Schlotterbeck schaut zu
Für Schupfnudeln am Stehtisch haben sich Nico Schlotterbeck und Marvin Zimmermann entschieden. Die überwiegenden Gäste sind Sponsoren, Partner oder Freunde der Spieler. Schlotterbeck hat die Karte von seinem Kumpel Dominik Koepfer bekommen, der zuletzt in Paris gegen Roger Federer verlor. Und Schlotterbeck ist auch kein Unbekannter. Der Innenverteidiger und frisch gekürte U21-Europameister wurde vom SC Freiburg an Union Berlin ausgeliehen, macht gerade Sommerpause daheim in Weinstadt, bevor es zurück nach Freiburg geht. „Danach schauen wir weiter“, sagt Schlotterbeck. Vielleicht führt sein Weg vom Mercedes-Cup in die Mercedes-Benz-Arena zum VfB Stuttgart. Der hat an Schlotterbeck Interesse. Wird da verhandelt? „Dazu kann ich nichts sagen“, meint er.
Erst einmal genießt der Fußballer aber das Tennisturnier. „Es ist ganz nett hier, viel ruhiger und angenehmer als sonst“, sagt Schlotterbeck, der den Mercedes-Cup schon besuchte, als sich beim TC Weissenhof 6000 Zuschauer tummelten. Marvin Zimmermann, der Cousin von Schlotterbeck, kickt auch. „Manchmal ist es schade, dass bei den Spielen hier so wenige Zuschauer sind, aber da kann man nichts machen“, sagt er. Dennoch genießen die Fußballer ihren diesmal etwas gediegeneren Tennis-Abstecher auf den Killesberg.
Das gepflegte Doppel
Das abgespeckte Programm sorgt dafür, dass der ganz normale Tennisbetrieb auf Vereinsebene weiterlaufen kann. Die Profis spielen auf Rasen. Auf den Sandplätzen sind die Clubmitglieder am Werk. Eine muntere Frauengruppe der Ü-60-Kategorie bestreitet das übliche Mittwochnachmittag-Doppel. Das ist es, was den Weissenhof dieser Tage ausmacht: Weltklassetennis und das gepflegte Damen-Doppel finden bei dem charmanten Tennisturnier nebeneinander statt.
Über die Zukunft des Mercedes-Cups soll man sich keine Sorgen machen – das ist die Botschaft 2021. Ein weiterer Ausfall des Turniers, das schon 2020 wegen der Pandemie aus dem Programm geflogen war, sollte es nicht geben, denn wer zweimal weg vom Fenster ist wird leicht vergessen. Die rummelfreie Version in diesem Jahr ist besser als gar nichts. Außerdem gibt es im Hinblick auf die momentan etwas entspanntere Pandemielage weniger Bedenken und das bekräftigt die Veranstalter, die Turnierpläne durchgezogen zu haben. Die Zuschauer müssen einen Impfnachweis oder einen Test vorlegen, ein eigenes Testzentrum ist jedoch nicht installiert. Doch überall sind Desinfektionsmittel für die Hände stationiert. Und die paar Leute, die auf der Anlage herumschlendern, tragen artig ihr Masken.
Die Szene atmet auf
Die Tennisszene atmet auf dem Weissenhof etwas auf. „Für uns Spieler ist die Zeit in der Blase nicht ganz einfach“, sagt Dominik Koepfer und hofft, dass bald am Ende des Tunnels Licht zu sehen ist. Wie übrigens auch sein Kumpel Nico Schlotterbeck. Der freut sich bald auf Zuschauer im Stadion – ob in Freiburg oder Stuttgart ist da zunächst egal.