Viele Autofahrer werden bei Tempo-Limits ungeduldig. (Symbolfoto) Foto: Jörg Carstensen/dpa

Drängeln bringt kaum Zeit, aber mehr Risiko, meint unser Autor.

Es ist ein Phänomen, das viele kennen – und das zunehmend für Frust sorgt: Kaum hält man sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit, fährt einem der Nächste dicht auf. Die Beispiele liegen direkt vor der Haustür: an der Baustelle der Hochbrücke zwischen Nordstetten und Horb, auf der Strecke Nordstetten-Empfingen (Tempo 70), auf der Bildechinger Steige, in Bildechingen oder am Rauschbart. Wer hier Tempo einhält, hat oft schon nach wenigen Sekunden ein Fahrzeug im Rückspiegel, das deutlich näher kommt als nötig.

 

Dabei geht es nicht um besonders langsames Fahren, sondern schlicht um regelkonformes Verhalten. Viele wollen kein Risiko eingehen – weder ein Bußgeld noch Punkte oder im schlimmsten Fall einen Unfall. Trotzdem entsteht häufig der Eindruck, als müsse man sich dafür rechtfertigen.

Ein Zwiespalt

Hinzu kommt ein praktisches Problem: Wer sich an die Geschwindigkeit hält, gerät schnell in einen Zwiespalt. Einerseits will man korrekt fahren, andererseits baut sich von hinten Druck auf. Dieses Spannungsfeld führt dazu, dass sich manche Fahrer eher am Verkehrsfluss als an der Beschilderung orientieren – mit dem Risiko, ungewollt selbst zu schnell zu werden.

Das Problem dabei: Drängeln ist nicht nur unangenehm, sondern kann auch gefährlich werden. Zu dichtes Auffahren zählt zu den häufigsten Ursachen für Auffahrunfälle. Fachportale weisen darauf hin, dass Lichthupe, dichtes Auffahren und aggressives Verhalten den Druck auf Vorausfahrende erhöhen – und damit die Fehleranfälligkeit. Wer sich bedrängt fühlt, reagiert schneller nervös, bremst ungleichmäßig oder trifft unüberlegte Entscheidungen. Hinzu kommt: Zu dichtes Auffahren ist kein Bagatelldelikt. Je nach Situation kann es rechtlich als Nötigung gewertet werden. Entscheidend ist dabei nicht nur der Abstand, sondern auch das Gesamtverhalten – etwa wiederholtes Drängeln oder bewusstes Bedrängen.

Stress und Gewohnheit

Warum dieses Verhalten so verbreitet ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Experten sehen eine Mischung aus Zeitdruck, Stress und Gewohnheit. Der Straßenverkehr wird für viele zum Ventil – Ärger aus dem Alltag wird mit ins Auto genommen. Gleichzeitig unterschätzen viele, wie gering der tatsächliche Zeitgewinn ist. Selbst schnelleres Fahren bringt auf kurzen Strecken oft nur Sekunden.

Der Umgang mit Dränglern ist dabei nicht einfach. Empfehlungen aus Ratgebern gehen in eine klare Richtung: ruhig bleiben, nicht provozieren lassen und – wenn möglich – den Überholvorgang zulassen. Wichtig ist vor allem, sich nicht zu riskantem Verhalten verleiten zu lassen.

Gleichzeitig stellt sich aber auch eine grundsätzliche Frage: Wie gehen wir im Straßenverkehr miteinander um? Wenn regelkonformes Fahren zunehmend als Hindernis wahrgenommen wird, verschiebt sich etwas. Dann entsteht ein Klima, in dem Rücksichtnahme an Bedeutung verliert.

Situation kann sich hochschaukeln

Auffällig ist auch, dass sich solche Situationen oft hochschaukeln. Ein dichtes Auffahren löst beim Vorausfahrenden Stress aus, dieser reagiert möglicherweise unsicher – was wiederum den Hintermann zusätzlich provoziert. So entsteht eine Dynamik, die mit der ursprünglichen Verkehrssituation wenig zu tun hat, aber das Risiko für alle Beteiligten erhöht.

Gerade auf den genannten Strecken rund um Horb zeigt sich das deutlich. Unterschiedliche Tempolimits, Baustellen und neue Regelungen erfordern Aufmerksamkeit und Anpassung. Umso wichtiger wäre ein Mindestmaß an Gelassenheit. Am Ende geht es nicht darum, wer „im Recht“ ist oder wer schneller vorankommt. Sondern darum, dass alle sicher ans Ziel kommen.