Markus Scheurer, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer in Albstadt, kandidiert am Sonntag für das Präsidium des VfB Stuttgart. Foto: RWT

Wenn die Mitglieder des VfB Stuttgart am 18. Juli ein neues Präsidium wählen, steht ein Teilzeit-Albstädter zur Wahl: Markus Scheurer, Geschäftsführer der RWT Revision und Wirtschaftstreuhand. Ein Wirtschaftsfachmann im Sport – passt das?

Albstadt-Ebingen - Kampfkandidaturen sind seine Sache nicht. Bei der Präsidiumswahl am 18. Juli geht Markus Scheurer ins Rennen, weil der VfB Stuttgart ihm ans Herz gewachsen ist: Seit 45 Jahren geht er ins Stadion, ist seit 2004 Mitglied des Vereins für Ballspiele in der Landeshauptstadt – und seines Freundeskreises, der vor allem die Jugendarbeit unterstützt und in dem er seit zehn Jahren die Kasse hütet.

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Nun stellt sich der Gönninger, der als Geschäftsführer der RWT Revision und Wirtschaftstreuhand in Albstadt arbeitet, als Kandidat für das Präsidium des VfB Stuttgart zur Verfügung, und das meint er ganz wörtlich: "Ich kandidiere nicht gegen jemanden", sagt Scheurer, das ist ihm ganz wichtig. Der sympathische Finanzfachmann will den Mitgliedern eine echte Wahl ermöglichen: "Ich biete meinen Lebenslauf und meine Kenntnisse an – am Ende sollen die Mitglieder die beste Entscheidung treffen können."

Karriere? Muss Markus Scheurer nicht mehr machen. In der RWT Reutlinger Wirtschaftstreuhand GmbH ist er Seniorpartner und Geschäftsführer, ebenso wie in der Albstädter Filiale, wo er seit 1986 arbeitet. Von rund 300 Mitarbeitern der RWT ist der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater derjenige, der am längsten dabei ist.

Die Sicherheit und Krisenfestigkeit, die ihm sein umfangreiches Wissen und seine enorme Erfahrung verschaffen, strahlt er auch aus. Längst weiß Scheurer, dass wegen eines Sturms die Welt nicht untergeht. Einem wie ihm kann man sich auch anvertrauen, wenn’s brennt. Er weiß, wo der Feuerlöscher hängt – und er kann ihn bedienen.

In seiner Heimatgemeinde wissen sie das. Seit fünf Jahren führt er die Turngemeinde Gönningen mit ihren sechs Sparten und knapp 1000 Mitgliedern. Neben Leichtathletik, Turnen, Tennis, Tischtennis und Volleyball steht König Fußball natürlich ganz oben im Portfolio – und Scheurer so oft er kann am Spielfeldrand, um seine Teams anzufeuern. Dasselbe gilt für den VfB Stuttgart, für dessen Spiele er seit mehr als 20 Jahren eine Dauerkarte hat, dem er schon als Schüler – für fünf D-Mark Eintritt nach der Schule am Samstag; "das gab es damals alles noch" – auf den nicht überdachten Stehplätzen die Daumen drückte. Inzwischen darf er die 15 bis 20 Heimspiele, die er pro Jahr besucht, längst aus dem VIP-Bereich verfolgen. Den Kontakt zur Kurve pflegt Scheurer dennoch nach wie vor – er weiß, dass es die Fans sind, die den Verein tragen und beflügeln. Nicht erst seit Corona, da sie draußen bleiben mussten. "17 Hinspiele ohne Zuschauer – da fehlen dem VfB bis zu 40 Millionen Euro", sagt er. "Ein Minus, dass man zwar durch den Verkauf von Spielern decken könnte – aber dann verlöre der Verein an Substanz." Und die – das weiß er aus seinem Beruf – ist richtig wichtig für künftige Erfolge. "Die junge Mannschaft hat sich sehr gut entwickelt", betont er und nennt den Stürmer Silas Katompa Mvumpa sowie Mittelstürmer Sasa Kalajdzic aus Österreich als Beispiele.

Stabilität muss sein – damit es sportlich läuft

Durch den Freundeskreis des VfB hat Markus Scheurer "viele Freunde kennengelernt", den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf die Jugendarbeit gelegt. Jetzt ist es ihm vor allem wichtig, Ruhe in den Verein zu bringen: "Finanzen, Rechtliches, Organisation sollen so stabil sein, dass sie den Verein unterstützen und nicht ausbremsen", betont Scheurer. "Die gute sportliche Entwicklung soll weitergehen", das ist sein Ziel. Dem VfB die Stabilität dafür zu verschaffen – daran will Scheurer mitarbeiten, nun, da er beruflich kürzer treten will.

Ruhestand indes ist für ihn noch lange nichts. Einer, der so viel Energie hat, so viel Erfahrung mitbringt und weitergeben kann, will diese nun, da er beruflich alles erreicht hat, für seinen VfB einsetzen. Seine Idee war das anfangs nicht. Man sei an ihn herangetreten, berichtet er. Einer mit seinem Profil fehle noch in der Runde der Kandidaten fürs Präsidium. "Was hab’ ich zu verlieren?" dachte sich Scheurer. "Probier’s mal!"

Die 50 Unterstützerunterschriften für die erste Runde hatte er – trotz der Pandemie – schnell zusammen, musste dann, ungewohnt für einen Führungsmann wie ihn, eine Bewerbung schreiben. "Hauptsächlich verbinden mich mit dem VfB die Menschen, die sich für ihn engagieren, mit ihm zittern und sich gemeinsam über Erfolge freuen", steht darin.

Dass er das lange Bewerbungsgespräch gut überstand: selbstredend. Trotz seiner Präsenz und der Kraft, die er ausstrahlt, ist Scheurer ein richtig netter Kerl geblieben, mit dem man Schwäbisch schwätzen kann, der seine Gesprächspartner – egal wen – ernst nimmt und ihnen auf Augenhöhe begegnet.

Ob die Mitglieder – von rund 71 000 sind nicht alle stimmberechtigt, etwa die Kinder und Jugendlichen – das erkennen, wenn am 18. Juli im Stadion gewählt wird? Wie das Prozedere es vorsieht, kandidieren zwei Duos um die Stellvertreter-Posten von Präsident Claus Vogt, der seinen Hut erneut in den roten Brustring wirft: Christian Riethmüller, Chef der Buchhandelskette Osiander, und der Riedlinger Unternehmer Hubert Deutsch auf der einen, Scheurer und Rainer Adrion auf der anderen Seite.

Letzterer war Spieler, Trainer, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums des VfB Stuttgart, sitzt im Aufsichtsrat der AG um den Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzelsperger und hilft seit dem Rücktritt von Bernd Gaiser und Rainer Mutschler im Februar im Präsidium aus. Dessen Stärke sei die sportliche Seite, betont Scheurer, seine die der Finanzen und der Organisation. "In den vergangenen zehn Jahren ist durch viele Vorstandswechsel viel Unruhe in den Verein gekommen", hat er festgestellt, und genau da will er seinem Verein helfen, getreu seinem Motto "Evolution statt Revolution". Spricht’s, lächelt, und blickt gelassen, wie er nun mal ist, dem 18. Juli entgegen: Markus Scheurers Angebot an die Mitglieder liegt auf dem Tisch. Jetzt dürfen sie entscheiden.

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