Aus einer Anfrage um ein Praktikum für eine Klientin der Stiftung Liebenau hat sich ein Arbeitsplatz mit Bedeutung entwickelt: Julia Gehring (links) und Sabine Hauser, Inhaberin der Villinger Buchhaltestelle. Foto: Martina Zieglwalner

Julia Gehring bereichert als Praktikantin der Stiftung Liebenau das Team der Villinger Buchhaltestelle. Ihr Beispiel zeigt, wie Inklusion gelingen kann.

„Es macht mir richtig Spaß“, stellt Julia Gehring strahlend fest, sie genießt den Kontakt zu den Menschen, die Atmosphäre im Laden und den Tapetenwechsel: Die von der Stiftung Liebenau betreute junge Frau mit einer Beeinträchtigung arbeitet alle 14 Tage in der Buchhaltestelle in der Villinger Brunnenstraße mit und steht Inhaberin Sabine Hauser bei verschiedenen Aufgaben zur Seite.

 

„Sie ist inzwischen meine längste Mitarbeiterin“, erzählt die Buchhändlerin, und auch sie hat die Praktikantin ins Herz geschlossen. Vor rund acht Jahren sei eine Mitarbeiterin der Stiftung Liebenau auf sie zukommen, ob sie einer Klientin die Chance bieten könne, regelmäßig auszuhelfen. Das wollte sie, und seither zählt Julia Gehring zum festen Team der Buchhaltestelle.

„Ich packe Bestellungen aus und zeichne sie mit Preisen aus“, erklärt die 29-Jährige. Auch Karten richte sie mit den passenden Hüllen für den Verkauf, schreibe Lieferscheine und helfe beim Ausfahren der Bücher, ergänzt Sabine Hauser. „Die Aufgaben erledigt sie tipptopp“, freut sie sich über die Unterstützung.

Und Julia Gehring hat ihrerseits Spaß an der Abwechslung. Im Alltag ist sie in den Werkstätten der Stiftung Liebenau in Villingen beschäftigt, übernimmt Schleif-, Montage- und Faltarbeiten oder packt beim Bau von Wetter- und Vogelhäuschen an. In Villingen gebe es drei Produktionsstandorte der Stiftung Liebenau, an denen die Beschäftigten sowohl Auftragsarbeiten für die Industrie übernehmen als auch Dekorationsartikel für den eigenen Verkauf herstellen, erläutert der Heilerziehungspfleger Philipp Wintermantel. Einige Klienten seien auch bei der Firma Maico in Schwenningen in einer Außenarbeitsgruppe tätig, zudem gebe es einzelne Aktionen wie Gartenprojekte oder Einsätze mit dem städtischen Forstamt.

Tätigkeit schafft eine sinnvolle Tagesstruktur

Die Stiftung Liebenau betreue ein breites Spektrum an Menschen mit einer Beeinträchtigung von Jugendlichen nach der Schulzeit bis zu Leuten kurz vor der Rente, ob mit Down Syndrom, Autismus, psychischen Problemen oder einem durch einen Unfall oder einer Erkrankung verursachten Handicap. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum unterkommen. Ziel sei es zum einen, einigen von ihnen wenn möglich eine Stelle in einem Betrieb zu vermitteln und so Teilhabe zu ermöglichen. Zum anderen schaffe auch die Tätigkeit in einer der Werkstätten eine sinnvolle Tagesstruktur.

Einfach sei es nicht, Arbeitsplätze für die Klienten zu finden, weder eine langfristige Beschäftigung noch ein Praktikum wie in der Buchhaltestelle, betont Wintermantel. „Viele Betriebe haben noch Vorbehalte“, bedauert er. Zumal die Betreuer der Stiftung Liebenau beim Start Hilfestellung geben, immer wieder auch vorbeischauen und sich in Abstimmung mit den Firmen bei Bedarf um Unterstützung kümmern. Für größeren Unternehmen stehe ein Betriebspate zur Seite, der beispielsweise auch regelmäßige Treffen organisiere. Und wenn die Menschen in einem Betrieb untergekommen seien, zeige sich oft, dass sie viel mehr können als gedacht. „Das ist ein Gewinn für beide Seiten“, ist sich der Betreuer der 29-Jährigen sicher.

Fest etabliertes Praktikum ist ein Traumjob

Das können Sabine Hauser und Julia Gehring nur bestätigen, die nicht nur die Zusammenarbeit schätzen, sondern längt auch Freundinnen sind. Und für die junge Frau ist ihr inzwischen fest etabliertes Praktikum ein Traumjob. Sie habe schon immer Spaß am Lesen, komme gerne in den Laden und verstehe sich mit allen gut. Dass Sabine Hauser die Buchhaltestelle im Herbst aufgibt und sich trotz intensiver Suche bisher noch kein Nachfolger gefunden hat, stimmt die beiden traurig. Die Geschäftsinhaberin hat sich schon nach einer neuen Stelle für die junge Frau umgehört, gerne wieder in einem Buchladen.

Und Julia Gehring will die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Buchhaltestelle bestehen bleibt und sie weiter regelmäßig vorbeikommen kann. „Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf.“, zeigt sie sich zuversichtlich, dass sich sonst eine andere Möglichkeit auftut. Und die Freundschaft zwischen Sabine Hauser und ihrem „Julchen“, die vor Jahren aus einer Anfrage um einen Praktikum begann, die bleibt bestehen.

Kontakt zur Werkstatt

Arbeitsstellen gefragt
Wer ein Praktikum für einen Menschen mit Beeinträchtigung anbieten oder Informationen möchte, kann sich bei der Liebenau Teilhabe gemeinnützige GmbH, Werkstatt Arbeit Inklusive, in der Pontarlierstraße 9 in Villingen unter der Telefonnummer 07721/2 06 82 69 oder E-Mail wfbm.vs@stiftung-liebenau.de melden.