Die deutsche Wirtschaft lahmt – hat die Politik Rezepte parat? Das wollten die Wirtschaftsjunioren der Region bei der Diskussion in der Tailfinger Technologiewerkstatt von Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut wissen.
Die Probleme sind mit Händen zu greifen: Über eine Stunde mussten die Nachwuchsunternehmerinnen und -unternehmer auf die Ministerin warten, die zuvor in Karlsruhe beim „Top Level Meeting“ – auf Deutsch Spitzengespräch – mit Vertretern der Automobilindustrie gewesen war.
Verspätungen mögen die Regel sein, aber in diesem Fall hatte wieder einmal die überforderte Infrastruktur eine Rolle gespielt – unter anderem der gesperrte Stich, von dem das Navi nichts wusste.
Dank dem Vortermin war Nicole Hoffmeister-Kraut immerhin schon auf das eingestimmt, was sie erwartete. Vor zehn Jahren hatte sich Deutschland noch mit geblähter Brust als Exportweltmeister und Vorzeigewirtschaftsnation präsentiert. Aus und vorbei – wieder einmal ist Deutschland der kranke Mann in Europa, und die Ärzte sind sich einig, dass die Genesung sich hinziehen wird, weil die Probleme nicht nur konjunktureller, sonder auch struktureller Art sind.
Weder billige Energie noch Vorsprung durch Technik
Mit manchem wird man sich wohl abfinden müssen: Das Erfolgsrezept „Billige Energie plus Vorsprung durch Technik“ funktioniert nicht mehr, denn das russische Gas steht nicht mehr zur Verfügung, und die Chinesen haben aufgeholt – Nicole Hoffmeister konnte eine gewisse Ratlosigkeit angesichts dieser unbestreitbaren Tatsachen nicht verhehlen. Aber es bleiben ja Gott sei Dank noch andere Probleme, die definitiv hausgemacht sind und sich also auch zu Hause lösen lassen müssten, allen voran die Bürokratie.
Nicht nur die Ministerin, auch die zahlreichen Zuhörer, die sich nach dem Impulsvortrag zu Wort meldeten, führten beredte Klage über multiple Innovationshemmnisse und die Schwerfälligkeit der Behörden. Der Brüsseler, aber eben auch der deutschen.
Also weg mit ihr? Wenn das so einfach wäre – Hoffmeister-Kraut beteuerte, dass der gute Wille zum Bürokratieabbau da sei, der Weg dahin jedoch mit Hindernissen gepflastert. Die als regelungswütig verschrieene Ampel wird demnächst weg sein, aber nicht enden wollende Genehmigungsverfahren und chronisches Bedenkenträgertum waren schon vor der Ampel das Erbteil der Deutschen, und zwar nicht nur der Politiker.
Die deutsche Wissenschaft, so war zu hören, könne auf Gebieten wie der Quantentechnologie noch so wettbewerbsfähig sein, aber die Europäer und allen voran die Deutschen wüssten daraus kein Kapital zu schlagen, seien übervorsichtig und risikoscheu. Sie machten die Erfindungen – und die anderen das große Geld. Von den jüngeren der großen Technologiekonzerne sei keiner in Europa entstanden; „Unicorns“ müsse man mit der Lupe suchen.
Indes blieb auch der vermeintlich gute Ruf des deutschen Forschergeists nicht unhinterfragt: Das Bildungssystem, einst der deutsche Standortvorteil schlechthin, sei in desaströsem Zustand und die Arbeitsmoral ebenso: Die Alten nähmen ein „Sabbatical“ nach dem anderen, und für die Jungen sei die Fünf-Tage-Woche keine Option mehr. Der demografiebedingte Fachkräftemangel tue ein übriges, um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu beschneiden – und dass die KI da Abhilfe schaffen werde, könne man getrost vergessen. Der Zug werde längst abgefahren sein, wenn die Deutschen die Technikfolgenabschätzung beendet hätten.
Rezepte gibt es schon – aber damit ist es nicht getan
Was kann man da tun? Nicole Hoffmeister-Kraut nannte als probate Maßnahmen kurzfristige Investitionsanreize, den Abbau von Dokumentationspflichten sowie Welcome-Center und Mentorenprogramme für Migranten. Dass es damit getan sein wird, schien niemand im Saal anzunehmen.
Jenseits der Kritik an der Politik stand eine umfassende Kulturkritik im Raum – von der sich die Anwesenden selbst allerdings erkennbar ausnahmen. Man wurde den Eindruck nicht los, lauter Rufer in der Wüste vor sich zu haben.