Helmut Link steht, alle andere sitzen – und beweisen damit die Richtigkeit seiner These: Ohne Stühle geht es nicht. Foto: Kistner

Vor zehn Jahren wurde die Technologiewerkstatt Albstadt eröffnet – jetzt haben die Stadt Albstadt und ihre Projektpartner den runden Geburtstag gefeiert.

Zehn Jahre mögen nicht jedem als sonderlich lange Zeit erscheinen – aber der Eindruck trügt: Kann sich noch irgendjemand an das Kunstwort „Nitta“ erinnern? NITTA war ein Akronym, bestehend aus den Anfangsbuchstaben der Wortfolge „Netzwerkzentrum für Innovation und technische Textilien Albstadt“, und drei Jahre lang, bis Anfang 2013, der Arbeitsname des Leuchtturmprojekts gewesen, mit dem die Albstädter Innovation, Gründergeist und Entrepreneurship zu fördern gedachten. Dann ging „Technologiewerkstatt“ als Sieger aus dem Wettbewerb der Taufnamen hervor, und „Nitta“, mit dem die Albstädter nie recht warm geworden waren, verschwand in der Versenkung. Vergessen – als wäre es ewig her.

 

Vergessen ist auch, wie viele die Technologiewerkstatt in der Projektphase als Millionengrab denunziert und prophezeit hatten, es werde ein gewaltiger Rohrkrepierer werden – Oberbürgermeister Roland Tralmer erinnerte beim Jubiläumsfest im Haus genüsslich daran. „Das sagt heute niemand mehr. Im Gegenteil, meine Bürgermeisterkollegen sprechen mich ständig darauf an und fragen, wie man zu so etwas kommt.“

Ganz einfach, Weitsicht und Courage angesichts der gähnend leere Stadtkasse waren erforderlich – und Glück: Das Land und die EU übernahmen mehr als drei Viertel der Gesamtkosten von über vier Millionen Euro.

Der Eröffnungsminister hieß Bonde

Es blieb Tralmers Vorvorgänger Jürgen Gneveckow vorbehalten, daran zu erinnern, dass die Initiative zu dem Projekt – sie fiel in seine Amtszeit – erst 15 und die Einweihung erst zehn Jahre zurückliegt. „In 90 Jahren sehen wir weiter.“ Gneveckow konnte sich noch gut an das aufwendige „Vorsingen“ vor den Säckelmeistern der Fördertöpfe erinnern – und Anne Leukhardt aus dem Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum, an die Höhe der Förderanteile. Dass der Minister, der seinerzeit zur Einweihung erschien, grün war und Alexander Bonde hieß, war ihr nicht so präsent.

Erinnerte an die Anfänge, die in seine zweite Amtszeit fielen: Alt-OB Jürgen Gneveckow

Was wird in zehn Jahren sein? Interstuhl-Geschäftsführer Helmut Link, der stellvertretend für die Partner aus der Industrie sprach, sieht eine neue Welt kommen, in der Brillen die Bildschirme ersetzen und Tische überflüssig werden. Nur eines wird es immer geben: „Den Stuhl. Auf irgendetwas muss der Mensch ja sitzen." Bleibende Werte sind für Link außerdem Fleiß und Leistungsbereitschaft: 13 „Hidden Champions“ besitze die Region; wer sie nach dem Schlüssel zum Erfolg frage, werde immer die gleiche Antwort erhalten.

Auf den Kreativitätsquotienten kommt es an

Das Kontrastprogramm zu bleibenden Werten bot anschließend Florian Wiest von der Firma Create, die seit den Anfängen der Technologiewerkstatt Generationen von Albstädter Siebt- und Achtklässlern mit 3D-Brille und -Drucker bekannt gemacht hat. „In den nächsten zehn bis 15 Jahren geht die Post ab“, prophezeite Wiest, und: „Jedes Produkt wird noch einmal neu erfunden werden.“ Nicht mehr der Intelligenzquotient werde in einer von KI geprägten Welt ausschlaggebend sein, sondern der „Kreativitätsquotient“.

Wie Thomas Müller bei den Bayern

Auf eine solche Welt, so Wiest, müssten junge Menschen anders und vor allem früher als bisher vorbereitet werden, nämlich schon mit fünf oder sechs, wie Pianistinnen oder Spitzenfußballer. Ein „Leistungszentrum“ für junge Technologietalente schwebt ihm vor – und zwar eines, das so beschaffen ist, dass – Kontinuität im rasanten Wandel – die jungen Thomas Müllers der Technologie gar nicht erst auf die Idee kommen, den Verein zu wechseln, sondern Albstadt ewig die Treue halten.

Ein Rathaus mehr als andere

Das Schlusswort gehörte Daniel Spitzbarth: Der Hausherr erinnerte sich daran, wie er vor elf Jahren zum Bewerbungsgespräch angereist war und erst einmal die beiden großen Rathäuser Albstadts miteinander verwechselt hatte. Hat er damals geahnt, dass er zehn Jahre – und länger – bleiben würde? Vielleicht hat Florian Wiest ja Recht: Albstadt hat das Zeug dafür, Thomas Müllers an sich zu binden.