Matthias Lindemer, Co-Organisator von „Rave the Bridge“ und Stadtrat, spricht über Techno-Kultur und warum die Stadt aus seiner Sicht zu wenig Geld in Jugendthemen investiert.
Herr Lindemer, was erwartet die Besucher von „Rave the Bridge“ unter der Autobahnbrücke in Lörrach?
Vor allem guter, lauter Sound der Genres Techno, Tech House und House, ein Food-Truck und Getränke an einer guten Location. Die Autobahnbrücke ist mit ihren Graffiti-Wänden ein wunderbarer Ort.
Es dürfte bei den Freien Wählern nicht allzu viele Fraktionsvorsitzende geben, die leidenschaftliche Techno-Fans sind. Ist Techno heute noch Jugendkultur oder schon Ü30?
Wir freuen uns natürlich über alle ab 18. Die Veranstaltungen werden jedoch zunehmend von Ü30-Gästen besucht. Ohnehin stellen viele Veranstalter fest, dass die Jüngeren nicht mehr so feiern gehen wie früher. Aber vielleicht sind Jüngere einfach auch an Orten, die ich nicht mehr besuche.
Was fasziniert Sie an dieser Musikkultur?
Ich finde es toll, wenn Menschen aus allen Schichten, aus allen Richtungen zusammenkommen und sich zur Musik bewegen – frei und wild. Natürlich inszeniert sich die Szene auch, aber auf mich wirkt es nicht zwanghaft. Man ist, wie man ist. Wir haben auch gute Kontakte zur Queer-Szene in Basel. Die Techno-Community ist sehr tolerant.
Gerade erst gab es eine Techno-Veranstaltung unter der Brücke. Warum kommt es nun zu einer zweiten Auflage?
Ursprünglich hatten wir ausschließlich die „Bridge under“. Mit der Zeit wurde das Team immer größer, und es haben sich unterschiedliche Konzepte und Sichtweisen auf die Party herauskristallisiert, etwa über die Frage der Nutzung urheberrechtlich geschützter Musik. Daraus haben sich zwei Partys entwickelt. Die „Bridge under“, die weiter ohne Eintritt auskommt und damit auch für Menschen offen ist, die sich den günstigen Eintritt von „Rave the Bridge“ nicht leisten können. Bei „Rave the Bridge“ nutzen wir Gema-Musik – was natürlich zu hohen Kosten führt.
Deshalb müssen wir Eintritt erheben, darum brauchen wir wiederum einen Bauzaun etc. – und schon laufen die Kosten davon. Aber dafür können wir eine höhere Qualität bieten: musikalisch und infrastrukturell. Die Djs haben Zugriff auf das gesamte musikalische Repertoire – und damit deutlich größere künstlerische Freiheiten.
Mit wem kooperieren Sie bei der Organisation von „Rave the Bridge“?
Mit der Basler DJ-Schule MixMasters, die Marina Stanic gehört, bekannt als DJ M-Flame. Es handelt sich um eine Lörracher und Basler Kooperation.
Zentrale Träge der Jugendkultur in Lörrach sind der SAK und die Kaltenbachstiftung. Wir geht die Stadt darüber hinaus aus Ihrer Sicht mit den Ausdrucksformen von Jugendkultur um?
Ich habe das Gefühl, die Stadt Lörrach geht mit der Jugendkultur gar nicht um. Man hat das outgesourct an SAK und Kaltenbachstiftung – was ja grundsätzlich in Ordnung ist. Aber: Es wird in diesen Bereichen massiv gekürzt in den Haushaltsplanberatungen, weil es dort offenbar immer am einfachsten ist. Man betrachtet das als freiwillige Leistung, eine Rathaussanierung wird dagegen als Pflichtleistung gesehen.
Was sie tatsächlich ist.
Rechtlich stimmt das, aber in der Praxis können wir nicht die Jugendkultur komplett zusammenkürzen.
Gerade die Freien Wähler kritisieren in der Regel, dass die Stadt zu wenig spart.
Ja, bei großen Summen. Ein Beispiel: Im Skatepark ist derzeit eine Rampe kaputt. Es würde vielleicht 30.000 Euro kosten, diese Rampe zu sanieren. Dafür hat die Stadt kein Geld. Aber wir sanieren das Rathaus für eine Summe zwischen 70 und 80 Millionen Euro. Ich frage ich mich, ob wir bei solchen Projekten nicht doch Einsparpotenziale haben, die deutlich mehr bringen als fünfstellige Beträge. Dann hätten wir die 30.000 Euro – und noch mehr. Ich denke, wir benötigen eine noch intensivere Kostenkontrolle bei großen Bauprojekten.
Aber auch bei der Fasnacht wurde über verhältnismäßig kleine Beträge lange und fast erbittert gerungen.
Im Lörracher Gemeinderat hat sich eine Art eigene Debattenkultur für kleine Summen entwickelt. Es wird stundenlang darüber diskutiert, ob wir 20.000 Euro im Jahr für die Lörracher Fasnacht haben. Aber bei Großprojekten werden Millionenbeträge mitunter diskussionslos durchgewunken, ohne über kostspielige Details zu reden: von der Fassade über die Fenster bis zum Anstrich. Oder: Kann man punktuell nochmal in die Debatte, vielleicht auch in die Kontroverse mit dem Denkmalamt gehen, ob es bei der Fridolinschule wirklich genau diese Schieferziegeln sein müssen… Da vermisse ich die intensive Diskussion. Am Ende fehlt das Geld dann an anderer Stelle, oft auch bei der Jugendkultur, der Jugendbetreuung, der Kriminalprävention.
Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen fördert Teilhabe, entwickelt Potenziale und wirkt präventiv. Wird hier – neben den baulichen Projekten – zu wenig investiert?
Ja. Es ist Irrsinn, etwa bei SAK und Kaltenbachstiftung zu kürzen, die auch sozial abgehängte Jugendliche im Blick haben. Es ist doch bekannt, dass die Konsequenzen teurer sind als die Prävention. Wie sich diese Dynamik entwickeln kann, war etwa auf dem Salzert zu sehen: Wir haben zunächst in der Jugendarbeit gekürzt. Auf dem Salzert wurde die Anzahl der Sozialarbeiter daraufhin von zwei auf einen gekürzt – und zwei Jahre später wurde der Jugendtreff komplett verwüstet. Da hat sich in kürzester Zeit was entwickelt. Und wir wussten doch, dass auf dem Salzert ein intensiverer Bedarf für die Jugendarbeit vorliegt und punktuell auch noch soziale Brennpunkte existieren. Es darf uns nicht wundern, dass dann solche Dinge passieren. Deshalb ist es falsch, an der Jugendarbeit zu sparen. Es geht oft um vergleichsweise kleine Beträge, die viel bewirken.