Diese Weihnachten werden die letzten sein, welche die evangelische Erlöserkirche auf Langenwand erlebt. Der Abrissauftrag ist vergeben, am 12. Januar tritt der Bagger in Aktion.
Auf 72 Lebensjahre hat es die Erlöserkirche gebracht; für ein Gotteshaus ist das nicht besonders viel. Hilft aber nichts: Die schrumpfende Kirchengemeinde konnte sich den bisherigen Immobilienbestand nicht mehr leisten, die Pfarrstelle war nur noch befristet, und so beschloss man schweren Herzens, sich von der Erlöserkirche und ihrem Pfarrhaus zu trennen. Die Stadt kaufte sie, allerdings nicht um sie zu nutzen, sondern um sie abzureißen und das 2700 Quadratmeter große Grundstück mit Wohnhäusern zu bebauen.
Den Abriss hat der Gemeinderat bereits vor zwei Jahren nichtöffentlich beschlossen. Der Nießnutz, den die Stadt der Kirchengemeinde bis Ende 2024 zugestanden hatte, war nach dem vorzeitigen Auszug von Pfarrer Christoph Fischer im Oktober 2023 kein Thema mehr; bereits im Juli 2024 nahmen die Gläubigen feierlichen Abschied von ihrem Gotteshaus. Ausgeräumt wurde es auch: Glocke, Orgel Altarkreuz, Bänke, nichts blieb zurück.
Kirche und Pfarrhaus war danach noch eine anderthalbjährige Galgenfrist vergönnt. Jetzt läuft sie ab: Der Technische und Umweltausschuss des Gemeinderats hat in seiner jüngsten Sitzung den Abrissauftrag an die Firma Wacker aus Filderstadt-Sielmingen vergeben. Die will sich am 12. Januar an die Arbeit machen und Mitte März damit fertig sein. Der Angebotspreis beläuft sich auf 172 550 Euro; berücksichtigt man außerdem Ingenieursplanung und Artenschutzgutachten, wird der gesamte Abbruch etwa 215 000 Euro kosten.
Wo findet man so einen großen und hohen Raum?
Nicht alle sind mit ihm einverstanden. Friedrich Rau, Stadtrat der Grünen, Architekt und aus ökologischem Prinzip Verfechter eines strikten Anti-Abriss-Kurses, hatte noch im August 2024 für den Erhalt und die Umnutzung der Erlöserkirche geworben. Am liebsten wäre es ihm gewesen, dem Kirchenraum den Charakter der Versammlungsstätte zu belassen – wo finde man denn noch so große und hohe Räume mit freitragender Decke?
Einzimmerwohnung in jedem Turmgeschoss
Doch auch für den geglückten Umbau von Kirchen in Wohngebäude wusste Rau Beispiele zu nennen und schlug vor, in der Erlöserkirche Trennwände und Decken einzuziehen, den Dachstuhl auszubauen und in jedem der fünf Turmgeschosse eine Einzimmerwohnung einzurichten. In der Ausschusssitzung stellte er den Antrag, die Vergabe des Abbruchs zu vertagen.
Erfolg hatte er damit nicht – zwar schlossen sich einige Gemeinderäte dem Antrag an, aber für eine Mehrheit reichte es nicht. Raus Verbalattacken gegen die „frevelhafte“ Abrisswut der Verwaltung und der Kollegen wurden mit dem Anwurf gekontert, er sei am Ende bereit, selbst an maroder Bausubstanz und Energiefressern um jeden Preis festzuhalten. Oberbürgermeister Roland Tralmer wies darauf hin, dass der Abbruchbeschluss bereits stehe und eine Vertagung wohl nur Zeit und Geld kosten werde. Am Ende votierte eine knappe Mehrheit der Ausschussmitglieder für die Auftragsvergabe an die Firma Wacker.