Der Kofferraum macht nicht mehr mit beim Auto von Melita und Ioan Tudor. Seit Oktober trägt der Toyota ein Andenken an einen heftigen Auffahrunfall in Blumberg mit sich. Foto: Daniel Vedder

Im Oktober prallt Ioan Tudor auf der „Wanne“ Richtung Epfenhofen ein Auto auf. Der Unfallgegner bestreitet die Schuld. Dann hakt es noch mit der Digitalisierung bei der Polizei.

Es ist 5.50 Uhr an einem Morgen im Oktober. Der Berufsverkehr in und um Blumberg nimmt so langsam Fahrt auf. Mittendrin ist Ioan Tudor. Der Donaueschinger fährt gerade auf der L 214 in Richtung Schweiz. Auf dem Verbindungsstück nach Epfenhofen wird es plötzlich brenzlig. Die Folgen und Nachwehen von dem, was nun passiert, sollen ihn und seine Frau Melita auch Monate später noch beschäftigen.

 

Auf einem steilen Stück hinter dem Schwarzwaldhof sei ihm an dem betroffenen Morgen in einer engen S-Kurve ein Lastwagen entgegengekommen. „Ich komme gerade in die Kurve und habe direkt gesehen, dass der Lkw mit seinem Sattelzug halb auf meiner Spur ist“, sagt Ioan Tudor. „Ich musste stark bremsen, sonst wären wir kollidiert. Vor mir hatten auch alle anderen gebremst.“

Einen Unfall mit dem Lastwagen kann Tudor laut eigener Aussage vorerst vermeiden. Kurz darauf knallt es trotzdem. Von hinten fährt ein Auto in der 70er-Zone in den Toyota Rav4 des Donaueschingers. Im ersten Moment ist Tudor völlig geschockt. „Ich war ein bisschen benommen, hatte richtig Angst.“ Tudor sagt, sein Unfallgegner hätte nicht auf die bremsende Schlange vor ihm reagiert und wäre Tudor im Nachhinein sogar dafür angegangen, dass er gebremst hätte, obwohl 70 Kilometer pro Stunde an der Stelle erlaubt sind.

Gunter Feis ist Revierleiter der Polizei Donaueschingen. Foto: Daniel Vedder

Für Ioan Tudor ist es keine Überraschung, dass es an dieser Stelle zu einem Unfall kommen kann. Lastwagen über 3,5 Tonnen dürfen das enge Stück eigentlich nicht nutzen. Dennoch sehe er regelmäßig Lastwagen, die für die Straße völlig überdimensioniert seien. „Als die Polizei dann für die Unfallaufnahme da war, habe ich gesagt: Machen Sie etwas, hier sterben noch Leute“, sagt Tudor.

In der Folge gibt es auf der L 214 zeitweise eine Ampelregelung. Laut dem Donaueschinger Revierleiter Gunter Feis, dessen Beamte den Fall bearbeitet haben, wurde diese aber unabhängig vom Unfall wegen der Umleitungsstrecke zu Arbeiten an der B 314 eingerichtet.

Andreas Mathy ist Erster Staatsanwalt und Pressesprecher der Konstanzer Staatsanwaltschaft. Foto: Kirsten Astor

Erst nach dem Unfall kommen aber die eigentlichen Probleme für Ioan Tudor. Der Schaden an seinem Auto ist immens. Zwischen 14 000 und 15 000 Euro würde die Reparatur kosten, sagt er. Der ramponierte Kofferraum öffnet zwar noch, kann danach jedoch nicht mehr schließen – und das auch noch Anfang März 2026, also über vier Monate nach dem Unfall.

Er muss nun klagen

Laut Tudor weigert sich die Versicherung seines Unfallgegners, den Schaden zu zahlen. Dieser würde nun behaupten, Tudor hätte mit seinem Auto mehrfach in dessen Wagen zurückgesetzt. Also muss er den Schaden einklagen.

Damit das Aussicht auf Erfolg hat, braucht es jedoch den fertigen Bericht der Polizei als Beweismittel bei der Staatsanwaltschaft, sagt Tudor. „Ohne den Bericht hätten wir keine Chance vor Gericht.“ Vor Ort habe er nämlich vor Schock keine Bilder vom Unfall gemacht. Er und sein Unfallgegner sei laut Ioan Tudor einige hundert Meter weiter in eine Ausbuchtung gefahren. Zeugen wären auch keine vor Ort geblieben.

Nun das eigentliche Problem: Der fertige Polizeibericht kommt monatelang nicht bei der Staatsanwaltschaft an. Laut Gunter Feis hatte die Polizei die Akte direkt nach Ermittlungsende, am 11. Dezember 2025, übermittelt. Erst am 31. Januar, also fast drei Monate später, findet der Bericht tatsächlich den Weg nach Konstanz.

Keine konkreten Einblicke

Das bestätigt Andreas Mathy, Pressesprecher der Konstanzer Staatsanwaltschaft. Auch das Anzeigedatum vom Dezember kann er bestätigen. „Woran das gelegen hat, darin haben wir bei der Staatsanwaltschaft keine konkreten Einblicke.“

Zu der Verzögerung kam es nach Angaben des Donaueschinger Revierleiters, weil bei der Übermittlung Schnittstellenprobleme im Rahmen der Einführung der elektronischen Akte beim Polizeipräsidium Konstanz auftraten. Deshalb ging der Vorgang sowie auch weiterer Schriftverkehr erst Ende Januar ein.

Umstellung auf elektronische Akte

Im Zuge der Umstellung auf die elektronische Akte bearbeiten die Beamten Fälle rein elektronisch und schicken sie dann zum Abschluss per einfachem Klick an die Staatsanwaltschaft, erklärt Daniel Brill, Pressesprecher beim Polizeipräsidium. Ob und wann die Akte dann ankommt, das sei außerhalb der Kontrolle der Beamten, darüber würden sie auch nicht informiert.

Eng wird es hier auf der L214 beim Schwarzwaldhof in Richtung Epfenhofen. Foto: Daniel Vedder

Ioan Tudor sagt, er habe regelmäßig nachgefragt und sei von der Polizei vertröstet worden. Er kommt sich hingehalten vor. Auch Tudor sei auf die technischen Probleme hingewiesen worden, der Papierweg sei als Alternative jedoch nicht mehr möglich. Neuere und weniger umfangreiche Verfahren kommen laut Andreas Mathy mittlerweile ausschließlich auf elektronischem Wege bei der Staatsanwaltschaft an.

Ob noch mehr solche Verzögerungen aufgetreten sind, ist laut Polizei-Pressesprecher Daniel Brill schwer festzustellen. Auch für die Staatsanwaltschaft weise eine große Diskrepanz zwischen Unfalldatum und Berichtseingang nicht zwingend auf solche Probleme hin, so der Polizeisprecher. Das könne auch bei Fällen auftreten, die aufwendige Ermittlungen nach sich ziehen.

Weder Daniel Brill vom Polizeipräsidium, noch Andreas Mathy von der Staatsanwaltschaft wissen von vergleichbaren Fällen in den vergangenen Monaten. „Das muss nicht heißen, dass es nicht vorgekommen ist“, so Brill. „Dass aber weder der Staatsanwaltschaft noch dem Polizeipräsidium weitere Fälle bekannt sind, deutet darauf hin, dass es eher nicht viele gab.“

Was genau im abschließenden Polizeibericht zum Unfall von Ioan Tudor steht, wissen er und Ehefrau Melita auch Anfang März noch nicht. Ihr neuer Anwalt werde nun den Bericht anfragen. „Ich will nur mein Auto reparieren und wissen, wie es weitergeht“, so Ioan Tudor. Damit der Unfall dann auch für ihn endlich zu den Akten wandern kann.

Elektronische Polizeiakte

Ende 2025
hat die Polizei in Baden-Württemberg in allen Polizeipräsidien und beim Landeskriminalamt den Wechsel zur elektronischen Akte abgeschlossen. Künftig sollen Ermittlungsverfahren damit laut Innenminister Thomas Strobl vollständig digitalisiert bearbeitet werden. Der Papierweg soll damit der Vergangenheit angehören. Ziel soll durch den Schritt schnellere und effizientere Bearbeitung sein.