In der Hesse-Stadt wurde am Dienstag nicht nur demonstriert, die Gewerkschaft Verdi hatte auch eine Kundgebung organisiert. Die Redner machten deutlich, warum es im öffentlichen Dienst bessere Bedingungen brauche. Und: Wenn es sein müsse, werde man erneut „dem Arbeitgeber zeigen, was für dicke Arme wir haben!“ – mit erneuten Streiks.
„Gerechter Tariflohn“, „Nicht auf meinem Rücken“, „Come in and burn out“ (dt. etwa „komm rein und brenn’ aus“), „Bin ich es wert?“: Mit aussagekräftigen Schildern haben sich am Dienstag mehr als 250 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes auf dem Calwer Marktplatz versammelt.
Grund dafür war der laufende Tarifstreit; die Gewerkschaft Verdi ruft in diesem Zusammenhang seit Tagen zu Warnstreiks auf.
Noch nie gegeben
Betroffen davon waren und sind bereits Arbeitsagenturen, Verwaltungen, Kliniken, teils sogar die Feuerwehr – und Kindergärten. Auch in Calw blieben am Dienstag elf Kinderbetreuungseinrichtungen geschlossen.
Beschäftige aus weiten Teilen des Nordschwarzwalds, von Dornstetten bis Straubenhardt, von Horb bis Dobel, waren nach Gewerkschaftsangaben nach Calw gekommen. Einen solchen Streik, eine solche Demonstration habe es hier bislang noch nie gegeben.
Die Demonstration
Um kurz vor 10 Uhr starteten die Streikenden zu einem Protestzug durch die Innenstadt, vom Marktplatz über Lederstraße, Tor-, Nonnen- und Postgasse wieder zurück vors Calwer Rathaus.
Mit Trillerpfeifen und lauten Rufen sorgten die Demonstranten für Aufsehen; vielerorts beobachten die Calwer das Geschehen durch offene Fenster.
Thorsten Dossow, Verdi-Geschäftsführer im Bezirk Mittelbaden-Nordschwarzwald, zeigte sich nicht zuletzt von der Teilnehmerzahl überwältigt. „Wir hatten mit 150 gerechnet“, meinte Dossow im Gespräch. Die Resonanz zeige, dass es den Betroffenen bis ganz oben stehe.
Das war auch bei der folgenden Kundgebung auf dem Marktplatz zu spüren.
Auszubildende
Moritz Tremmel, Verdi-Gewerkschaftssekretär Bereich Jugend im Bezirk Mittelbaden-Nordschwarzwald, forderte, dass die Arbeitgeber ihrer Verantwortung gerecht werden sollen. Hohe Preise belasteten gerade junge Menschen, Auszubildende besonders stark. 200 Euro mehr Gehalt seien nötig, „um mit den Preisen schrittzuhalten“, so Tremmel.
Überhaupt müsse der Nachwuchs gehegt werden. Doch, so warf er den Verantwortlichen vor, „der Fachkräftemangel spielt dann keine Rolle mehr, wenn es um die Fachkräfte von morgen geht!“
Als Beispiel führte er befristete Verträge an, die es nach der Ausbildung oft erstmal gebe – wohingegen bei einem Arbeitgeberwechsel unbefristete Anstellungen winken würden. „Man gibt durch die Blume zu, dass man Zweifel an der eigenen Ausbildung hat“, ärgerte sich der Gewerkschaftssekretär.
Mitbestimmung
Der ehemalige Landesvorsitzende von Verdi, Holger Egger, der auch mehr als 20 Jahre lang als Personalratsvorsitzender im Landratsamt Enzkreis fungierte, stellte in seiner Rede die Bedeutung von Gewerkschaft in den Mittelpunkt.
Gehalt, Arbeitsschutz, Urlaub, Mitbestimmung, Arbeitszeit („Früher haben sie noch 60 Stunden die Woche geschafft!“) – all das seien Bereiche, in denen Gewerkschaften aktiv seien und Verbesserungen erreichten.
„Wie sähe die Welt ohne Mitbestimmung aus?“, fragte Egger. Arbeitgeber würden alles vorgeben – „und wir nagten am Hungertuch“, gab er selbst eine Antwort.
Die Höhe der Löhne hingen direkt am Organisationsgrad der Gewerkschaften, das sei etwa in der Industrie zu sehen. „Die Arbeitgeber verstehen nur eine Sprache“, meinte der ehemalige Landesvorsitzende – und zwar, wie viele Beschäftigte streiken und in Gewerkschaften organisiert seien. „Dieses Signal verstehen die Arbeitgeber“, sagte er zum Streik in Calw.
Ärger über Politik
Verdi-Bezirksgeschäftsführer Dossow sprach von steigender Arbeitsbelastung, ständig neuen Aufgaben und Personalmangel. Von der Politik würden dagegen Ausreden kommen.
Besonders geärgert habe er sich über eine Aussage von CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz im TV-Duell gegen Bundeskanzler Olaf Scholz. Merz habe vorgeschlagen, im öffentlichen Dienst Stellen zu streichen, um mehr Geld für die Bundeswehr zur Verfügung zu haben. „Da hat’s mir echt die Schuhe ausgezogen“, echauffierte sich Dossow.
Die Städte seien schon jetzt klamm, „der Bund, das Land lassen die Kommunen einfach hängen“, so der Bezirksgeschäftsführer.
Dossow plädierte für eine stärkere Umverteilung von Vermögen, gerade mit Blick auf die Reichsten, Vermögens- und Erbschaftssteuer sowie die geplanten „Steuergeschenke“ von CDU, FDP und AfD.
Die Löhne müssten rauf, um Kollegen zu bekommen, „die wieder Bock haben“.
Dass viele Beschäftigte das offenbar auch so sehen, zeige die Intensität des Arbeitskampfes. „Überall explodieren die Zahlen der Streikenden“, erklärte der Bezirksgeschäftsführer. Das mache Mut. „Da können wir dem Arbeitgeber zeigen, was für dicke Arme wir haben!“
Und: Sollte es bei der nächsten Verhandlungsrunde in wenigen Tagen kein annehmbares Angebot geben, „dann sehen wir uns nochmal!“ – womöglich sogar mit noch mehr Streikenden.
Forderungen
Verdi fordert unter anderem Lohnsteigerungen in Höhe von acht Prozent, mindestens aber 350 Euro mehr im Monat, und drei zusätzliche freie Tage.
Die Tarifverhandlungen gehen am 17. und 18. Februar in die zweite, vom 14. bis 16. März die dritte Runde.