Verdi setzt nach dem Scheitern am Verhandlungstisch auf die große Machtprobe: Der Tarifkampf bei der Post weitet sich zu einer Auseinandersetzung mit fundamentalem Charakter aus, meint Matthias Schiermeyer.
Intensiv haben Post und Gewerkschaft bis Freitagnachmittag um einen Tarifabschluss gerungen, dies nährte die Hoffnung auf einen Durchbruch. Letztlich war der Graben aber doch zu groß, um ihn schon jetzt zu überwinden. 15 Prozent höhere Löhne will Verdi durchsetzen – eine Rekordforderung, fernab der früher mal gewohnten Logik, dass man sich im Ergebnis auch mit deutlich weniger zufrieden geben könnte.
Vielmehr soll die dauerhaft hohe Inflation möglichst über die Vertragslaufzeit hinweg ausgeglichen werden. Mit diesem Anspruch zwingt sich Verdi selbst zum Konfrontationskurs. Denn die Basis hat die Botschaft aufgenommen und zeigt sich offenbar fest entschlossen zum Arbeitskampf.
Es ist nicht irgendeine Tarifrunde für die Gewerkschaft, sondern eine Auseinandersetzung mit weitreichender Wirkung. Verdi wagt die Machtprobe, weil sie mehr als sonst um ihre schlagkräftigen Argumente weiß: Die Post macht hohe Milliardengewinne und muss die Löhne stark anheben, um Arbeitskräfte anzulocken und weitere Personallücken zu vermeiden. Fast 90 Prozent der Tarifbeschäftigten sind in den Entgeltgruppen eins bis drei eingruppiert – mit Grundentgelten zwischen 2108 und 3090 Euro brutto. Insofern ist es auch ein symbolhafter Umverteilungskampf von „unten“ gegen „oben“ – eine Polarisierung, wie es sie in der Tarifpolitik lange nicht mehr gegeben hat.
Ein Kampf zu Lasten der Milliardengewinne
Für die Kunden ist die Aussicht auf einen Arbeitskampf eine schlechte Nachricht. Warnstreiks sind für sie angesichts der Auslieferungsprobleme, die die Post oft ohnehin schon hat, zumeist noch verkraftbar. Ein Flächenstreik dürfte aber doch erhebliche Verzögerungen nach sich ziehen. In der Folge könnte die Post auch Kunden und Marktanteile an die Konkurrenz verlieren. Dieser Tarifstreit wird wohl weniger zu Lasten der Arbeitsplätze als vielmehr der Profite gehen.