Von der Stadt fühlen sie sich allein gelassen, Anwohner in Tübingen bekämpfen die eingeschleppte Ameisenart. Ein Biologe warnt vor den Folgen, sollten sich die Tiere ausbreiten.
Mit einem Topf voll heißem Wasser in den Händen geht Christian Wolff aus seinem Haus vor zur Straße, dort wartet bereits seine Nachbarin. Zusammen begeben sich die beiden zum „Epizentrum“, wie die Frau die gepflasterte Einfahrt vor einer Garage wenige Meter weiter nennt. Dort stehen zwei weitere Nachbarinnen, eine von ihnen mit einem Wasserkocher in der Hand. Hier haben die Anwohner des Beethovenwegs in Tübingen die Ameisen der invasiven Art Tapinoma magnum entdeckt – einen Kilometer Fußweg entfernt von den Kliniken.
„Die Ameisen lachen sich kaputt, wenn wir da Wasser draufschütten“
Seitdem verabreden sie sich jeden Tag, um die schnell wachsenden Kolonien zumindest etwas in Schach zu halten: „Ich hole mal neues heißes Wasser“, ruft eine Frau. Teilweise zu zweit schleppen sie große Kochtöpfe die Straße entlang zu den betroffenen Stellen. Vor einem Haus steht ein Elektroherd mit zwei weiteren Töpfen, in denen das Wasser allmählich zu Blubbern beginnt.
Auch wenn ihre allabendliche Aktion bereits erste, kleine Erfolge der Eindämmung zeitigt, sind manche Anwohner vor Ort skeptisch: „Die Ameisen lachen sich doch kaputt, wenn wir da Wasser drauf schütten“, sagt eine Frau. Aber nichts zu tun, sei eben auch keine Option, sagt Wolff. Die Aktion sei eine „aus der Verzweiflung heraus“.
Tapinoma magnum haben in Kehl Strom-und Internetausfälle verursacht
Der promovierte Biologe hat sich seinen Verdacht vom Naturkundemuseum in Karlsruhe bestätigen lassen: Bei den Ameisen, die sich an der Straße vor seinem Haus und über mehrere hundert Meter hinweg im Tübinger Beethovenweg tummeln, handelt es sich nicht um die einheimischen, sondern um die aus dem Mittelmeer eingeschleppten Ameisen der Art Tapinoma magnum.
Was jene Tiere anrichten können, zeigt sich bei einem Blick in die badische Grenzstadt Kehl im Ortenaukreis: Dort haben die Ameisen im vergangenen Jahr Strom-und Internetausfälle verursacht und einen Spielplatz bis zur zwingenden Sperrung unterhöhlt. Seitdem werden die Insekten intensiv bekämpft, indem Mitarbeiter der Stadt mit heißem Wasser versuchen, die unterirdischen Nester zu zerstören.
Anwohner wundern sich über Haltung im Tübinger Rathaus
In Tübingen aber sind Wolff und seine Nachbarinnen erst einmal auf sich allein gestellt. Die Stadtverwaltung bezieht sich auf Fachleute, denen zufolge die Ameisenart „gar nicht aufgehalten werden kann“, erklärt eine Sprecherin. Maßnahmen zur Bekämpfung würden „ohnehin nicht zum Ziel führen und die riesigen Kolonien nicht eindämmen können“, heißt es. Erst wenn es zu Gefahren durch die Verbreitung der Art kommen sollte, werde die Stadt tätig.
Im Beethovenweg wundern sie sich über die Haltung im Rathaus: „Da macht man es sich zu einfach. Die Stadt sollte sich das hier wenigstens mal angucken und sich informieren“, meint eine Nachbarin. Zumal die Straße ja auch öffentlicher Raum sei, ergänzt Wolff, der die Sichtung der invasiven Art sofort dem Tübinger Ordnungsamt meldete. Doch von dort hieß am Telefon: „Sie wissen ja, Herr Wolff, das Kostenloch“, zitiert der Biologe aus dem Gespräch. Scheitert der Kampf gegen Tapinoma magnum etwa an der finanziellen Lage der Stadt Tübingen? „Hier wäre am falschen Ende gespart“, sagt der Biologe.
Forderung an die Stadt: „Geben Sie uns ein Heißwassergerät wie in Kehl“
Er entgegnete dem Ordnungsamt: „Stellen Sie sich vor, die Ameisen wandern zur BG-Klinik und breiten sich in der kritischen Infrastruktur aus, dann haben Sie ein richtiges Problem.“ Etwa wenn es zu Stromausfällen wie in Kehl kommen sollte, weil die Tapinoma magnum auch gern in Strom-und Verteilerkästen Nester bauen, wo sie einen Kurzschluss verursachen können. Auch um die eigene Stromversorgung sorgen sich die Anwohner des Beethovenwegs.
„Geben Sie uns ein Heißwassergerät wie in Kehl“, lautet die Forderung an die Stadtverwaltung. Auf diese Weise könnte man die Ameisen in ihren unterirdischen Nestern effektiver bekämpfen. „Das gehört in Profi-Hände“, sagt eine Nachbarin. Doch ob Christian Wolff und seine Mitstreiter mit ihren Forderungen im Rathaus Gehör finden? Ungewiss. So werden die Nachbarn also weiter mit Wasserkocher und Kochtopf Tag für Tag gegen die Ameisen vorgehen.
Ausbreitung in Baden-Württemberg
Vorkommen
Eine aktuelle und vollständige Übersicht zur Verbreitung der Tapinoma magnum in Baden-Württemberg gibt es noch nicht. Das Umweltministerium verweist an das Naturkundemuseum in Karlsruhe, wo derzeit ein vom Land gefördertes Projekt zu den invasiven Ameisen läuft. Seit 2016 ist die Art an Orten im Südwesten dokumentiert, in diesem Jahr unter anderem in Weisweil (Kreis Emmendingen) und Pforzheim. In den vergangenen Jahren gab es Meldungen etwa aus Karlsruhe (2018), Heidelberg (2020) – und Kehl (2023).
Erkennung
Die Tapinoma magnum sieht der einheimischen Garten- und Wegameise ziemlich ähnlich – weder in Größe und Färbung gibt es besondere Unterschiede. Man kann die invasive Art am Geruch erkennen: Wird die Ameise zerquetscht, riecht sie wie ranzige Butter. Auch Sandhügel an Bordsteinen können ein Hinweis auf die Art sein.