Der katholische Stadtdekan Christian Hermes. Foto: Peter-Michael Petsch

Die Stadtdekane sprechen sich gegen eine Abschaffung des Tanzverbots an den stillen Tagen aus.

Stuttgart - Stell dir vor, es ist Ostern und keiner schert sich drum. Zumindest nicht um die zentrale Botschaft. „Bei diesem christlichen Fest geht es um nicht weniger als um das Leben und den Tod“, wie der katholische Stadtdekan Christian Hermes treffend bemerkt. Es geht also um alles oder nichts. Aber selbst Hermes hat manchmal das Gefühl, als drifte alles ins Nichts ab. „Ostern wird zunehmend vom Konsum beherrscht“, stellt er fest. Die Osterbotschaft ist auf zwei Merkmale reduziert: schenken und beschenkt werden.

 

Für fortschrittliche Geister in den Amtskirchen liegen die Gründe dafür jedoch nicht nur in der Gesellschaft. Ein Teil des Problems sei hausgemacht. Denn die Kirchen gehen selten mit der Zeit. Mit dieser Kritik rennt man bei Dekan Hermes, der sich sehr für soziale Netzwerke wie Facebook interessiert, offene Türen ein: „Wir werden uns überlegen, ob wir in Zukunft Marketingmaßnahmen ergreifen.“

Plakat für Auseinandersetzung mit Ostern

Ein Beispiel dafür bietet die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau mit einer Plakatkampagne an 200 Kirchen und Litfaßsäulen. Sie soll eine Diskussion über die Bedeutung von Ostern anregen. Die Plakate zeigen eine Hand, deren Zeigefinger und Ringfinger das Victory-Symbol zeigen. In der Handfläche fließt aus einem Wundmal Blut. Als Überschrift trägt das Plakat das Wort „Opfer?“ Dieses Plakatmotiv regt den Betrachter unwillkürlich zur Auseinandersetzung mit dem Thema Ostern an. Für Christian Hermes hat das Ganze daher durchaus einen Reiz.

Damit ist er seinem protestantischen Kollegen ein Stück voraus. Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich sagt zwar auch, „die Osterbotschaft kann gar nicht intensiv genug verkündigt werden“, aber ob sie auch viele Menschen erreicht, ist fraglich. Wenn Ehrlich voller Stolz verkündet, dass in den evangelischen Gemeinden die Osterbotschaft „in Festgottesdiensten mit großer Kirchenmusik, in stillen Meditationen zur Osternacht, in der Osternacht-Inszenierung unserer Jugendkirche, in Auferstehungsfeiern auf den Friedhöfen“ verbreitet wird, fehlt ein wichtiges Detail: Wie erfahren diejenigen davon, die sonst keinen Zugang zur Kirche finden?

Ostern symbolisiert die Sterblichkeit

Es sind Gedanken, denen sich Hermes schon lange stellt. Er will „alle ansprechen“. Also auch diejenigen, für die das Osterfest eher ein Heidenspaß ist: „Ich meine diejenigen, die nicht glauben, aber sich auch irgendwann die existenziellen Fragen des Lebens stellen.“ Denn nichts anderes sei Ostern: „Da wird die Frage beantwortet, was es heißt, dass wir sterblich sind.“

Für Hermes ist es zudem „ein Fest der ganz tiefen menschlichen Konflikte“ wie Verrat oder Treue. Und es sei „ein Zeugnis der Gewaltlosigkeit“. Bei diesem Thema spielt Hermes gerne mit Worten: „Am Palmsonntag sagen alle, Jesus müsse jetzt die Macht ergreifen. Später lässt er sich widerstandslos ergreifen. Und dann erlischt an diesem ganz schwarzen Tag alles.“ Hermes spricht vom Karfreitag. Der Tag, an dem Christen dem Kreuzestod Jesu Christi gedenken. In der Gesellschaft wird dieser Feiertag längst kontrovers gesehen.

„Erschreckende Vorstellung, wenn alle Tage gleich wären“

So ruft die Piraten-Partei übers Internet zu einer Tanz-Demo auf. Auch die Schausteller oder die Betreiber von Tanzlokalen murren. Doch nach der Ansicht beider Stadtdekane darf das Tanzverbot nicht aufgeweicht werden. Ehrlich:„Es geht um besondere Momente, um so etwas wie Innehalten. Für mich wäre es eine erschreckende Vorstellung, wenn alle Tage gleich wären. Wenn die Woche nur noch aus sieben Einheitstagen bestünde, würden vermutlich selbst die wildesten Szenegänger die Uhr zurückdrehen wollen.“ Hermes ergänzt: „Ich will ja keine Spaßbremse sein, aber ich frage: Muss ich denn so viel Party haben? Muss ich vielleicht diesen prallen Hedonismus leben, damit ich ja nicht in die Verlegenheit komme, mich dem Thema Endlichkeit stellen zu müssen?“

Solche Fragen stellen sich junge Menschen eher selten. Zwei Beispiele machen das deutlich. Alessa Trüdinger, 15 Jahre, aus Stuttgart, meint: „Ich finde es in Ordnung, wenn Leute am Karfreitag nicht tanzen und sich nicht amüsieren wollen. Aber ein Tanzverbot in unserer multikulturellen Gesellschaft finde ich nicht gut.“

„Jedem sollte die Entscheidung selbst überlasen werden“

Ihre Freundin Aileen Nicole Schweikart (16 ) stimmt zu: „Es dürfte kein allgemeines Tanzverbot geben. Schließlich sollte jedem selbst die Entscheidung überlassen werden, ob er an diesem Tag feiert und fröhlich oder lieber still und in den Gedanken bei Jesus Christus und dessen Kreuzigung ist.“ Weiter sagt sie: „Ich denke, auch in unserem Alter haben wir schon genügend Reife erreicht, um selbst zu wissen, ob und wie wir den christlichen Glauben vertreten.“

Christian Hermes kennt solche Meinungen. Und er reagiert in der Regel „sehr entspannt“ darauf. Er hat sogar eine Idee, wie man in diesen Fällen einen Bewusstseinswandel schaffen kann: „Wenn man diese Haltungen konsequent weiterdenkt, dann müssten alle diejenigen an den stillen Tagen auch zur Arbeit oder in die Schule gehen. Ich glaube, dann hätten wir ganz schnell wieder viele Fans der baden-württembergischen Feiertagsregelung.“

Dieser Ansatz ist nicht unbedingt typisch für einen katholischen Pfarrer. Aber er passt zu Hermes. Mit diesen zeitgemäßen Ansichten verdonnert er Menschen nicht pastoral zum Glauben. Er bringt sie eher zum Nachdenken. Und er weckt die Erwartung von Menschen, Antworten auf die drängenden Fragen des Lebens geben zu können. Ob er diese Erwartungen auch einhalten kann? Auch hier reagiert Hermes mit einem Lächeln und schlägt vor: „Kommen Sie doch am Karfreitag um 15 Uhr zu mir in den Gottesdienst in die Domgemeinde St. Eberhard auf der Königstraße. Dann werden Sie sehen.“