Die company Idem hat im Theaterhaus ihre Choreografie „Imbalance – The contradictory nature of Dionysus“ präsentiert – und ist den Widersprüchen des Menschseins nahe gekommen.
Langsam schälen sich die Formen aus dem Dunkel. Ein Lichtkegel wird sanft heller – und aus einem wallenden Gewand erwächst eine Frau mit langer Mähne. Scheinbar überlebensgroß richtet sie sich auf, die Arme erst sacht, dann schneller, höher, komplexer bewegend, als ob sie etwas beschwören wolle, während im Hintergrund Schwaden aufsteigen.
Ein griechisches Fabelwesen à la Hydra oder Medusa? Gar eine Kassandra, deren Weissagungen in der Mythologie niemand Glauben schenkte? Noch hat man nicht alle Assoziation durch, schon ist sie – Scheinwerfer aus – verschwunden, und ein anderer Lichtkegel tut sich auf. Ein Mann erscheint darin, wiegt sich, lässt seine Arme ebenso spielen, bis er im Kreis dreht, einem Derwisch ähnlich rasanter werdend, während die Musik, die zuvor elektronisch Sphären im Raum erzeugte, an Fahrt und Beat aufnimmt.
Vom antiken Weingott inspiriert
Damit ist der Ton gesetzt in Halle T3 des Stuttgarter Theaterhauses: Die deutsch-schweizerische company Idem ist auf dem Weg, um die „Imbalance – The contradictory nature of Dionysus“ auszuloten. Das Stück, das die Künstlerischen Leiter Matthias Kass und Clément Bugnon choreografierten, inspirierte der antike Weingott. Dionysos, den die Römer später bei seinem altgriechischen Beinamen Bacchus alias „der Lärmende“ nennen sollten, ist in der griechischen Mythologie nicht nur Gott der Freude, Ausschweifungen und Exzesse. Er steht außerdem für Fruchtbarkeit, Produktivität, schöpferische Kraft, Selbstaufgabe und Hingabe.
Aus seinem Kult entsprang das Theater, im altertümlichen Orchestra spielten Heldengeschichten. Da wurde mit Masken und Kostümen getanzt, musiziert, getrunken, da wurden orgiastische Riten gefeiert. In diesem Sinne symbolisiert Dionysos zudem die Balance zwischen dem Rationalen und Irrationalen, zwischen dem vernunftgeleitetem Denken und Handeln sowie dessen Gegenteil, zwischen der Kontrolle und dem Chaos.
Kass und Bugnon, die sich als Tanzauszubildende an der Stuttgarter John Cranko Schule kennenlernten und 2011 die company Idem gründeten, interessiert diese Dualität. Ist doch Gegensätzlichkeit etwas Urmenschliches. Dem Mythos gemäß versucht Dionysos, den Menschen ihre Widersprüche und ihre „dunkle“ Seite bewusst zu machen, sie dazu zu bringen, diese zu akzeptieren. „Ich bin der Andere, der Fremde, das Dunkle in euch selbst. Wahrer Wahnsinn ist, nur Vernunft walten zu lassen“, heißt es da.
Kommt jetzt der Fall?
Und so spüren zwei Tänzerinnen und drei Tänzer auf der Bühne dem Widerspruch nach, der sich auftut zwischen dem menschlichen Bedürfnis nach Kontrolle und dem Wunsch, sich von diesem zu befreien. Das tun sie mit einer Energie und Virtuosität, die ihresgleichen sucht. Da wird – als Ensemble, Solo, Duo, Vierer- oder Dreier-Gruppe – so weit nach hinten gelehnt und nach vorne gereckt, dass man meint, jetzt kommt der Fall. Dann wieder tauchen sie so tief in Körperwellen ein oder lassen ihre Arme derart rasant rotieren, dass das Auge fast nicht mehr folgen kann.
Dann geht es plötzlich ans Schubsen, Boxen, Kämpfen, Schimpfen, Robben, bevor sie wieder springen und lachen, als ob alle von Sinnen wären – ein schöpferischer Bewegungsrausch, der auch alle Sinne im Publikum berührt.
Diesen steten Flow, bei dem die Tanzenden immer wieder aus dem Gleichgewicht zu geraten scheinen, stachelt die treibende Musik von Michio Woirgardt an, aber sie dämpft ihn auch je nach Moment. Der deutsch-japanische Gitarrist und Komponist mixt alles, von Klassik über Volksweisen bis House, verquickt experimentell live aufgenommene Instrumente, Elektrosounds und Alltagstöne mit Software in Loops aus Klängen, Melodien und Rhythmus.
Auch bei Bugnon und Kass, letzterer zentraler Tänzer bei Idem, ist Stilmix Trumpf. Ob Elemente aus Tango, Twist, Rock, Rave, Robotertanz à la Popping und Locking oder klassische Port de Bras und Pliés – alles geht, alles reißt, auch die langsamen, traumhaften Passagen. Sie lassen Atem holen, verleihen dem Spektakel Pneuma und poetische Bilder. Und gemahnen an die Kunstgeschichte. Etwa an Michelangelos wohl berühmtestes Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle, „Die Erschaffung Adams“; hier auf weiblich, wenn die Frauen – von den Männern gehoben – ihre Finger in der Luft zu berühren suchen. Oder an Eugène Delacroix’ „Die Freiheit führt das Volk“, wenn da alle aufeinander die Barrikaden zu stürmen scheinen. Oder an den Typus „Jesus als lehrender Erlöser“, wenn ein Tänzer – kreuzartig getragen mit seitlich ausgestreckten Armen – den Zeigefinger weist.
Ein Stück Menschheitsgeschichte
Indes, Chaos und Gewalt hören nie auf, aber auch die Hoffnung, der Reigen, die Gemeinschaft bleiben. Das Exzessive kann große schöpferische Kraft freisetzen, aber im Übermaß ins Verderben führen: Der Mensch begeht schlimmste Verbrechen, während er sich nach Glück, Frieden, Schönheit, Unsterblichkeit sehnt und großartigste Werke erschafft. Und so geht man aus „Imbalance“ mit dem Gefühl, auch ein Stück Menschheitsgeschichte quasi am eigenen Körper erlebt zu haben – großartig, humorvoll, treffend, immer aktuell.
Company Idem
Gründer
2011 gründeten Clément Bugnon und Matthias Kass die company Idem; kennengelernt hatten sie sich während ihrer Tanzausbildung an der John Cranko Schule in Stuttgart. Ihr Debüt als Choreografen gaben sie mit dem Stück „Idem“.
Preise
Die Kompanie ist mehr ausgezeichnet worden, etwa 2016 mit dem Eric Gauthier Preis für das Stück „Becoming“.