Tantralehrerin Regina Heckert „Singlefrauen sitzen im Schlaraffenland der Lust“
Regina Heckert ist vor dreißig Jahren aus ihrem bürgerlichen Leben ausgebrochen, um eine Tantraschule zu eröffnen. Sie erzählt, wie Tantra ihr geholfen hat, sich zu emanzipieren und warum Paare nicht aufhören sollten, miteinander zu schlafen.
Regina Heckert hat vor 35 Jahren ihr bürgerliches Leben hinter sich gelassen, um eine Tantraschule zu eröffnen. Tantra hat ihr geholfen, sich zu emanzipieren. Da sei bei vielen Frauen noch Nachholbedarf im Bett, glaubt sie.
Frau Heckert, was ist Tantra?
Das ist so schwierig zu beschreiben, wie wenn man jemandem erklären soll, was eine Erdbeere ist, wenn er noch nie eine gesehen oder geschmeckt hat. Vereinfacht gesagt ist es eine Mischung aus Meditation und Sexualität. Tantra kommt aus Indien und ist Tausende Jahre alt. Im ursprünglichen Sinn war es ein Weg zur Erleuchtung. Heute ist Tantra eine Lebenshilfe rund um die Bereiche Liebe, Sexualität und Partnerschaft.
Wer kann Tantra praktizieren?
Eigentlich jeder. Man sollte die Bereitschaft mitbringen, seine Komfortzone zu verlassen und sich für die Meditation zu öffnen. Es geht einfach darum, erst mal zur Ruhe zu kommen und bei sich selber zu sein. Denn das ist eine Grundvoraussetzung für eine erfüllende sexuelle Begegnung mit jemand anderem. Und dazu nutzt man die Meditation.
Bei sich selber sein – wie geht das?
Innen drin ist meist viel los. Ich muss schauen, wie ich da runterkommen kann, und die Bereitschaft haben, mich selber kennenzulernen. Das bedeutet auch, innerlich aufzuräumen. Wir sind im Alltag doch oft nur ein Abbild unserer selbst. Tantra führt uns immer hin zum Spüren, weg vom Denken.
Wie sind Sie zum Tantra gekommen?
Erstaunlicherweise hat es in der katholischen Kirche angefangen. Als kleines Mädchen war ich so ergriffen von den schönen Gesängen, den Liedern, die tief unter die Haut gegangen sind. Was für ein wohliger Schauer. In den Kirchenbänken habe ich zugleich immer zu den Buben rübergeschielt, das war damals schon erotisch prickelnd, und dann die Heiligkeit dazu! Ich hatte oft ein richtiges Einheitserlebnis in der Kirche.
Das klingt beneidenswert.
Da war ich wohl sehr ungewöhnlich. Ich habe andere gefragt, die hatten das nicht. Jedenfalls habe ich das später im Tantra wiedergefunden, wo die Sexualität nicht abgespalten, sondern zelebriert und gefeiert wird. Auch der Raum wird geschmückt, wir haben ergreifende Lieder. Aber obwohl ich schon mit 19 nach den ersten sexuellen Erfahrungen dachte, das kann ja wohl nicht alles sein, habe ich erst mit 30 Jahren mein erstes Tantraseminar besucht.
Die Frauen, so heißt es, entdecken ihre Sexualität oft erst verhältnismäßig spät.
Ja. Frauen haben noch nicht lange das Recht, sexuell den Mund aufzumachen oder überhaupt darüber nachzudenken, was sie wollen. Wenn ich an meine Mutter oder Großmutter denke und an die Zeiten, in denen ich selbst noch jünger war – das war eine andere Welt. Erst seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe eine Straftat. Sex war etwas für den Mann. Frauen haben Sex dem Mann zuliebe mitgemacht. Durch die Religionen war Sex außerdem zum Kinderkriegen da. Wir sind jetzt in den Kinderschuhen, was die Lust der Frau betrifft. Emanzipation ja – aber sie fehlt noch im Bett.
Was müsste sich da ändern?
Das hat nicht nur mit den Männern zu tun. Auch Frauen müssen sagen, was sie wollen. Vielen wurde nie beigebracht, auf ihren Körper zu hören. Im Gegenteil. Wenn sie sexuell nicht mitkommen, meinen sie, mit ihnen wäre etwas falsch. Und wenn sie wissen, was sie wollen, ist lange nicht gesagt, dass sie sich trauen, es dem anderen zu vermitteln.
Ist das wirklich heute noch so?
Nach einem Vortrag kam einmal eine Frau zu mir und sagte: „Ich bin seit 30 Jahren verheiratet, und ich habe so einen wundervollen Mann. Im Bett fragt er mich: ,Was willst du? Ich erfülle dir alle deine Wünsche.‘ Aber ich kann es nicht sagen. Ich befriedige mich heimlich selber, weil mir das zu peinlich ist.“ 30 Jahre lang – und sie hat den perfekten Mann. Was machen dann erst die Frauen mit ungeduldigen Männern? Scham und Moral sitzen vielen Frauen noch in den Knochen.
Auch den Jüngeren?
Da und dort gibt es mutige Pionierinnen, aber im großen Ganzen: Ja. Ich erlebe das oft.
Was erwarten Paare oder Singles, die zu Ihren Tantraseminaren kommen?
Es gibt Paare, die kommen einfach aus Neugierde: Was gibt es noch außer dem, das wir kennen? Aber die meisten kommen, weil sie schon sehr lange zusammen und in eine Art sexuelles Schachmatt geraten sind miteinander. Es passiert entweder nicht mehr viel oder nichts mehr, oder es hat sich eine Routine eingeschlichen. Die Paare wissen nicht mehr weiter, manchmal sind sie sogar kurz vor der Trennung, kommen als letzte Hoffnung.
Können Sie diesen Paaren helfen?
Ein großes Thema ist: Wo die Lust hernehmen im Alltag? Da kann es helfen zu erfahren, dass es ganz viele entspannte Formen der körperlichen Liebe im Tantra gibt, die man auch spätabends noch tun kann, wenn beide müde sind. Sie stärken die Verbindung miteinander und damit auch die Abwehrkraft gegen all die beziehungsschädigenden Dinge, die so auf uns einprasseln.
Was wäre so eine entspannte Form des Spätabendsex?
Etwa die „Sanfte Vereinigung“ – da kann man sich ohne Erektion verbinden. Man muss eine bestimmte Position einnehmen, damit der Penis nicht rausrutscht, die Scherenposition. So kann ein Paar sich ohne Druck und Stress nahekommen, denn das ist oft das Problem in langen Partnerschaften.
Kommen auch Singles zu Ihnen?
Ja, entweder, weil sie unterkuschelt sind und wissen, sie kriegen hier viel absichtslose Berührung. Oder weil sie hoffen, einen neuen Partner zu finden – was auch öfter passiert.
Leben Sie monogam?
Ich habe Zeiten gehabt, in denen ich nicht monogam lebte. Und ich habe Jahre als Singlefrau gehabt. Das war für mich persönlich wichtig, da habe ich mich von dieser Moral der katholischen Erziehung befreit, indem ich geübt habe, Sex mit unterschiedlichen Männern zu haben, ohne mich zu binden.
Interessante Übung.
Ich hatte mir wirklich vorgenommen, viel Sex zu haben. Schwimmen lernen wir nur im Wasser. In dieser Zeit habe ich gemerkt, Singlefrauen sitzen im Schlaraffenland der Lust, denn viele Männer sind total offen. Vielleicht kein Ehemann nach 20 Jahren, der hat keine Lust, aber fremde Männer. Das hat mein sexuelles Selbstwertgefühl gesteigert. Jetzt bin ich seit 28 Jahren mit meinem zweiten Mann zusammen und lebe monogam.
Polyamorie wäre nichts für Sie?
Wenn ein Paar zu mir kommt, sage ich meist, dass sie zuerst schauen sollen, ob sie es zu zweit hinkriegen. Meiner Erfahrung nach geht Polyamorie oft auf Kosten von einem. Da will einer sich öffnen und bringt Leid über den anderen, der das eigentlich nicht will.
Was ist Ihre größte Erkenntnis über Sex?
Mein Körper muss das Sagen haben. Sexuelle Erfüllung passiert, wenn ich verbunden bin mit meinem Körper, auf seine Impulse achte und nichts tue, was sich nicht richtig anfühlt.
Was sagen Sie, wenn Frauen meinen, sie seien zu alt für sexuelle Abenteuer?
Meine älteste Teilnehmerin war 82, sie kam ganz alleine zum Tantraseminar. Eine tolle, attraktive Frau. Es liegt alles an uns selber. Natürlich guckt der Mann auf die jungen Frauen, da ist er wie magisch angezogen, weil da die Fortpflanzung weitergeht. Aber es gibt so viele aufregende ältere Frauen.
Was verändert sich beim Sex im Alter?
Das habe ich leider selbst schmerzlich erleben müssen. Mit den Wechseljahren bin ich zur Frauenärztin und habe gesagt: Hilfe, ich wachse zu – Sex ist plötzlich schmerzhaft. Selbst die sanften Methoden haben gebrannt wie Feuer. Die ganze Scheidenschleimhaut war abgebaut, eine Blasenentzündung kam nach der anderen. Alles typisch für die Wechseljahre. Die Ärztin konnte mir nicht weiterhelfen, aber ich habe später eine andere gefunden, die mit naturidentischen Hormonen arbeitet. Seit 13 Jahren gehe ich mittlerweile zur regelmäßigen Kontrolle.
Und es geht wieder besser?
Natürlich ist der Sex trotzdem nicht immer wie in jungen Jahren. Aber ich finde es eine große Chance, auch diese sanften Methoden der körperlichen Liebe auszuprobieren, diese meditativen Sachen, bei denen man wirklich sehr tief nach innen spürt.
Viele sind heute aufgeklärt, trotzdem findet Umfragen zufolge weniger Sex statt. Was glauben Sie, woran liegt das?
Das hat viele Gründe. Frauen trauen sich eher, Nein zu sagen. Aber wenn eine Frau sexuell sehr selbstbewusst ist, kriegt manchmal auch der Mann Angst und zieht sich zurück. Vielen ist außerdem nicht klar, wie wichtig eine regelmäßige Sexualität für das Glück als Paar ist. Wenn es keinen Sex mehr gibt, schleichen sich Beziehungsungeheuer ein. Man streitet über alte Dinge oder den Alltag, weil die körperliche Liebe fehlt.
Weitere Infos
Person
Regina Heckert, Jahrgang 1956, hat vor mehr als dreißig Jahren ihren Job als Lehrerin gekündigt und beruflich und privat neu angefangen. In der Nähe von Speyer hat sie eine Tantraschule gegründet, deren Leiterin sie bis heute ist.