Mitarbeitspflicht, Gemeinschaftsküchen und sogar einen Bewohnerrat: Im Villinger Gästehaus Tannenhöhe wird für 18,6 Millionen Euro ein einzigartiges Wohnprojekt für Senioren realisiert.
Geradezu herrschaftlich thront die Tannenhöhe am Rande des Germanswalds auf der Anhöhe des Kurgebiets. Der im Jahr 1900 realisierte Bau hat Strahlkraft und genießt bei tausenden Gästen, die in den vergangenen 75 Jahren hier eine Auszeit gesucht haben, einen hervorragenden Ruf.
Das 80 Betten umfassende Gästehaus ist seit Anfang Januar aber Geschichte. Die Schwestern des Diakonissenmutterhauses Aidlingen sind aus Altersgründen nicht mehr in der Lage, das Haus weiterzubetreiben.
Und dennoch soll die Tannenhöhe unter gleicher Federführung weiterhin bestehen bleiben – mit einem Konzept, das vermutlich seinesgleichen sucht. Denn das Gästehaus soll gemeinsam mit dem jetzigen Ruhestandshaus der Schwestern in ein ganz besonderes, christliches Gemeinschaftswohnprojekt für Senioren umgebaut werden.
Für Projektleiterin Annette Kessel – die gemeinsam mit 20 Personen an der Umsetzung arbeitet – ist dabei klar: Der Charme des Gästehauses soll erhalten bleiben. Das wird beim schnellen Rundgang durch die repräsentativen Räume im Erdgeschoss deutlich. „Wir wollen den Stuck hier auf alle Fälle erhalten“, sagt sie. Alter Glanz soll dann auf neues Leben treffen – das sind die Millionenpläne für die Tannenhöhe.
Das Wohnkonzept
Sowohl das ehemalige Gästehaus als auch das Ruhestandshaus der Schwestern sowie die gesamte Parkanlage sollen in den kommenden Jahren umgestaltet und einer neuen Bestimmung zugeführt werden.
Geplant ist nun eine Mischung aus Wohnen, (Selbst-)Versorgung, Mitarbeit, Programm und Möglichkeiten der Pflege. In den Gebäuden sollen 61 Appartements mit insgesamt 98 Zimmern entstehen – organisiert als Cluster-Wohnen für etwa 77 Menschen. Der Clou: die Mischung aus privatem Rückzugsort in den Ein-, Zwei- oder Dreizimmer-Appartements (mit Nasszelle und Kitchenette) und dem Leben in der Gemeinschaft.
Dafür stehen beispielsweise gemeinsame Wohnzimmer und Gemeinschaftsküchen sowie ein großer Speisesaal zur Verfügung. „Das Mittagessen gibt es nur gemeinsam im Saal“, betont die Projektleiterin. Denn das Credo lautet: Jeder muss einmal am Tag in der Gemeinschaft auftauchen. Schwester Lore Dreher, die die Umsetzung des Projekts eng begleitet, weiß um die Bedeutung dieser Regel. „Vielen tut es gut, wenn sie nicht in der Einsamkeit versinken“, so Dreher.
Und was kostet das für die Bewohner? Die Miete mit Mittagessen-, Service- und Notfallpauschale beginnt bei etwa 995 Euro in den kleinen und 1535 Euro pro Person in den größeren Appartements. Zahlreiche zusätzliche Services sind zubuchbar.
Das Arbeitskonzept
Dass Gemeinschaft und aktive Teilhabe das zukünftige Aushängeschild der Tannenhöhe werden sollen, zeigt sich an einem wichtigen Baustein des Projekts: der verbindlichen Mitarbeit. Sechs Stunden pro Woche müssen sich die zukünftigen Bewohner in verschiedenen Bereichen engagieren, „beispielsweise in der Küche, bei der Hausreinigung, im Garten, in der Schreinerei, in der Betreuung oder in der Verwaltung“, zählt Kessel auf.
Warum das alles? „Es tut gut, auch mal stöhnen zu dürfen“, erklärt sie. So bleibe nicht nur der Körper, sondern auch der Geist aktiv. Klar ist: Die Mitarbeit wird künftig ernst genommen. Geregelt werde dies in einer Art Arbeitsverhältnis, zudem werde ein Zeitarbeitskonto angelegt. Zudem werde ein Bewohnerrat gewählt, der sich um die Gestaltung im Haus kümmert und als Gegenüber der betrieblichen Geschäftsführung fungiert.
Möglichkeiten der Pflege
Die Tannenhöhe versteht sich, und das betont Kessel, keinesfalls als Pflegeheim. Aber: Die Bewohner sollen vom Einzug bis zu ihrem Lebensende pflegerisch begleitet werden. Zunächst setzt man insbesondere auf Pflegeprävention – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und mit Fokus auf soziale Beziehungen.
Sollten die Bewohner dennoch Unterstützung benötigen, steht ein mehrstufiges „FürSorge“-Konzept zur Verfügung: von der Haushaltshilfe über die ambulante Pflege bis zur 24-Stunden-Betreuung in der Unterstützungs-WG. Für Letztere stehen neun Plätze im Haus bereit. Mit der Diakonie Ambulant Schwarzwald-Baar hat die Tannenhöhe den Pflegedienst künftig dauerhaft im Haus.
Wie sich das Haus öffnet
Der Tannenhöhe ist weiterhin die Verbundenheit mit dem Quartier wichtig – bei einer ersten Infoveranstaltung im Dezember zeigten sich die Bewohner des Kurgebiets angetan von den Plänen. Der Komplex werde, so erklärt Kessel, als Zentrum des Kurgebiets gewertet.
Nicht ohne Grund: Ein Service-Point soll nicht nur wichtigste Anlaufstelle für die Bewohner der Tannenhöhe sein, sondern beispielsweise hinsichtlich Pflegefragen auch für die Bewohner des Kurgebiets. Besonders groß dürfte die Freude über die Einrichtung eines SB-Cafés sein, das darüber hinaus für Spaziergänger interessant werden dürfte. Anmietbare Räume mit Präsentationstechnik sowie regelmäßige Veranstaltungen, Gruppentreffen und Gottesdienste runden das Angebot ab.
Die Bauphasen
Das Projekt startet nun in die bauliche Umsetzung. Voraussichtlich im April können im ehemaligen Gästehaus, das sein äußeres Erscheinungsbild behält, die Arbeiten beginnen. Dort entstehen 24 Appartements, im Erdgeschoss zudem zwei Seminarräume, ein großer Versammlungssaal sowie ein Speisesaal für 100 Menschen.
Die Fertigstellung ist für Anfang 2027 geplant. Die Schwestern können dann in das frisch sanierte Gebäude ziehen und so den Start des Projekts vollziehen. Im April 2027 ist geplant, den Zwischenbau abzureißen und neu zu erstellen; gleichzeitig erfolgt der Umbau des jetzigen Schwesternwohnheims.
Hier entstehen 37 Appartements, im dritten Obergeschoss zudem die Pflege-Wohngemeinschaft. Mitte oder Ende 2028 soll das besondere Wohnprojekt dann für Externe starten. Dann soll auch der großzügige Park zu einem Sinnesgarten mit Tierhaltung umgestaltet werden. Insgesamt werden 18,6 Millionen Euro investiert – davon sind 9,3 Millionen Euro über das Mutterhaus als Eigenmittel geplant. Der Rest soll über Fördermittel (5,6 Millionen Euro) und Spenden (3,7 Millionen Euro) finanziert werden.