Nach nur viereinhalb Stunden hat die 53-Jährige ihr Ziel beim Rekordversuch auf dem Bad Wildbader Baumwipfelpfad erreicht - zwölf Stunden hätte sie Zeit gehabt. Daraufhin setzt sich Tanja Höschele ein Neues.
Ab 10.28 Uhr und 26 Sekunden klingelt es, und zwar mehrfach. Das ist am Fuß des Turms deutlich zu hören. Das Läuten einer Kuhglocke ist Tanja Höscheles Zeichen, dass sie oben angekommen ist, auf dem Turm des Bad Wildbader Baumwipfelpfads. Dort unternimmt die Extremsportlerin aus Straubenhardt-Schwann am Montag ihren neuesten Weltrekordversuch. Zwischen 6 und 18 Uhr will sie mindestens 31 Runden hoch und runter laufen und dabei 2480 Höhenmeter bewältigen. Das wäre der Damen-Weltrekord.
Von Anfang an sieht es gut aus. Den Turm haben Höschele, ihre Freundin und Unterstützerin Anja Ralf sowie Helfer Torsten Eggerichs erst einmal für sich. Er ist extra aus Dresden angereist, um die Schwannerin zu unterstützen. „Acht Rekorde von ihr hab’ ich schon betreut“, erzählt er. Kennengelernt hatten sich die beiden beim „Mount Everest Treppenmarathon“ in Radebeul, an dem die Schwannerin schon mehrfach teilgenommen hat.
Ein Helfer dokumentiert gelaufene Runden fürs Rekord-Institut
Eggerichs steht am Fuße des Turms auf dem Sommerberg. Dort ist ein Tisch aufgebaut mit Energydrinks, Käsewürfeln, Schokoküssen und Hefezopf. Höscheles Verpflegung für den Tag. Aber noch wichtiger ist das, was sich auf dem Tisch daneben befindet: eine große Uhr und eine Liste mit Notizen. Torsten Eggerichs dokumentiert jede Runde für das Rekord-Institut für Deutschland (RID), das die Bestleistung der 53-Jährigen anerkennen soll.
Acht bis neun Minuten braucht Tanja Höschele durchschnittlich, um einmal hoch und wieder runter zu kommen. Pro Runde macht das 80 Höhenmeter. Und es läuft gut. Die Sportlerin wechselt zwischen schnellem Gehen und Joggen. Eine Pause macht sie nur, um zur Toilette zu gehen.
Die Stimmung auf dem am Morgen noch menschenleeren Baumwipfelpfad ist besonders. Die ersten vier Stunden sind die drei unter sich. Der Sonnenaufgang kurz vor 6.30 Uhr „hat mich geflasht“, erzählt Höschele, während sie in Runde 27 in flottem Schritt den Turm hinaufläuft. Das ist etwa zehn Minuten vor 10 Uhr. „Das war so ein geiles Licht.“ Dass sie früh morgens alleine am Turm sein dürfe, sei für sie etwas Besonderes.
Tanja Höschele läuft den Turm hoch, als wäre sie auf einem angenehmen Spaziergang. So fühlt sich dieser Weltrekord-Versuch für sie tatsächlich an – erst Recht im Vergleich zu den Strapazen, mit denen der Rekord in Schömberg im Oktober 2024 verbunden war. Dort lief sie innerhalb von zwölf Stunden die Treppen 129 mal hoch und runter. So überwand sie mehr als 12 800 Höhenmeter. Auch damals biss sich Höschele durch, aber geplagt von Krämpfen in Waden und Oberschenkeln.
Schon früh denkt sie über weitere Herausforderungen nach – etwa 100 Kilometer
Am Montagvormittag fühlt sich die 53-Jährige völlig anders. Auch, weil es auf dem Baumwipfelpfad keine Treppen gibt. Weil es so gut läuft, denkt die Sportlerin bereits früh über neue Ziele nach. „70 Runden wäre eine schöne Sache“, meint sie. „Oder 71? Das wär mein Jahrgang!“
Gegen 10.10 Uhr sichtet Anja Ralf die ersten Besucher auf dem Turm des Baumwipfelpfads. Da steht sie gerade oben auf dem Turm und wartet auf ihre Freundin. Etliche Runden hat sie diese bereits begleitet. „Ich spür Dich!“, ruft sie Höschele entgegen. Und tatsächlich: Als diese eine Etage tiefer vorbeiläuft, sind die Vibrationen zu spüren. Als die beiden gemeinsam nach unten joggen, da wackelt der Turm sogar leicht.
Es läuft für Tanja Höschele. Als sie um 26 Sekunden nach 10.28 Uhr anfängt, die Kuhglocke zu läuten – „ich klingel’ ganz lang, damit ihr einen Unterschied zu den anderen merkt“ – hat sie die Hälfte der 31. Runde geschafft. Die letzte geforderte Runde. Keine vier Minuten später kommt sie unten an. Torsten Eggerichs filmt, fürs Rekord-Institut. Der Weltrekord, Höscheles elfter, ist geschafft. Nach nur gut viereinhalb Stunden. Doch Tanja Höschele macht das, was sie immer macht. Sie läuft weiter – und nach einer kurzen Gratulation einfach wieder den Turm hoch.
Gut, dass Eggerichs auch ausgerechnet hatte, dass 81 Runden einer Laufstrecke von 100 Kilometern entsprechen – etwa 620 Meter hoch und genauso viele wieder runter sind es pro Durchgang. 100 Kilometer, das klingt doch nach einer neuen Herausforderung. Schließlich hat die 53-Jährige noch Zeit bis 18 Uhr, zwölf Stunden hatte sie eingeplant. Vorher will Tanja Höschele natürlich nicht aufhören – auch wenn der Rekord längst geschafft ist.