Beim „Talk am Abend“ vor der Landtagswahl konnten sich die Wähler in Mötzingen ein Bild von den Kandidaten im Wahlkreis Leonberg machen. Sie nahmen auch Einfluss auf die Fragen.
Nach dem guten Zuspruch des ersten Talks am Abend zur Bundestagswahl im vergangenen Jahr, habe man den Wählern auch zur Landtagswahl die Möglichkeit zur Orientierung geben können, erklärte Herbert Radloff, Vorstandsmitglied des Mötzinger Bürgernetzwerks, bei der Begrüßung der rund 200 Besucher in der Gemeindehalle.
Neutralität sei dabei oberstes Gebot – was auch für die Moderatoren gelte. In diese Rolle schlüpften erneut zwei „Bürger aus Egenhausen und Bondorf“: Benjamin Finis und Bernd Dürr. Im Hauptberuf sind diese bekanntermaßen Bürgermeister in Mötzingen und Bondorf – jedoch ausdrücklich nicht an diesem Abend, auch wenn manche Frage – wie etwa die nach einem kostenfreien dritten Kindergartenjahr – für die Kommunen relevant ist.
Landei mit Elefantentattoo
Auf der Bühne saßen jene Bewerber, deren Parteien die Aussicht haben, in den Landtag einzuziehen: Peter Seimer (Grüne), Albrecht Stickel (CDU), Farina Semler (SPD), Andreas Auer (AfD), Hans-Dieter Scheerer (FDP) und Thomas Walz (Linke).
Bevor es in die Diskussion ging, gab es einen individuellen Blick auf die einzelnen Kandidaten. Peter Seimer, Mitglied des Landtags, 32 Jahre, nach eigenen Worten ein naturverbundenes „Landei“, das als ehemaliger Steuerfahnder auch Razzien vermisst und sich – wenn er müsste, ein Elefanten-Tattoo stechen lassen würde.
Albrecht Stickel, Jahrgang 1973, Unternehmensberater mit Schwerpunkt Unternehmensnachfolge sieht einen Draht zu Wirtschaft und Handwerk mit Weitblick durch Auslandserfahrung. Zum „Runterkommen“ dienen naturangebundene Hobbys wie Jagd, Streuobst und Imkerei.
Farina Semler, 49 Jahre, beschrieb sich als engagiert und als Lehrerin (derzeit freigestellte Personalrätin) geprägt durch den Schulalltag, der zeige, wie schwer es manche Schüler hätten. Gerechtigkeit sucht sie auch durch gleiche Bezahlung für Grundschullehrer.
Blaumann trotz Bürojob
Hans Dieter Scheerer, 68 Jahre, Mitglied des Landtags,Anwalt und im Herzen immer noch Kuppinger Mondfänger wurde durch seine erste Anstellung bei Kriegbaum geprägt, in der es trotz Bürojob als Erfahrung zunächst in den Blaumann ging.
Andreas Auer, Jahrgang 1962, gelernter Bankkaufmann zog es aufgrund der Eurokrise in die AfD. Die Einstufung als in Teilen „gesichert rechtsextrem“ sieht er als politisch motiviert. Menschen will er nicht abhängig machen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe geben.
Thomas Walz, Jahrgang 1992, saß schon 2025 als Bundestagskandidat auf der Bühne. Er sei ein Schaffer, über den Dürr nicht viel recherchieren konnte, was Walz als gutes Zeichen sah. Privat suche er nicht den Trubel, politisch geht es um die Verteilung des Reichtums mehr zu den Armen hin.
Schnelle Antworten mit Schildern
Einige Fragen des Abends wurden aufgrund der Zeit in schnellen Runden mit Ja oder Nein-Antworten per Schild von den Kandidaten abgefragt. Einigkeit herrschte dabei zur Überraschung bei einem Ja aller zur Frage, ob das Gehalt der Abgeordneten am Erfolg in der Umsetzung von Wahlversprechen bemessen werden sollte.
Zustimmung gab es auch für die Forderung, das dritte Kindergartenjahr kostenlos und verpflichtend zu machen – wobei Dürr darauf verwies, dass in Bondorf fast alle Kinder schon jetzt im Kindergarten seien. Durchweg wurde die Bedeutung der frühkindlichen Bildung betont.
Manche Fragen versuchte Finis mehrfach nachzuschärfen, wie etwa die, wie Familien im Kreis Böblingen konkret entlastet werden könnten, um sich Wohnen und Lebenshaltung leisten zu können, weil die Antworten durchweg nicht den Kern trafen.
Wege zu neuer Innovationskraft
Bei der Frage, wie man die Innovationskraft im Land stärken kann, vermisst Stickel den Transfer von Forschung zu konkreten Produkten, Scheerer sieht zu viele Regelungen, beispielsweise bei der Gewerbegebieterschließung, Auer hingegen zu viele Menschen in Ministerien, die an Regelungen statt Verbesserungen arbeiten.
Seimer will nicht Papiere, sondern Ergebnisse geprüft haben. Semler sieht neben der Fachkräftefrage auch, dass viele – je nach Beruf – gar nicht so lange arbeiten könnten. Walz sieht unter anderem die Lohnfrage, die aber andersherum gestellt werden müsse: Wie werde ein angemessener Lohn finanzierbar gemacht.
Geht es nach dem Stimmungsbild, dass die Besucher abgaben, würde es im Land bei Schwarz-Grün bleiben. Auch wenn es nur 25 Antworten in der Nachbefragung waren, lag die CDU bei 48 Prozent, die Grünen bei 32 Prozent.