Der VfB entdeckt gegen Union Berlin nach einem Systemwechsel kein neues magisches Dreieck, aber ein wirkungsvolles Dreigestirn: mit den Stürmern Demirovic und Woltemade – sowie dem Taktgeber Millot. Doch gegen Bern fehlt nun Woltemade.
Immer gut, wenn man als Bundesliga-Cheftrainer auch mit dem Rücken zur Wand noch einen Plan B in der Tasche hat. Und so entschied sich der VfB-Chefcoach Sebastian Hoeneß in der Partie gegen Union Berlin (3:2) in schwieriger Lage für eine Variante, die er im Normalbetrieb bei voll besetzter Reservebank vielleicht nicht gewagt hätte.
Jedenfalls lag der VfB gegen die Eisernen zur Pause bereits mit 0:1 und nach 48 Minuten gar mit 0:2 zurück, als sich ein Spielsystem bewährte, dass man bei den Stuttgartern in dieser Saison noch nicht allzu oft gesehen hat. Schließlich rückte Hoeneß nun von seinem bevorzugten und oft bewährten 4-2-3-1 mit nur einem Stoßstürmer ab – und probierte es in Halbzeit zwei trotz der Abwesenheit der verletzten Offensivspieler Deniz Undav, Jamie Leweling und El Bilal Touré dennoch mit zwei Angreifern.
Der zur Pause für Leonidas Stergiou ins Spiel gekommene Nick Woltemade griff daher in der Folge über halblinks an – und sein Sturmkollege Ermedin Demirovic, sonst meist ganz vorne der Alleinunterhalter, kam über halbrechts. Dahinter wurden die beiden aus zentraler Position von Enzo Millot gefüttert, der wie die gesamte VfB-Elf nach einer sehr lahmen ersten Halbzeit jetzt erst so richtig in Schwung kam.
Allerdings sollte man beim VfB mit der Beschreibung geometrischer Formationen auf dem Spielfeld vorsichtig sein, schließlich hat das „magische Dreieck“ mit dem Mittelfeld-Star Krassimir Balakov und den beiden Stürmern Giovane Elber und Fredi Bobic seit Mitte der Neunzigerjahre und dem DFB-Pokalsieg von 1997 längst seinen Platz in der Clubhistorie sicher. Doch auch die gegen Union Berlin ein wenig aus der Not geborene Dreieckskombination mit Millot, Demirovic und Woltemade funktionierte erstaunlich gut.
Für jeden ersichtlich war dies etwa beim 1:2 (51.), als erst der Franzose (Millot) auf den in Hamburg geborenen Bosnier (Demirovic) passte, ehe dieser den Ball auf den 1,98 Meter langen Bremer (Woltemade) durchsteckte, der letztlich sehenswert vollendete. „Zwei Meter lang und wahrscheinlich die beste Technik, die jemand haben kann mit so einer Größe“, lobte hinterher auch Kapitän Atakan Karazor den ersten Streich des Doppeltorschützen Woltemade, ehe er später selbst sein erstes Tor im 118. Bundesliga-Spiel erzielen sollte.
Doch auch sonst war angeführt vom Dreieckle mit Millot, Demirovic und Woltemade viel mehr Leben im Spiel. Nach „einer ersten Halbzeit zum Vergessen“ (Sportvorstand Fabian Wohlgemuth) ging plötzlich auch etwas durch das Spielzentrum. Denn während etwa die Besetzung von Josha Vagnoman als offensiver Flügelmann auf rechts erneut wirkungslos verpuffte, war Enzo Millot in der Zentrale auf einmal bestens bedient. So boten sich dem 22-Jährigen mit den beiden Stürmern vor ihm nun Anspielstationen, die es zunächst so nicht gab. Das tat dem VfB sehr gut.
Millot, der Kapitän der französischen U21-Nationalelf, konnte fortan als emsiges Bindeglied zwischen defensivem Mittelfeld und der Offensive agieren. Eine Funktion, die beim VfB lange Deniz Undav erfolgreich ausgefüllt hat. „Wir haben zunächst mutlos und viel zu viel nach hinten gespielt“, sagte Sebastian Hoeneß: „Nach dem 0:2 gibt es von mir ein großes Lob für die enorme Energieleistung meines Teams.“
Woltemade ist nicht spielberechtigt
Weil er nicht für den 25 Köpfe umfassenden Champions-League-Kader des VfB nominiert wurde, in dem jeder Club auch acht lokal ausgebildete Spieler aufbieten muss, ist der Mann der Stunde, also Nick Woltemade (drei Treffer im Pokal und drei Treffer in der Bundesliga), an diesem Mittwoch (21 Uhr) nicht dabei, wenn gegen die bisher punktlosen Young Boys Bern nichts anderes als ein Sieg zählt.
Dennoch ist „Big Nick“, wie zuletzt auch Ermedin Demirovic, ein Spieler im Aufwind. Immerhin ist das Duo nach einigem Ruckeln im ersten Saisondrittel inzwischen voll da. Beide haben als Neuzugänge offenbar eine Anlaufzeit im neuen Umfeld gebraucht. Zuletzt waren es – trotz der Ausfälle der drei wichtigen Offensivoptionen Leweling, Undav und El Bilal Touré – in der Bundesliga sieben Punkte aus den drei Spielen gegen die drei B’s aus Bochum, Bremen und Berlin. Mit reichlich Stürmertoren.
„Ich hoffe, dass jetzt ein Ruck durch die Mannschaft geht nach all diesen schwierigen Wochen“, sagte Karazor auch mit Blick auf das wichtige Bern-Spiel. Dann wird es mangels Alternativen wohl wieder mit Demirovic als einziger Spitze gehen. Doch spätestens beim Bundesliga-Doppelpack zum Jahres-Endspurt 2024 gegen den 1. FC Heidenheim (Sonntag, 15. Dezember) auswärts sowie den FC St. Pauli (Samstag, 21. Dezember) zuhause können die VfB-Fans wieder auf weitere Heldentaten des neuen Erfolgstrios hoffen.