Drohgebärden: China betrachtet Taiwan als Teil seines Landes. Foto: dpa/Yin Huan

Die Präsidentin der Inselrepublik, Tsai Ing-wen, verdankt ihre Wahl 2020 auch Dissidenten aus Hongkong, die sie mit offenen Armen aufnahm, als China die Proteste niederschlug. Doch die Willkommenskultur ist Vergangenheit.

Wenn Phil nach der taiwanischen Regierung gefragt wird, verzieht er das Gesicht, die Miene wird verbittert. „Die haben uns nur benutzt“, sagt der 37-Jährige, als er im Zentrum von Taipeh einen Reisfladen mit Fleisch belegt. Der Betreiber eines kleinen Imbissstands für landestypische Gerichte aus Hongkong hatte andere Pläne in Taiwan. „Als ich wie viele andere Hongkong verlassen musste, versprach die Präsidentin hier, dass man uns unterstützen würde.“ Und jetzt? „Nichts ist! Wir müssen sehen, wie wir zurechtkommen.“

 

Vor gut vier Jahren floh der gebürtige Hongkonger aus der Heimat, nachdem er dort zur Persona non grata erklärt wurde. Wochenlang hat er für die Demokratie protestiert, mehr als eine Million Menschen gingen auf die Straßen. Die Staatsmacht reagierte mit Repressalien, weshalb nach und nach eine Viertelmillion Menschen die Handelsmetropole Hongkong verließen. Die benachbarte Insel Taiwan erschien Phil als bestes Ziel: „Wie wir Hongkonger Demokratieaktivisten steht auch Präsidentin Tsai für ihre Opposition gegenüber Pekings Expansionismus.“

Angst vor Repressalien

Etwa 50 000 Menschen sind in den vergangenen fünf Jahren von Hongkong nach Taiwan übergesiedelt. Doch viele Flüchtlinge fühlen sich im unabhängig und demokratisch regierten Inselland längst nicht so willkommen wie anfangs erhofft. „Drüben in Hongkong war ich Lehrer für Sozialkunde“, erzählt Phil. „Da Peking jetzt praktisch die Macht hat, müsste ich dort China-Propaganda lehren.“ Da verkaufe er lieber für umgerechnet drei Euro Reisfladen in Taipeh. „Reich macht mich das aber nicht “, sagt er. „Und der taiwanische Staat unterstützt uns Hongkonger leider nicht.“

Den wahren Namen will Phil aus Furcht vor Repressalien nicht nennen. Immer wieder gebe es in der Wahlheimat Taiwan Anfeindungen. „Viele Leute denken, wir seien Pekinger Spione.“ So hatte Taiwans Regierung angekündigt, sie wolle die Regeln für das Aufenthaltsrecht von Menschen, die aus Hongkong eingereist seien, verschärfen. Auch deshalb ist von Flüchtlingen zu hören, dass sie sich in Taiwan diskriminiert fühlen – egal, ob es um Jobangebote oder politische Rechte geht. Dabei müssten die Hongkonger von der taiwanischen Regierung hofiert werden. Ohne sie wäre die regierende Demokratische Fortschrittspartei (DPP) kaum an der Macht. Vor der letzten Wahl Taiwans im Januar 2020 war Präsidentin Tsai Ing-wen eher unbeliebt. Sie hatte sich von Festlandchina distanziert und mit dem Versprechen für soziale Gerechtigkeit geworben, das sie aber kaum einhalten konnte.

Doch dann brach der Konflikt in Hongkong aus, mehr als eine Million Menschen – Phil war einer davon – sahen ein Versprechen Pekings verletzt: Hongkong, eine Halbinsel an der Südküste Chinas, die nach 99 Jahren britischer Herrschaft seit 1997 wieder zu China gehört, sollte laut dem Sino-Britischen Vertrag für mindestens 50 Jahre ihre Regierung eigenständig bestimmen können. Presse- und Meinungsfreiheit waren zugesichert, ebenso unabhängige Gerichte. Auch die Aussicht auf Demokratie bestand. Bis es die Regierung in Peking offenbar anders sah.

2019 wurde ein Gesetz vorbereitet, mit dem in Hongkong angeklagte Personen ans chinesische Festland ausgeliefert werden könnten. Vor allem junge Menschen waren wütend, Hunderttausende protestierten. Im Gegensatz zu vorigen Protesten reagierte die Staatsmacht – offenbar dirigiert von Peking – mit Gewalt. Was sich ironischerweise als Glücksfall für die politisch angeschlagene Präsidentin in Taiwan herausstellte.

Tsai Ing-wen kündigte an, Taiwan würde die Hongkonger Demokratieaktivisten aufnehmen – womit sie die Herzen der Menschen zurückgewann. Denn der harsche Umgang der Hongkonger Polizei – die im engen Austausch mit Peking stand – gab den Menschen in Taiwan eine Vorstellung davon, wie kompromisslos Peking seine Interessen durchsetzen kann. Zumal die in Peking regierende Kommunistische Partei auch Taiwan als eigenes Territorium reklamiert. Chinas Präsident Xi Jinping hat eine „Wiedervereinigung“ mit Festlandchina – notfalls unter Zwang – mehrmals angekündigt.

Eine große Mehrheit in Taiwan will das aber nicht. Deshalb gewann Tsai Ing-wen die Wahl 2020 mit deutlichem Vorsprung. Doch jetzt, da Taiwan am 13. Januar erneut die Regierung wählen wird, sind die Proteste in Hongkong erstickt. Und auch die einst lauthals propagierte Solidarität Taiwans mit Menschen aus Hongkong hat deutlich nachgelassen. Das beobachtet etwa Marcin Jerzewski vom Thinktank Taiwan Next Gen in Taipeh. „Die Bedingungen für Geflüchtete und Migrantinnen sind hart“, sagt Jerzewski. „Taiwan sollte eine Unterhaltung darüber führen.“

Doch im Wahlkampf ist so eine Unterhaltung kein Thema. Das gibt auch Chiu Wen-Li zu: „Bei Menschen aus Festlandchina, Hongkong oder Macau muss auch die Dimension nationaler Sicherheit bedacht werden“, sagt die Analystin der regierenden DPP. „Es besteht die Sorge, dass China die Menschen hier zu politischen Zwecken nutzen könnte.“ Fälle, in denen es tatsächlich Hinweise gab, dass Zugezogene als Agenten für Peking aktiv waren, sind äußerst selten. Die Sorge darüber ist jedoch groß.

Sky Fung gehört zu denjenigen, die das ändern wollen. „Ich glaube, wir kennen uns einfach nicht besonders gut“, sagt der 30-Jährige in einem Café, in dem sich regelmäßig die Hongkonger Diaspora trifft. Sky ist Vorsitzender der Organisation Hong Kong Outlanders, die für Austausch und gegenseitiges Verständnis sorgen will. Regelmäßig veranstaltet die Nichtregierungsorganisation (NGO) Filmvorstellungen oder Diskussionen. „Es ist wichtig, dass die Menschen verstehen, dass wir auf derselben Seite stehen. Ich kann garantieren, dass wir keine Spione sind.“

Viele Flüchtlinge verlassen Taiwan

Sky Fung sitzt an einem Tisch vor einem großen Regal, das voll ist mit Hongkonger Demokratieliteratur, und erzählt von den Schwierigkeiten, die er als Aktivist in Taiwan hat. Zum Beispiel, dass seine NGO gar nicht gegründet hätte werden können, wenn nicht einige taiwanische Staatsbürger dazugezählt hätten. Oder dass eines Tages ins Büro eingebrochen wurde: „Es wurde nichts zerstört. Nur unsere Dokumente wurden entwendet.“ Seitdem steht auf Fungs Visitenkarte keine Postanschrift mehr. „Wir müssen leider vorsichtig sein.“

Dabei fühlt sich Sky Fung längst zu Hause in Taipeh. Er kam schon als Student nach Taiwan, arbeitete dann in der Werbebranche. Als es 2019 laut wurde auf den Hongkonger Straßen, begann Fung, sich von Taipeh aus für die Demokratiebewegung in der Heimat zu engagieren. „Ich könnte nicht mehr nach Hongkong zurück. Für mich ist es dort nicht sicher.“ Seinen Freundeskreis hat er heute in Taiwan. Mit der Familie in Hongkong hat er seit Jahren nicht gesprochen. „Das wäre gefährlich für sie.“

Wer sich in Taiwan nach Menschen aus Hongkong umhört, erfährt von solchen Schicksalen immer wieder. Nur interessiert man sich heute eben kaum für diese Gruppe. Sie scheint auch immer kleiner zu werden. „Viele Hongkonger sind hier nie so richtig angekommen“, sagt Sky Fung. Sie hätten nicht nur unterschätzt, dass Mandarin, die in Taiwan dominante Sprache, sich doch sehr vom in Hongkong üblichen Kantonesisch unterscheidet. Auch viele der großen Willkommensansprachen der Präsidentin Tsai Ing-wen hätten sich als bloße Wahlkampfparole herausgestellt.

Einen taiwanischen Pass erhalten Hongkonger meist nur dann, wenn sie eine taiwanische Person heiraten. „Mittlerweile haben viele der Flüchtlinge Taiwan schon wieder verlassen und leben jetzt in Kanada oder Großbritannien“, berichtet Sky Fung. Er kann es verstehen. Zumal die derzeitigen Präsidentschaftskandidaten nicht einmal mehr so tun, als wären Menschen aus Hongkong besonders willkommen auf der Insel.