Mit 71 Jahren ist Alfred Merz derjenige Marktbeschicker, der vor 40 Jahren miterlebt hat, wie Friedrich Pommerencke den Tailfinger Wochenmarkt aus der Taufe gehoben hat.
Wunderbares Frühlingswetter zieht die Menschen auf die Straße. In der Tailfinger Mitte ist an diesem Freitagvormittag schon ziemlich viel los. Schließlich haben die vielen Marktbeschicker wieder ihre Stände aufgebaut. Hier duftet es nach frischen Backwaren, dort nach würzigem Käse.
Überall findet man Obst und Gemüse, das die gesamte Farbvielfalt abdeckt. Vor allem Erdbeeren und Spargel locken heute die Kunden an. An der einen Ecke kann man Honig vom Imker kaufen, an der anderen Ecke Eier von frei laufenden Hühnern.
Es gibt Fisch, Fleisch, Wurst. Auch heiße, um sie sofort verspeisen zu können. Dazu lässt man sich am besten auf den Bierbänken unter Sonnenschirmen nieder.
Hauptsächlich Rentner
Hier auf dem Wochenmarkt scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Man sieht sich, man grüßt sich, man nimmt sich Zeit. Wenn man erst einmal einen Parkplatz in den Straßen rund um die Fußgängerzone ergattert hat. Die ersten sitzen schon im Außenbereich des Eiscafés und gönnen sich die kalte, fruchtige Köstlichkeit. Andere stehen in Grüppchen und sind ins Gespräch vertieft. Gabi Stotz sitzt in ihrem Marktwagen, erzählt, dass ihre Tochter Bianca, die vor über zwei Jahren in Balingen die „Nudelmacherin“ übernommen hat und unter dem Namen „Basta“ frische Pasta, Pesto, Maultaschen und mehr anbietet, schon seit längerer Zeit versucht habe, einen Platz auf dem Tailfinger Wochenmarkt zu bekommen. Im Januar 2026 hat es dann schließlich geklappt.
Auf dem Balinger Wochenmarkt sei allerdings mehr los, bemerkt Gabi Stotz, aber der finde ja auch an einem Samstag statt. Freitagvormittags haben die Berufstätigen eben keine Zeit. Das ist auch der Grund, dass Rentner das Bild auf dem Tailfinger Markt bestimmen. Inzwischen kämen allerdings auch verstärkt junge Frauen mit Kinderwägen, bemerkt Ralf Kästle vom Kästle-Hof in Ostrach. Kartoffeln und Eier stapeln sich an seinem Stand. Den Erfolg des Tailfinger Wochenmarkts, auf dem er zu 90 Prozent Stammkunden bedient, sieht der Kartoffelbauer im Erlebniseinkauf: „Man trifft Leute, unter Umständen alte Schulfreunde, hat Unterhaltung, wird persönlich bedient und beraten.“ Dass sich zunehmend junge Mamas einfinden, liegt wohl daran, dass der Fokus in den Familien verstärkt auf gesunde Ernährung gelegt wird, liefert Ralf Kästle eine mögliche Erklärung.
Wie lange er schon hier vertreten ist? Sehr lange. Genau kann er es gar nicht sagen. Aber er weiß, dass sein „Nachbar“ von Beginn an dabei war. Und tatsächlich bezeichnet sich Alfred Merz vom Weiherhof in Hogenzell lachend als „Opa des Marktes“. Der 71-Jährige kommt allerdings kaum dazu, aus dem Nähkästchen zu plaudern, so umlagert ist sein Obst und Gemüse. Jede Woche nimmt er die Strecke von rund 80 Kilometern aus Ravensburg in Kauf und kennt seine Kundschaft so gut, dass er von deren Vorlieben weiß und prompt aus der Vielzahl der Apfelsorten die passende aussucht, als eine Stammkundin kommt. Wie lange sie schon auf dem Wochenmarkt einkauft? „Schon immer“, lautet die vielsagende Antwort. „Der Markt ist von Anfang an gut gegangen. Was ihm in den 40 Jahren geschadet hat, waren Bautätigkeiten auf dem Platz und damit verbundene Verlagerungen. Sonst nichts“, stellt Alfred Merz fest, der auf Friedrich Pommerencke verweist, wenn man mehr wissen will.
Markt lief seit Beginn gut
Als hätte er seinen Namen gehört, steht der ehemalige Stadtrat und Bäckermeister im Ruhestand neben Alfred Merz und verteilt Informationen des Gewerbe- und Handelsvereins Tailfingen. Angesprochen auf den Wochenmarkt, kommt der Senior ins Plaudern und Schwärmen. Als er vor über 40 Jahren mit Frau und zwei Kindern nach Tailfingen gezogen sei und dort seine Bäckerei eröffnet habe, sei er sehr schnell auf den Gedanken gekommen, dass sich hier etwas ändern müsse. „Wir haben dann aus einer toten Stadt, in der nur gestrickt und auswärts gegessen wurde, etwas gemacht“, erinnert sich der gesprächige Bäckermeister. Mit 80 Mitgliedern wurde dann sehr schnell der Gewerbe- und Handelsverein gegründet und vor genau 40 Jahren der Wochenmarkt ins Leben gerufen. Da samstags alle Marktbeschicker schon in anderen Städten ihren Stand aufschlagen, war schnell klar, dass man das Geschehen auf einen Freitag legt.
Friedrich Pommerencke könnte noch ewig erzählen. Davon, dass er die Spider Murphy Gang nach Tailfingen geholt hat und über 10.000 Leute kamen. Ebenso viele wie bei der Band Relax aus München. Vieles hat man auf die Beine gestellt, um Tailfingen zu beleben. Und der Bäckermeister, der heute noch stets mit seiner Gattin in seinem Wohnort unterwegs ist und natürlich auch den Wochenmarkt für seine Einkäufe nutzt, hat einiges dazu beigetragen.
Wichtig war ihm damals übrigens, dass die Leute in der Nähe einen Parkplatz finden, damit der Markt auch angenommen wird. Dass freitags nicht unbedingt Berufstätige kommen können, gleicht sich nach Ansicht von Gemüsebauer Alfred Merz dadurch aus, dass die Kunden schon einen Tag früher ihre frische Ware bekommen.