Seit 2018 leitet Claudia Haasis das Haus Bittenhalde in Tieringen, das Ende 2026 geschlossen werden soll. Foto: Christoph Holbein

Auch wenn die Dachterrasse frisch renoviert ist – vermutlich muss das Haus Bittenhalde verkauft werden. „Das ist sehr schmerzhaft“, sagt Dekan Michael Schneider.

Einzelzimmer? Doppelzimmer? Oder gar ein Schäferwagen? Wer im Haus Bittenhalde tagt, hat die Auswahl unter vielen Übernachtungsmöglichkeiten – noch. „Im Schäferwagen dem Himmel ein Stück näher“ wirbt das Team der evangelischen Tagungsstätte. Dem mutmaßlichen Ende jedenfalls ist der Tagungsort nach Meinung der evangelischen Kirchenbezirke Balingen und Rottweil ein Stück näher.

 

Weniger Kirchenmitglieder, weniger Kirchensteuern – auch die Kassen des Dekanats sind nicht mehr so prall gefüllt wie einst. Die Landeskirche hat, so Dekan Michael Schneider, in den vergangenen vier Jahren jeweils 5000 Mitglieder verloren. 55 Millionen Euro liege die Kirche unter dem Planwert, 103 Millionen Euro müsse die Landeskirche einsparen.

Damit sich das Haus Bittenhalde rechnet, müssten mehr als 11 000 Übernachtungen pro Jahr verbucht werden. Es wird aber 3000 Mal zu wenig in der Tieringer Tagungsstätte genächtigt. Zudem kommen zu wenige Schulklassen, und selbst in den eigenen Reihen, bei Klausurtagungen der Kirchengemeinderäte zum Beispiel, werden die „Soll-Zahlen“ an Übernachtungen nicht mehr erreicht.

Am 31. Dezember 2026 ist Schluss

Im Januar äußerten sich die Balinger und Rottweiler bereits dahingehend, dass sie die Absicht hätten, das Haus aufzugeben. Anfang Februar wurden der Vorstand und die Mitarbeiter informiert.

Die Bezirkssynode hat am 14. März beschlossen, dass der Betrieb der Tagungsstätte Haus Bittenhalde zum 31. Dezember 2026 aufgegeben wird. Der Beschluss im Wortlaut: „Die Verbandsversammlung soll darauf hinwirken, dass der Betrieb der evangelischen Tagungsstätte Haus Bittenhalde zum 31. Dezember 2026 aufgegeben werden kann.“

Das Ziel: Alternativen für die Mitarbeiter finden

Die erforderlichen Schritte seien in die Wege zu leiten, so dass den Mitarbeitenden der Tagungsstätte Arbeitsplätze in den Kirchenbezirken Balingen oder Rottweil – oder in anderen Einrichtungen der Landeskirche – angeboten werden können. Die Mitglieder der Verbandsversammlung aus dem Kirchenbezirk Balingen respektive Kirchenbezirk Rottweil wurden angewiesen, ihr Stimmrecht im Sinne des Beschlusses der Bezirkssynode auszuüben.

Die erste Freizeit war kurz nach Kriegsende

Diese tagt am 11. Juli und wird über den Fortbestand oder das Ende des geschichtsträchtigen Hauses entscheiden. Im Dezember 1945 öffnete Erich Franke, Bezirksjugendwart, sein Haus für junge Menschen – die erste Freizeit war geboren. 1957 eröffnete der Kirchenbezirk Balingen das so genannte „Landheim“.

Seit dem ist das Haus stetig erweitert worden – ebenso, wie das Angebot. Es kann getagt und gefeiert werden, aus der hauseigenen Küche kommt frisches Essen auf den Tisch.

Die Orangerie ist noch fast nagelneu

Der „Orangerie“ genannte Tagungsraum wurde 2019 komplett saniert. Beamer, Medienwagen und ein Steinberg-Klavier aus Thüringen werden hier vorgehalten.

Außerdem fungiert das Haus als Veranstaltungsort für Konzerte, Vorträge und Seminare, bei denen es durchaus kreativ zugehen kann, beim Speckstein-Atelier zum Beispiel. Dekan Schneider gegenüber unserer Redaktion: „Mir ist wichtig, dass wir zusammen mit der Leitung gute individuelle Lösungen für die Mitarbeiter finden. Wir lassen niemanden im Regen stehen.“

So viele Erlebnisse und Begegnungen

Es sei ein schmerzhafter Gedanke und auch Prozess, das Haus mit solch einer langen Geschichte, mit Erlebnissen und Begegnungen, die viele Menschen geprägt haben, aufzugeben. Die Entscheidung habe auch nichts mit dem aktuellen Management zu tun.

Die Rahmenbedingungen für ein Tagungshaus in kirchlicher Trägerschaft seien seit Jahren sehr ungünstig. „Kirche muss sich aufgrund der Rahmenbedingungen künftig leider auf weniger Angebote fokussieren“, so Schneider.