Der „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber hat ein Buch darüber geschrieben, wie es gelingt angesichts der Flut schlechter Nachrichten optimistisch zu bleiben. Manchmal hilft es umzuschalten – was das bedeutet, erklärt er im Gespräch.
Constantin Schreiber sitzt in vorderster Front schlechter Nachrichten. An manchen Tagen jagt eine Krise die andere. Als Gesprächspartner ist ihm davon nichts anzumerken. Manchmal muss man von den schrecklichen Dingen absehen, um ihnen gerecht zu werden. So lässt sich seine Glücksstrategie zusammenfassen – und die kann man lernen.
Herr Schreiber, eine große deutsche Wochenzeitschrift geht gerade mit einem Newsletter an den Start, der nur gute Nachrichten enthält. Würden Sie sich so etwas für die „Tagesschau“ auch manchmal wünschen?
Nachrichten sind Nachrichten. Es geht darum, abzubilden, was in der Welt passiert, und das Ganze möglichst objektiv und ausgewogen. Wenn die Welt so ist, wie sie ist, dann muss man das auch darstellen. Insofern ist so etwas sicherlich ein netter Versuch, um die Leute nicht zu verschrecken. Aber ich denke, darum geht es nicht.
Sie skizzieren in Ihrem neuen Buch die unbestrittenen Übel der Zeit: Corona, Krieg, Flucht, Klimawandel, soziale Spaltung, Inflation. Und trotzdem wenden Sie sich gegen das, was Sie den panischen Zeitgeist nennen. Haben wir keinen Grund zur Panik?
Keine Frage, die Bedrohungen sind ernst, und natürlich muss man sie klar benennen. Die Frage ist nur: Wie allumfassend will man dem in seinem Leben Raum verschaffen? Früher hat es auch schlimme Ereignisse gegeben, aber man konnte auch einfach mal die Zeitung weglegen oder nach den Nachrichten auf eine Unterhaltungssendung umschalten. Das ist heute anders. Und eine wichtige Rolle spielen dabei die sozialen Medien. Wenn ich einmal im Handy auf eine negative Nachricht geklickt habe, versorgen mich die Algorithmen zuverlässig mit immer mehr davon. Das ist es, womit dieser panische Zeitgeist angefüttert wird. Man wird in einen Abwärtsstrudel aus Negativität und schlechten Nachrichten gerissen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das nicht gut ist und dass man sich dagegen aktiv wappnen muss.
Eigentlich ein lustiges Paradox, dass ein Nachrichtensprecher für das Abschalten plädiert.
Ich bin für Umschalten, nicht für Abschalten. Als Journalist ist für mich selbstverständlich das oberste Ziel, dass die Leute informiert bleiben. Davon lebt die Demokratie. Aber ich glaube, dass es auch eines Gegengewichts bedarf. Und da muss ich auch mal bewusst andere Dinge in mein Gehirn lassen außer schlechten Nachrichten.
Sie beschreiben, wie das ständige Verkünden von Hiobsbotschaften auch bei Ihnen Spuren hinterlassen hat. Ist Ihr Buch eine Art Selbsttherapie?
Nicht das Buch ist die Therapie. Aber es handelt davon, was man dem Überwältigtwerden von Negativem entgegensetzen kann. Was ich beschreibe, habe ich selbst erlebt und ausprobiert, ich möchte es weitergeben – verbunden mit dem Appell, wieder mehr Freude im Leben zu haben.
Dazu soll eine Art Glückstraining verhelfen.
Das sind eigentlich ganz einfache Dinge. Doch wenn man versucht, sie im Alltag umzusetzen, merkt man erst, wie schwierig es ist, den Schalter umzulegen. Kaum sitzt man in der Bahn, starrt man schon wieder auf sein Handy. Das Gleiche, wenn man irgendwo warten muss. Schon ist man wieder im Sog der Nachrichten. Man könnte stattdessen ja auch mal jemand anrufen oder in die Natur gehen. Den eingeübten Reflexen zu widerstehen, ist härter als man denkt.
Musik, Reisen, Natur, Essen, Spiritualität: Ist die Stimulation der privaten Glücksempfänglichkeit nicht so etwas wie die Fensterverdunkelung für Fliegende, die bei Turbulenzen meinen, sie müssten ja nicht noch sehen, wie das Ende naht. Worin unterscheidet sich guter von schlechtem Eskapismus?
Im Sprachgebrauch ist Eskapismus eher negativ besetzt. Doch Psychologen unterscheiden da genauer. Das Kriterium ist, ob mir eine vorübergehende Ablenkung Kraft und Elan gibt, mich danach umso inspirierter mit den drängenden Problemen auseinanderzusetzen. Oder ob ich mich in einer Ersatzwirklichkeit aus Büchern, Filmen, Alkohol oder Drogen verliere. Letzteres ist natürlich destruktiv. Insofern kommt es immer darauf an – Eskapismus kann durchaus Gutes bewirken.
Man könnte Ihr Buch auch lesen als ein Aufbäumen des Optimismus der Spaßgeneration, zu der Sie sich bekennen, gegen den Pessimismus der letzten Generation.
Das ist gar nicht schlecht gesagt. Es ist ja nicht so, dass ich meiner Generation vollkommen unkritisch gegenüberstehen würde. Natürlich kann man da vieles hinterfragen. Soziale Ungleichheit, Rassismus, Klimawandel hatten für uns nicht die Bedeutung, die diese Themen verdienen. Und das war nicht gut. Aber dafür haben wir noch einen Optimismus verspürt, der uns eine gewisse Resilienz und Zukunftsfreude verschafft hat. Wir waren noch gespannt, auf das, was kommt. Vielleicht müsste man beides zusammenführen: Eine wesentlich kritischere Betrachtung des Hier und Jetzt mit einem starken, widerstandsfähigen Urvertrauen. Dann wäre man, glaube ich, in der gesunden Mitte.
Möglicherweise hat die Sorglosigkeit der Spaßgeneration das Gefühl der nachfolgenden Generation erheblich verstärkt, die Welt retten zu müssen.
Das ist sicherlich nicht falsch. Vermutlich hätten wir mehr Stärke demonstrieren müssen. Andererseits saßen wir nicht an den Schalthebeln der Macht. Letztlich sind die Probleme, denen wir heute konfrontiert sind, eine Form des Politikversagens. Was uns mit dem Klimawandel ins Haus steht, und was die Ursachen davon sind, war schon viel früher bekannt. Sicherlich hätte man das als junger Mensch thematisieren können. Aber das Grundproblem ist eine Politik, die seit vielen Jahrzehnten immer nur kurzfristig plant, über eine Legislaturperiode nicht hinausschaut und sich für das, was später passiert, nicht interessiert.
Ist angesichts dieses Politikversagens die Politisierung der Lebenswelt, die Sie beklagen, so schlimm?
Da sind wir wieder bei dem Unterschied zwischen Abschalten und Umschalten. Natürlich muss man sich mit den akuten Angelegenheiten, die unser Dasein bestimmen, auseinandersetzen. Aber es sollte doch auch mal möglich sein, dass man sich bei einem Abendessen noch über andere Dinge unterhält als über Fragen wie Gendern Ja oder Nein, vegane Ernährung, oder Bürgergeld. Oder dass man bei einem Museumsbesuch nicht nur darauf achtet, ob auch genug Werke von Künstlerinnen an den Wänden hängen. Statt überall nur noch Überzeugungen auszutauschen wäre es schön, es gäbe auch noch Räume, in denen man Zerstreuung oder Leichtigkeit finden kann, einfach durch ein Gespräch über etwas Schönes und Unverfängliches.
Info
Autor
Constantin Schreiber wurde 1979 in Cuxhaven geboren. Als Jugendlicher lebte er längere Zeit in Syrien. Nach seinem Jura-Studium volontierte er bei der Deutschen Welle, für die er danach als Korrespondent aus Dubai berichtete. Beim Auswärtigen Amt war er als Medienberater für den Nahen Osten tätig. Seine deutsch-arabische Talkshow „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ wurde er 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seit 2021 spricht er die 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“. Zuletzt erschien sein Roman-Debüt „Die Kandidatin“. Schreiber lebt mit seiner Familie in Hamburg.
Buch
Constantin Schreiber: Glück im Unglück. Hoffmann und Campe. 160 Seiten, 22 Euro.
Termin
Am 25. April stellt Constantin Schreiber sein Buch im Stuttgarter Buchhaus Wittwer Thalia vor.