Ist in Ägypten und in Deutschland auf Sendung: Constantin Schreiber Foto: dpa/Jörg Carstensen

Auch er weiß, wie es ist, angefeindet zu werden: Nachrichtensprecher Constantin Schreiber über die „Tagesschau“, Vorbilder und sein TV-Magazin in Ägypten.

Berlin - „Es ist erstaunlich, wie schnell man eine Sprache lernen kann, wenn man es wirklich muss“, sagt Constantin Schreiber. In Interview spricht der Tagesschau-Sprecher über seine Arabisch-Kenntnisse, Journalisten, die von Security-Kräften geschützt werden, und über fehlende Leichtigkeit in Deutschland.

 

Herr Schreiber, ich muss Ihnen gestehen, ich habe Sie zuerst vollkommen unterschätzt . . .

Es ist ja niemals schlecht, ein wenig unterschätzt zu werden.

Ich habe Sie zunächst wie Millionen andere Menschen auch als neues Gesicht der „Tagesschau“ kennengelernt. Dann sah ich: Der Mann spricht Arabisch, schreibt Bücher, gründet Initiativen. Wie bringen Sie das alles zusammen?

Es ist schon immer eine Menge los. Manche Leute fragen mich, warum ich so viel gleichzeitig mache. Dabei sind es natürlich auch meine Interessen, die mich antreiben. Ich bin neugierig auf viele Themen und dann kommt mir das alles gar nicht so stressig vor, wie es vielleicht manchmal von außen wirkt. Das Wunderbare am Journalismus ist ja, dass er nicht nur ein Beruf ist, sondern auch, großes Wort, eine Berufung. Er bietet die Möglichkeit, Interessen nachzugehen.

Es macht Ihnen also keine Probleme, all Ihre Aktivitäten zu koordinieren?

Nein. Ich glaube zwar, dass ich sehr chaotisch bin, aber ich beherrsche mein Chaos ganz gut. Es wirkt nur von außen oftmals spontan und unkoordiniert.

Wo sind Sie denn der größere Fernsehstar – in Deutschland, wo Sie die „Tagesschau“ moderieren, oder in Ägypten, wo Sie ein Wissenschaftsmagazin präsentieren?

Eindeutig in Deutschland mit der „Tagesschau“. Diese Sendung hat nun einmal eine besondere Position und Reichweite. Wie in vielen anderen Ländern gibt es in Ägypten gar keine einzelne Nachrichtensendung, die ein so großes Publikum wie die „Tagesschau“ allabendlich vor dem Bildschirm versammelt. Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, dass es bei uns so etwas wie die „Tagesschau“ noch gibt. Die Sendung, die ich in Ägypten gemacht habe, wird jetzt in der Coronazeit wiederholt. Die aktuellere Sendung, die ich in Ägypten noch mache, ist eine Talkshow zu Themen der Migration.

Können Sie mit dieser Talkshow Einfluss nehmen auf das Migrationsgeschehen?

Ich kann zumindest die Debatte um das Thema mitprägen und neue Aspekte hineinbringen. Wir sprechen über Vor- und Nachteile der Migration nach Europa. Es kommt für die Migranten darauf an, dass sie auch etwas mitbringen, Bildung zum Beispiel. Viele Träume von Migranten haben sich später nicht erfüllt. Viele hatten das Gefühl, doch nie richtig anzukommen, vielleicht auch, weil die Umgebung es Ihnen nicht leicht gemacht hat.

Karl-Heinz Köpcke, Hanns Joachim Friedrichs, Dagmar Berghoff: Haben Sie ein Vorbild unter den Legenden des deutschen Nachrichtenfernsehens?

Da gibt es nicht nur die eine Person. Es gibt verschiedene Kolleginnen und Kollegen, die ich sehr achte, ob es eine Marietta Slomka mit ihren Interviews ist, ein Peter Kloeppel, der mich mit seiner Berichterstattung damals von den Anschlägen vom 11. September regelrecht gefesselt hat. Ich schätze auch Claus Kleber, der für meine Entwicklung als Journalist prägend gewesen ist. Für mich gehört in diese Reihe aber auch Dunja Hayali, die ich als Volontär bei der Deutschen Welle kennengelernt habe, lange bevor sie ihre heutige Flughöhe erreicht hatte. Sie alle haben mich sehr inspiriert.

Was schauen Sie sich ab?

Marietta Slomka verdanken wir Sternstunden politischer Interviews im Fernsehen. Dunja Hayali hat auch mit ihren Aktivitäten jenseits des Fernsehens dafür gesorgt, dass Journalismus mehr bedeutet, als eine Sendung zu präsentieren. Sie hat gezeigt, wie man Journalismus ganzheitlich prägen kann.

Das bedeutet aber auch, sich in Konflikte zu begeben. Dunja Hayali erlebt viele Anfeindungen. Geht Ihnen das auch so?

Es kommt darauf an, was ich gerade publiziere. Natürlich werde ich angefeindet, von rechts, von links, von Medienskeptikern. Insgesamt ist es gerade leider sehr en vogue, Journalisten anzugreifen. Das geschieht nicht mehr nur im digitalen Raum, sondern auch draußen auf der Straße. Das gehört zum Dasein des Journalisten aktuell leider dazu. Dabei geht es ja nicht um sachliche Kritik, sondern um wirkliche Anfeindungen.

Haben Sie das nicht auch erlebt bei einer Diskussionsveranstaltung, bei der Sie mit Security unterwegs waren?

Es war so, dass ich von einem muslimischen Verein eingeladen worden war. Die Polizei kam dort von sich aus auf uns zu. Ich stieg aus dem Auto und war gleich von Polizisten begleitet. Sie haben mich nach der Diskussion auch zum Auto zurückgebracht. Für mich war das eine Ausnahme. Es gibt aber viele Kolleginnen und Kollegen, die nur noch mit Security zu Querdenker-Demos gehen. Da hat sich für Journalisten definitiv etwas sehr verändert.

Kommen wir auf Ihre Kenntnis des Arabischen zurück. Wie haben Sie die Sprache gelernt?

Es war Learning by Doing. Ich habe keinen Kurs besucht. Als ich nach dem Abitur nach Syrien gegangen bin, war ich bei einer Familie, in der kaum jemand eine Fremdsprache sprach. Ich war daher gezwungen, schnell auf Arabisch kommunizieren zu können. Es gab weder Smartphone noch Facetime. Ich konnte nur mit einem alten Telefon zu Hause anrufen, was aber sündhaft teuer war. Es gab auch kein deutsches Fernsehen. Ich war in einer anderen Welt und habe dann einfach die Sprache gelernt. Syrischen Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind, erging es ja ebenso. Viele von ihnen sagen das Gleiche, was ich auch dazu sage: Es ist erstaunlich, wie schnell man eine Sprache lernen kann, wenn man es wirklich muss.

Sie sind als junger Mann in Syrien gewesen. Seit Jahren ist das Land von einem furchtbaren Bürgerkrieg zerrissen. Wie schauen Sie heute auf das Land?

Ich habe schon noch Kontakte, auch wenn viele Menschen inzwischen geflüchtet sind. Die Menschen, die geblieben sind, äußern sich sehr unterschiedlich. Gerade unter den Christen gibt es auch viele Anhänger Assads. Das ist ein fürchterlicher Diktator, der für schrecklichste Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht werden muss. Gleichzeitig setzen viele Christen auf ihn, weil sie fürchten, dass nach ihm eine islamistische Herrschaft käme. Lange Zeit sah es ja danach aus, dass der IS vor der Tür steht. Die Lage ist nicht so eindeutig, wie sie von außen manchmal erscheint.

Die arabische Welt wird im Westen als zerstritten wahrgenommen. Rücken Sie bitte dieses Bild gerade: Was sollten wir an der arabischen Welt und ihrer Kultur unbedingt schätzen?

Es gibt nicht nur die eine arabische Kultur. Die Länder dieses Raumes sind sehr unterschiedlich. Auch wenn der Gedanke nicht sehr tiefschürfend klingen mag – ich schätze die Leichtigkeit des Seins in dieser Sphäre der Welt. Das ist unglaublich angenehm. Das ist etwas, was uns in Deutschland manchmal fehlt, ein bisschen Gelassenheit.

Muslime in Deutschland werden derzeit besonders kritisch gesehen. Populisten sprachen im Hinblick auf die gegen Israel gerichteten Proteste in deutschen Städten von einem importierten Antisemitismus. Stimmen Sie dieser Beobachtung zu?

Mit der Begrifflichkeit tue ich mich sehr schwer. Wenn es um Antisemitismus in Deutschland geht, dann ist der zunächst einmal ein heimisches Phänomen. Da muss nicht viel importiert werden. Deshalb würde ich das so nicht sagen. Natürlich kommen auch Menschen zu uns, die einen anderen Umgang mit Israel vermittelt bekommen haben, durch Politik, durch Medien, durch ihr Umfeld. Der Nahostkonflikt betrifft sie auch unmittelbarer. Der Umgang mit Israel und dem Judentum, wie wir ihn pflegen, findet da so nicht statt. Da gibt es ein Spannungsfeld, das man nicht ausblenden darf.