Die Gesellschaft lebt von aktiven Bürgern wie Esther Harr. Die ehemalige Lehrerin ist ehrenamtlich in der Tagespfleg der Diakonie in Nagold engagiert. Sie schenkt den Gästen dort etwas besonders Wertvolles: viel Zeit. Wir porträtieren die Rohrdorferin im Rahmen unserer Serie „Blickpunkt Ehrenamt“.
Die Senioren sitzen nach dem gemeinsamen Frühstück zusammen und starten in die „Zeitungsrunde“. Die aktuellen Geschehnisse – ob große oder kleine – werden den Besuchern der Tagespflege vorgelesen. Die Stimmung ist sehr gut, das liegt auch an Esther Harr, die wie fast jeden Mittwoch den ganzen Tag mit den Menschen dort verbringt.
Die ehemalige Lehrerin der Lembergschule suchte nach der Pensionierung eine sinnvolle Aufgabe. Ein Flyer der Diakonie mit einem „etwas anderen Seniorennachmittag“ weckte ihr Interesse. Dort wurden ehrenamtliche Mitarbeiter zur Betreuung von Menschen mit dementiellen Erkrankungen gesucht.
Esther Harr stieg ein. An zwei Nachmittagen im Monat begegnete sie fortan Menschen, die einfach dankbar sind für gelebte Gemeinschaft. Beim gemeinsamen Kaffeetrinken, Singen, Rätseln oder Basteln spüre sie große Freude. Schön sei es vor allem, jedem Einzelnen Aufmerksamkeit zu widmen, zuzuhören, zu ermutigen – und „einfach nur da zu sein“.
Sie ist schon lange ehrenamtlich tätig
Schon vor der Arbeit in der Tagespflege war sie Hospizhelferin in Altensteig. Dort durfte sie Menschen „auf einem Stück Lebensweg begleiten“. Die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit, Menschen in der letzten Phase ihres Lebens zu begleiten, hat sie dort ganz besonders gespürt.
Die Tagespflege der Diakoniestation Nagold liegt auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände am Riedbrunnen. Die neu erbauten, lichtdurchfluteten Räume bieten für alle, die Zuhause in ihrem gewohnte Umfeld leben und Pflege und Unterstützung benötigen, einen Ort, für vielfältige Angebote und Aktivitäten. Die Angehörigen können dadurch auch ein oder mehrere Tage in der Woche entlastet werden.
Anfang 2019, kurz nach der Errichtung des Gebäudekomplexes in der Lindachstraße wurde Esther Harr angefragt, ob sie es sich nicht vorstellen könne, das Team zu unterstützen. „Gerne sagte ich zu und helfe seitdem an einem Tag in der Woche mit“, erzählt Harr.
Der Tag beginnt, nachdem alle zusammen gefrühstückt haben, mit einem geistlichen Impuls und endet am Abend mit einem gemeinsamen Gebet. Der Glaube spiele für sie schon eine Rolle, vor allem das Gebot der Nächstenliebe, erzählt die engagierte Rohrdorferin.
Von acht Uhr morgens bis um halb fünf abends begleitet Esther Harr die Menschen, die ihr sehr ans Herz gewachsen sind. Das beruht natürlich auf Gegenseitigkeit. Die 76-Jährige gibt sich auch viel Mühe, ein abwechslungsreiches, förderndes und forderndes Programm für alle zusammenzustellen.
Immer wieder neue Ideen um die Menschen zu aktivieren
Heute steht alles unter dem Motto Wasser. „Ich schaue vorher, was es alles zu dem Thema gibt und was sich anbietet“, sagt sie. Dafür investiert sie gerne etliche Stunden in der Vorbereitung. Es steht ein gefüllter Waschzuber bereit und die Damen und Herren dürfen sich daran versuchen, nur durch das Eintauchen mit der Hand die Temperatur zu schätzen. Nachher misst das Thermometer, wie warm oder kalt es wirklich ist.
Vom Waschen ist es nicht mehr weit zur Wäsche, so darf jeder ausgerüstet mit Wäscheklammern, eine Kleinigkeit an einer Leine aufhängen. Es sei wichtig, alle einzubinden und für jeden ein Erfolgserlebnis bereit zu halten. Das Augenmerk liege darauf den Tag mit Leben zu füllen, sowie die körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu erhalten. „Dazwischen bleibt viel Zeit, Kontakte zu knüpfen und Sorgen und Nöte zu teilen“, fügt die ehemalige Pädagogin mit einem Lächeln hinzu.
„Ein Lächeln, eine Umarmung oder einfach ein Danke“
Sie fühle sich wertgeschätzt und fühle vor allem den Sinn hinter ihrer Aufgabe. Es brauche nicht viel: ein Lächeln, eine Umarmung oder einfach ein Danke. Oft gibt es eine Rückmeldung der Gäste in der Tagespflege. Esther Harr: „Wenn die dann sagen, heute war ein schöner Tag, dann erfüllt mich das mit großer Dankbarkeit.“
Ihr gebe das Ehrenamt viel, doch es komme auch soviel zurück. Wenn man bei Kaffe und Kuchen, natürlich selbst gebacken von der ehemaligen Hauswirtschaftslehrerin, zusammensitzt kommt für alle ein Gefühl der Geborgenheit auf. „Es geht darum Zeit zu schenken“, sagt sie, und das könne jeder.
Serie
Blickpunkt Ehrenamt
Die Gesellschaft lebt von aktiven Bürgern, die mitgestalten. Das Ehrenamt trägt in vielfältiger Weise zum Gemeinwohl aller bei. Unsere Serie will einen Einblick geben, wie sich Menschen für Andere engagieren.