Anna Porbadnigk informiert über die Arbeit von Tageseltern. Foto: Fritsch

Die Kindertagespflege gilt als die zweite Säule der Kinderbetreuung in Deutschland. Allerdings ist sie vielen Eltern noch unbekannt. Tagesmutter Anna Porbadnigk möchte das ändern – mit einer Ausstellung im eigenen Garten.

Nagold-Emmingen - Pünktlich zur bundesweiten Aktionswoche "Gut betreut in Kindertagespflege" hat Porbadnigk ihre "Gartenzaun-Ausstellung" aufgebaut. Noch bis zum 10. Mai können sich Interessierte auf ihrem Grundstück im Malmenweg 16 in Emmingen über das Thema Kindertagespflege informieren.

Dort stellen sich verschiedene Tagesmütter aus der Region anhand von Steckbriefen vor und erläutern ihre Beweggründe, warum sie sich für die Kindertagespflege entschieden haben. Auch Tageskinder und deren Eltern haben an der Ausstellung mitgewirkt, um die Kindertagespflege aus allen Perspektiven zu beleuchten. Zudem werden Flyer und Visitenkarten ausgelegt – interessierte Eltern haben aber auch die Möglichkeit, gleich vor Ort mit einer Tagesmutter ins Gespräch zu kommen und sich näher zu informieren. Wenn das Wetter mitspielt, soll es Luftballons für die Kinder geben – eine Ausstellung für die ganze Familie also.

Seit 2019 Tagesmutter

Anna Porbadnigk arbeitet seit 2019 als Tagesmutter. Sie hat drei eigene Kinder und betreut aktuell drei weitere als Tageskinder. Porbadnigk hat für ihre eigenen Kinder bereits selbst Tagespflege in Anspruch genommen und deshalb auch die Sichtweite, wie es ist, sein Kind an eine Tagesmutter abzugeben. Als gelernte Erzieherin kennt sie zudem den Unterschied zur institutionellen Betreuung. "Es war mir wichtig, etwas für die Aktionswoche beizutragen", erzählt Porbadnigk. So habe sie sich für eine kontaktlose Ausstellung im Freien entschieden. Damit würde man mehr Menschen erreichen, als mit einer digitalen Veranstaltung, sagt sie. Das Ziel: Die Kindertagespflege bei den Eltern bekannt machen und um eine Qualifizierung zur Tagesmutter oder zum Tagesvater werben.

"Viele Eltern wissen gar nicht, dass sie eine Wahlmöglichkeit haben", erzählt Marion Sailer-Spies. Sie ist seit 2016 für die Qualifizierung und Beratung von Tageseltern beim Evangelischen Tageselternverein zuständig. Sie selbst nimmt Kindertagespflege für ihre eigenen Kinder in Anspruch. Die Kinderbetreuung bestehe aus zwei gleichwertigen Säulen – der Kindertagespflege und den Kindertagesstätten. Bei Kindern im Alter von ein bis drei Jahren hätten die Eltern bei der Betreuung ein komplettes Wahlrecht. Auch für Schulkinder bis 14 Jahre werde Tagespflege angeboten – ergänzend zur Schule.

"Insgesamt gibt es drei verschiedene Formen der Kindertagespflege", erklärt Sailer-Spies. Zum einen die Tagespflege in anderen geeigneten Räumen, genannt "Tiger" – also Betreuung, die nicht im eigenen Haushalt stattfindet. Zudem gebe es die Betreuung im eigenen Haushalt, die auch Anna Probadnigk anbietet. Größere Haushalte können zu einer Großtagespflegestelle werden, in der dann mehrere Kinder von einem Team betreut werden. Variante Nummer drei: Eine Kinderfrau oder ein Kindermann. Bei dieser Betreuungsform kommen die Tageseltern direkt zu den Kindern nach Hause. Der Vorteil: "Die Kinder können in ihrer gewohnten Umgebung bleiben", sagt Sailer-Spies.

Tageseltern seien allerdings keinesfalls "teure Babysitter", betont sie – alle würden über eine spezielle Qualifizierung verfügen. Diese gebe den Eltern Sicherheit. Aktuell dauere die Ausbildung ganze 160 Stunden – eine Erhöhung auf 300 Stunden sei allerdings schon im Gange. Auch verpflichtende Fortbildungen würden für die Tageseltern regelmäßig auf dem Programm stehen. So werde die Qualität der Betreuung ständig verbessert – und die Bedenken, die einige Eltern noch hätten, seien demnach unbegründet.

Auch die finanzielle Anforderung sei vielen noch unklar: Sailer-Spies weist explizit darauf hin, dass es sich nicht um eine "Luxusvariante" handle. Die Kindertagespflege werde durch das Landratsamt gefördert und die Kosten seien vergleichbar mit denen einer Einrichtung. "Egal, wo sie ihr Kind haben, es macht keinen Unterschied", betont Sailer-Spies.

Beide Betreuungsformen hätten ihre Vor- und Nachteile. Aber: "Die Vorteile der Kindertagespflege überwiegen bei weitem", findet Porbadnigk. So habe das Kind nur eine Bezugsperson, was für große Verbundenheit sorge und eine engere, familienähnliche Beziehung ermögliche. Viele Kinder würden sich noch lange an ihre Tageseltern zurückerinnern – bei Erziehern sei dies seltener der Fall. Zudem könne man individueller auf die Kinder eingehen, beispielsweise bei besonderen Ernährungsformen. Auch die Betreuungszeiten seien viel flexibler: "Wenn die Eltern erst um 10 Uhr zur Arbeit gehen, dann kommen die Kinder erst dann zur Tagesmutter", erzählt Porbadnigk. Die Eltern können demnach jede freie Sekunde mit ihren Kindern verbringen. Auch eine Betreuung bis spät in den Abend sei möglich. In einer Einrichtung gebe es dagegen keine Alternativen: "Dort ist immer um 17 Uhr Schluss." Viele Tageseltern würden zudem das Angebot machen, die Kinder nur an ein oder zwei Tagen in der Woche zu betreuen. Auch Betreuung über Nacht und am Wochenende sei möglich.

Wegen Corona aktuell nur Notbetreuung

Aktuell gebe es aufgrund von Corona allerdings nur Notbetreuung – wie auch in den Kindertagesstätten. "Was für Kitas gilt, gilt auch für uns", erklärt Porbadnigk. Davon seien insbesondere die Schulkinder betroffen. "Die sind vom ewigen hin und her irritiert", sagt Porbadnigk und spielt damit auf die ständig wechselnden Vorgaben der Politik an. Sie selbst sei gerade relativ gut ausgelastet, andere Tagesmütter hätten dagegen noch viel Kapazität.

Auch das Hygienekonzept sei dasselbe wie in den Kitas. So bekämen Tageseltern unter anderem Schnelltests zur Verfügung gestellt. Allerdings seien einige Testkits nicht geliefert worden – und was geliefert wird, werde nach dem Motto "macht mal" den Kommunen "vor die Füße geworfen", kritisiert Porbadnigk.

Und auch die Arbeit der Tageseltern werde nicht besonders wertgeschätzt, meinen beide: "Weder das gesagte Wort noch die finanzielle Unterstützung sind unsagbar hoch." Es habe viele Versprechungen gegeben, die "groß aufgebauscht wurden" – letztendlich sei aber nicht viel davon angekommen. Das sei "etwas frustrierend." Dabei werde die Politik in Zukunft "immer größer und weiter denken müssen, wo sie qualifizierte Leute herbekommt", denkt Sailer-Spies. Gerade die Jahre, in denen die Kinder betreut werden, seien die "wichtigsten im Leben." Die Arbeit der Tageseltern würde deshalb eine hohe Wertschätzung verdienen: "Wir brennen für unseren Beruf", sagt Porbadnigk. Aber auch in der Gesellschaft werde die Tagespflege nicht ausreichend anerkannt. Mit ihrer Ausstellung möchte Anna Porbadnigk zumindest einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass sich das bald ändern wird.

Info: Qualifizierung

Der Evangelische Tageselternverein im Landkreis Calw bildet interessierte Frauen und Männer praxisbegleitend nach den anerkannten Richtlinien des Deutschen Jugendinstituts zu Tagesmüttern und Tagesvätern aus (im Anschluss an einen Einführungskurs durch das Landratsamt). Durch die Ausbildung soll eine qualitativ hochwertige und verlässliche Betreuung gewährleistet werden. Die Qualifizierung zur Tagespflegeperson ist auch unabhängig von einer Mitgliedschaft im Verein möglich.

Bei Interesse, selbst Tagesmutter oder Tagesvater zu werden: Fachdienst Kindertagespflege, Landratsamt Calw: Silvia Murphy oder Martina Haag, Telefon 07051/160-146, Email: silvia.murphy@kreis-calw.de oder martina.haag@kreis-calw.de.

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